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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Reichstag in Worms
Sein ganzes Verhalten seit dem Sieg über die Sachsen macht den
Eindruck, daß er in Gregor nur noch den Gegner sah, den er zu bekämpfen
entschlossen war und zu überwinden sich getraute. So verfuhr er auch
jetzt. Das Schreiben des Papstes und die mündlichen Eröffnungen der
Überbringer nahm er auf wie einen hingeworfenen Fehdehandschuh,
brachte beides sogleich vor die Öffentlichkeit und holte zum Gegenschag
aus. Um die Jahreswende empfing er die Botschaft des Papstes, drei
Wochen später hielt er in Worms einen Reichstag ab, an dem außer
weltlichen Fürsten die Mehrzahl der deutschen Bischöfe teilnahm. Auch
aus dem Burgundischen und aus Jtalien war je einer anwesend. Und
noch jemand hatte sich eingefunden, Kardinal Hugo der Weiße. Seit
er in Ungnade gefallen war, fuhr er in der Welt herum und wühlte
gegen Gregor, zu dessen Erhebung er selbst das meiste beigetragen hatte.
Er war in der Lage, über die Person des Papstes, sein Vorleben und die
Art seiner Thronbesteigung Enthüllungen zu machen. Die häßlichen
Dinge, die seitdem von Gregor erzählt und vielfach geglaubt wurden,
daß er die Kardinäle nicht befrage, mit einer bedenklichen Umgebung
regiere, foltern und töten lasse, Zauberei treibe und ähnliches, gehen
wohl auf diesen ehemaligen Freund und Helfer zurück. Er hat auch in
Worms mit seinen gehässigen Schilderungen dazu beigetragen, die Ge-
müter gegen den Papst zu erhitzen. Damit mag er den Entschluß er-
leichtert haben, der für den König von vornherein festgestanden haben
wird. Wenn Heinrich überblickte, was er von Gregor erlebt hatte, in
Jtalien und Deutschland, in kirchlichen und weltlichen Dingen, so
konnte er wohl zu der Überzeugung kommen, daß es mit diesem Mann
keinen aufrichtigen Frieden gebe. Sah man über Einzelheiten hinweg,
selbst über solche wie die moralische Unterstützung des Aufstandes gegen
die deutsche Oberhoheit in Ungarn, so war doch kein Zweifel, daß Gregor
in letzter Linie Gehorsam auch vom König und Kaiser verlange. Die
deutsche Krone sollte den Geboten des Papstes unterworfen sein. Das
aber traf den Punkt, in dem auch Heinrich -- wir berührten es schon --
freiwillig niemals nachgeben konnte. Darum war der Kampf zwischen
König und Papst unvermeidlich, und darum war es von Anfang an ein
Kampf auf Tod und Leben. So hatte, wie dem König hinterbracht
wurde, auch Gregor sich offen ausgesprochen: er wolle entweder selbst
sterben oder dem König Seele und Reich nehmen. Nur um die Art, wie
der Kampf zu führen sei, konnte es sich noch handeln.

Reichstag in Worms
Sein ganzes Verhalten ſeit dem Sieg über die Sachſen macht den
Eindruck, daß er in Gregor nur noch den Gegner ſah, den er zu bekämpfen
entſchloſſen war und zu überwinden ſich getraute. So verfuhr er auch
jetzt. Das Schreiben des Papſtes und die mündlichen Eröffnungen der
Überbringer nahm er auf wie einen hingeworfenen Fehdehandſchuh,
brachte beides ſogleich vor die Öffentlichkeit und holte zum Gegenſchag
aus. Um die Jahreswende empfing er die Botſchaft des Papſtes, drei
Wochen ſpäter hielt er in Worms einen Reichstag ab, an dem außer
weltlichen Fürſten die Mehrzahl der deutſchen Biſchöfe teilnahm. Auch
aus dem Burgundiſchen und aus Jtalien war je einer anweſend. Und
noch jemand hatte ſich eingefunden, Kardinal Hugo der Weiße. Seit
er in Ungnade gefallen war, fuhr er in der Welt herum und wühlte
gegen Gregor, zu deſſen Erhebung er ſelbſt das meiſte beigetragen hatte.
Er war in der Lage, über die Perſon des Papſtes, ſein Vorleben und die
Art ſeiner Thronbeſteigung Enthüllungen zu machen. Die häßlichen
Dinge, die ſeitdem von Gregor erzählt und vielfach geglaubt wurden,
daß er die Kardinäle nicht befrage, mit einer bedenklichen Umgebung
regiere, foltern und töten laſſe, Zauberei treibe und ähnliches, gehen
wohl auf dieſen ehemaligen Freund und Helfer zurück. Er hat auch in
Worms mit ſeinen gehäſſigen Schilderungen dazu beigetragen, die Ge-
müter gegen den Papſt zu erhitzen. Damit mag er den Entſchluß er-
leichtert haben, der für den König von vornherein feſtgeſtanden haben
wird. Wenn Heinrich überblickte, was er von Gregor erlebt hatte, in
Jtalien und Deutſchland, in kirchlichen und weltlichen Dingen, ſo
konnte er wohl zu der Überzeugung kommen, daß es mit dieſem Mann
keinen aufrichtigen Frieden gebe. Sah man über Einzelheiten hinweg,
ſelbſt über ſolche wie die moraliſche Unterſtützung des Aufſtandes gegen
die deutſche Oberhoheit in Ungarn, ſo war doch kein Zweifel, daß Gregor
in letzter Linie Gehorſam auch vom König und Kaiſer verlange. Die
deutſche Krone ſollte den Geboten des Papſtes unterworfen ſein. Das
aber traf den Punkt, in dem auch Heinrich — wir berührten es ſchon —
freiwillig niemals nachgeben konnte. Darum war der Kampf zwiſchen
König und Papſt unvermeidlich, und darum war es von Anfang an ein
Kampf auf Tod und Leben. So hatte, wie dem König hinterbracht
wurde, auch Gregor ſich offen ausgeſprochen: er wolle entweder ſelbſt
ſterben oder dem König Seele und Reich nehmen. Nur um die Art, wie
der Kampf zu führen ſei, konnte es ſich noch handeln.

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[363/0372] Reichstag in Worms Sein ganzes Verhalten ſeit dem Sieg über die Sachſen macht den Eindruck, daß er in Gregor nur noch den Gegner ſah, den er zu bekämpfen entſchloſſen war und zu überwinden ſich getraute. So verfuhr er auch jetzt. Das Schreiben des Papſtes und die mündlichen Eröffnungen der Überbringer nahm er auf wie einen hingeworfenen Fehdehandſchuh, brachte beides ſogleich vor die Öffentlichkeit und holte zum Gegenſchag aus. Um die Jahreswende empfing er die Botſchaft des Papſtes, drei Wochen ſpäter hielt er in Worms einen Reichstag ab, an dem außer weltlichen Fürſten die Mehrzahl der deutſchen Biſchöfe teilnahm. Auch aus dem Burgundiſchen und aus Jtalien war je einer anweſend. Und noch jemand hatte ſich eingefunden, Kardinal Hugo der Weiße. Seit er in Ungnade gefallen war, fuhr er in der Welt herum und wühlte gegen Gregor, zu deſſen Erhebung er ſelbſt das meiſte beigetragen hatte. Er war in der Lage, über die Perſon des Papſtes, ſein Vorleben und die Art ſeiner Thronbeſteigung Enthüllungen zu machen. Die häßlichen Dinge, die ſeitdem von Gregor erzählt und vielfach geglaubt wurden, daß er die Kardinäle nicht befrage, mit einer bedenklichen Umgebung regiere, foltern und töten laſſe, Zauberei treibe und ähnliches, gehen wohl auf dieſen ehemaligen Freund und Helfer zurück. Er hat auch in Worms mit ſeinen gehäſſigen Schilderungen dazu beigetragen, die Ge- müter gegen den Papſt zu erhitzen. Damit mag er den Entſchluß er- leichtert haben, der für den König von vornherein feſtgeſtanden haben wird. Wenn Heinrich überblickte, was er von Gregor erlebt hatte, in Jtalien und Deutſchland, in kirchlichen und weltlichen Dingen, ſo konnte er wohl zu der Überzeugung kommen, daß es mit dieſem Mann keinen aufrichtigen Frieden gebe. Sah man über Einzelheiten hinweg, ſelbſt über ſolche wie die moraliſche Unterſtützung des Aufſtandes gegen die deutſche Oberhoheit in Ungarn, ſo war doch kein Zweifel, daß Gregor in letzter Linie Gehorſam auch vom König und Kaiſer verlange. Die deutſche Krone ſollte den Geboten des Papſtes unterworfen ſein. Das aber traf den Punkt, in dem auch Heinrich — wir berührten es ſchon — freiwillig niemals nachgeben konnte. Darum war der Kampf zwiſchen König und Papſt unvermeidlich, und darum war es von Anfang an ein Kampf auf Tod und Leben. So hatte, wie dem König hinterbracht wurde, auch Gregor ſich offen ausgeſprochen: er wolle entweder ſelbſt ſterben oder dem König Seele und Reich nehmen. Nur um die Art, wie der Kampf zu führen ſei, konnte es ſich noch handeln.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 363. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/372>, abgerufen am 19.09.2020.