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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Gregors

Vom Wormser Reichstag kennen wir nur das Ergebnis, den Be-
schluß, Gregor VII. nicht als Papst anzuerkennen und seine Beseitigung
zu erstreben. Er wurde auf einer gleichzeitig tagenden Synode von vier-
undzwanzig deutschen Bischöfen und je einem burgundischen und itali-
schen unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Mainz gefaßt und fand
seinen Ausdruck in einem Schreiben an "Bruder Hildebrand", in dem
die Versammelten diesem erklärten, daß sie ihn als Papst nicht mehr
anerkennen könnten. Mit seinen unheiligen Bestrebungen spalte er in
Anmaßung und Hochmut die Kirche und verbreite überall Zwietracht
und Verwirrung, indem er den Bischöfen ihre Amtsgewalt raube und
alles an sich zu reißen suche. Den Thron habe er bestiegen unter Ver-
letzung des Wahlgesetzes von 1059 und doppeltem Eidbruch; denn auch
er habe unter Heinrich III. den Patritiat des Königs beschworen, des-
gleichen später gelobt, die päpstliche Würde niemals anzunehmen. Dazu
kamen persönliche Beschuldigungen häßlichster Art. Mit der Gattin
eines andern habe er gelebt, regiere mit einem Weibersenat und ergehe
sich in Schmähungen gegen die Bischöfe. Darum sei er für keinen der
Unterzeichner künftig mehr Papst. Dieser Erklärung trat der König
bei und richtete seinerseits ein Schreiben an "Hildebrand", seinen und
des Reiches verderblichsten Feind, der ihm seine erbliche Würde, den
Patritiat, geraubt und das Königreich Jtalien zu entreißen versucht, an
die Bischöfe, "die uns als teuerste Glieder verbunden sind", Hand an-
zulegen sich nicht gescheut und sie mit hochmütigen Schmähungen ver-
folgt habe. Jhrem gerechten Urteil beitretend, kündigt der König Gregor
den Gehorsam und befiehlt ihm, herabzusteigen vom römischen Stuhl.
Dieses Schreiben wurde Geistlichkeit und Volk von Rom mitgeteilt mit
der Aufforderung, den Mönch Hildebrand zwar nicht umzubringen --
denn das Leben werde ihm künftig schwerere Strafe sein als der Tod --
aber ihn zum Verzicht zu zwingen und einen andern, mit ihrem und sämt-
licher Bischöfe Rat gewählten Papst anzunehmen, der heilen werde, was
dieser verletzt habe.

Heinrich IV. wagte viel mit diesem Schritt und sollte bald erfahren,
daß er zu viel gewagt hatte. Er begann einen Krieg, dessen Ende er
nicht mehr erlebt, der ihn ins Unglück gestürzt, seine Regierung zum
Trauerspiel gemacht und auf die ferneren Geschicke des deutschen Reiches
einen langen und finsteren Schatten geworfen hat. Alle Not und alles
Ungemach, die seitdem über König und Reich gekommen sind, haben an

Abſetzung Gregors

Vom Wormſer Reichstag kennen wir nur das Ergebnis, den Be-
ſchluß, Gregor VII. nicht als Papſt anzuerkennen und ſeine Beſeitigung
zu erſtreben. Er wurde auf einer gleichzeitig tagenden Synode von vier-
undzwanzig deutſchen Biſchöfen und je einem burgundiſchen und itali-
ſchen unter dem Vorſitz des Erzbiſchofs von Mainz gefaßt und fand
ſeinen Ausdruck in einem Schreiben an „Bruder Hildebrand“, in dem
die Verſammelten dieſem erklärten, daß ſie ihn als Papſt nicht mehr
anerkennen könnten. Mit ſeinen unheiligen Beſtrebungen ſpalte er in
Anmaßung und Hochmut die Kirche und verbreite überall Zwietracht
und Verwirrung, indem er den Biſchöfen ihre Amtsgewalt raube und
alles an ſich zu reißen ſuche. Den Thron habe er beſtiegen unter Ver-
letzung des Wahlgeſetzes von 1059 und doppeltem Eidbruch; denn auch
er habe unter Heinrich III. den Patritiat des Königs beſchworen, des-
gleichen ſpäter gelobt, die päpſtliche Würde niemals anzunehmen. Dazu
kamen perſönliche Beſchuldigungen häßlichſter Art. Mit der Gattin
eines andern habe er gelebt, regiere mit einem Weiberſenat und ergehe
ſich in Schmähungen gegen die Biſchöfe. Darum ſei er für keinen der
Unterzeichner künftig mehr Papſt. Dieſer Erklärung trat der König
bei und richtete ſeinerſeits ein Schreiben an „Hildebrand“, ſeinen und
des Reiches verderblichſten Feind, der ihm ſeine erbliche Würde, den
Patritiat, geraubt und das Königreich Jtalien zu entreißen verſucht, an
die Biſchöfe, „die uns als teuerſte Glieder verbunden ſind“, Hand an-
zulegen ſich nicht geſcheut und ſie mit hochmütigen Schmähungen ver-
folgt habe. Jhrem gerechten Urteil beitretend, kündigt der König Gregor
den Gehorſam und befiehlt ihm, herabzuſteigen vom römiſchen Stuhl.
Dieſes Schreiben wurde Geiſtlichkeit und Volk von Rom mitgeteilt mit
der Aufforderung, den Mönch Hildebrand zwar nicht umzubringen —
denn das Leben werde ihm künftig ſchwerere Strafe ſein als der Tod —
aber ihn zum Verzicht zu zwingen und einen andern, mit ihrem und ſämt-
licher Biſchöfe Rat gewählten Papſt anzunehmen, der heilen werde, was
dieſer verletzt habe.

Heinrich IV. wagte viel mit dieſem Schritt und ſollte bald erfahren,
daß er zu viel gewagt hatte. Er begann einen Krieg, deſſen Ende er
nicht mehr erlebt, der ihn ins Unglück geſtürzt, ſeine Regierung zum
Trauerſpiel gemacht und auf die ferneren Geſchicke des deutſchen Reiches
einen langen und finſteren Schatten geworfen hat. Alle Not und alles
Ungemach, die ſeitdem über König und Reich gekommen ſind, haben an

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[364/0373] Abſetzung Gregors Vom Wormſer Reichstag kennen wir nur das Ergebnis, den Be- ſchluß, Gregor VII. nicht als Papſt anzuerkennen und ſeine Beſeitigung zu erſtreben. Er wurde auf einer gleichzeitig tagenden Synode von vier- undzwanzig deutſchen Biſchöfen und je einem burgundiſchen und itali- ſchen unter dem Vorſitz des Erzbiſchofs von Mainz gefaßt und fand ſeinen Ausdruck in einem Schreiben an „Bruder Hildebrand“, in dem die Verſammelten dieſem erklärten, daß ſie ihn als Papſt nicht mehr anerkennen könnten. Mit ſeinen unheiligen Beſtrebungen ſpalte er in Anmaßung und Hochmut die Kirche und verbreite überall Zwietracht und Verwirrung, indem er den Biſchöfen ihre Amtsgewalt raube und alles an ſich zu reißen ſuche. Den Thron habe er beſtiegen unter Ver- letzung des Wahlgeſetzes von 1059 und doppeltem Eidbruch; denn auch er habe unter Heinrich III. den Patritiat des Königs beſchworen, des- gleichen ſpäter gelobt, die päpſtliche Würde niemals anzunehmen. Dazu kamen perſönliche Beſchuldigungen häßlichſter Art. Mit der Gattin eines andern habe er gelebt, regiere mit einem Weiberſenat und ergehe ſich in Schmähungen gegen die Biſchöfe. Darum ſei er für keinen der Unterzeichner künftig mehr Papſt. Dieſer Erklärung trat der König bei und richtete ſeinerſeits ein Schreiben an „Hildebrand“, ſeinen und des Reiches verderblichſten Feind, der ihm ſeine erbliche Würde, den Patritiat, geraubt und das Königreich Jtalien zu entreißen verſucht, an die Biſchöfe, „die uns als teuerſte Glieder verbunden ſind“, Hand an- zulegen ſich nicht geſcheut und ſie mit hochmütigen Schmähungen ver- folgt habe. Jhrem gerechten Urteil beitretend, kündigt der König Gregor den Gehorſam und befiehlt ihm, herabzuſteigen vom römiſchen Stuhl. Dieſes Schreiben wurde Geiſtlichkeit und Volk von Rom mitgeteilt mit der Aufforderung, den Mönch Hildebrand zwar nicht umzubringen — denn das Leben werde ihm künftig ſchwerere Strafe ſein als der Tod — aber ihn zum Verzicht zu zwingen und einen andern, mit ihrem und ſämt- licher Biſchöfe Rat gewählten Papſt anzunehmen, der heilen werde, was dieſer verletzt habe. Heinrich IV. wagte viel mit dieſem Schritt und ſollte bald erfahren, daß er zu viel gewagt hatte. Er begann einen Krieg, deſſen Ende er nicht mehr erlebt, der ihn ins Unglück geſtürzt, ſeine Regierung zum Trauerſpiel gemacht und auf die ferneren Geſchicke des deutſchen Reiches einen langen und finſteren Schatten geworfen hat. Alle Not und alles Ungemach, die ſeitdem über König und Reich gekommen ſind, haben an

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 364. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/373>, abgerufen am 19.09.2020.