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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Ultimatum Gregors
mit dem Papst übte er sie in Fermo und Spoleto, im engeren römischen
Sprengel. Was aber Gregor am meisten beunruhigen mußte: der König
nahm Verbindung auf mit Robert Guiscard. Zu diesem begaben sich der
Nellenburger und der Kanzler des italischen Reichs und forderten ihn
auf, sein Land vom König zu Lehen zu nehmen. Das lehnte der Herzog
zwar ab, aber die Vermittlung im Krieg mit Richard von Capua ließ
er sich gefallen, und so kam mit diesem der Friede zustande. Mit ver-
einten Kräften wandten sich die beiden Normannenfürsten gegen die
letzten noch unabhängigen Plätze, Neapel und Salerno. Die ganze
unteritalische Politik des Papstes war zusammengebrochen, fortan mußte
er damit rechnen, daß ihm die geschlossene Front der Nachbarn gegen-
überstand.

So entschloß er sich zu einem letzten Versuch, mit Heinrich zur Ver-
ständigung zu gelangen. Anfang Dezember sandte er ihm ein längeres
Schreiben, das Vorwürfe mit Anerbietungen verband und in einem
Ultimatum ausklang. Mit ernsten Worten hielt er dem König vor, wie
wenig seine Handlungen seinen Versicherungen entsprächen; daß er im
Papst den heiligen Petrus selbst enttäuscht habe; erinnerte ihn ferner an
das Anerbieten, über ein gewisses Dekret, an dem manche Anstoß
nähmen -- es kann nur das Jnvestiturverbot gemeint sein -- zu ver-
handeln, um es unter Umständen zu mildern; er schloß mit der väterlichen
Mahnung, nicht zu vergessen, wie gefährlich es sei, die eigene Ehre der
Ehre Christi vorzuziehen. Für den errungenen Sieg über die Feinde sei
der König Gott und Sankt Peter um so mehr verpflichtet. Erst der
Schluß des Schreibens enthielt eine scharfe Spitze: Heinrich solle be-
denken, wie es Saul ergangen sei, als er sich seines Triumphes rühmte
und die Mahnungen des Propheten nicht befolgte; wie er vom Herrn
verworfen worden und welche Gnade David zum Lohn für seine Demut
zuteil geworden sei. Der Satz war an sich schon deutlich genug, die Über-
bringer sollten ihn unterstreichen, indem sie Heinrich ganz im Vertrauen
aufforderten, seine ausgeschlossenen Räte zu entfernen und Buße zu
tun für seine "Verbrechen", durch die er nach göttlichem und mensch-
lichem Recht nicht nur den Ausschluß aus der Gemeinschaft, sondern die
Absetzung verdient hätte.

Ob es angebracht war, diese Drohung auszusprechen, wenn man noch
an die Möglichkeit einer Verständigung glaubte, läßt sich bezweifeln.
Aber mehr als zweifelhaft ist, ob Heinrich noch an Verständigung dachte.

Ultimatum Gregors
mit dem Papſt übte er ſie in Fermo und Spoleto, im engeren römiſchen
Sprengel. Was aber Gregor am meiſten beunruhigen mußte: der König
nahm Verbindung auf mit Robert Guiscard. Zu dieſem begaben ſich der
Nellenburger und der Kanzler des italiſchen Reichs und forderten ihn
auf, ſein Land vom König zu Lehen zu nehmen. Das lehnte der Herzog
zwar ab, aber die Vermittlung im Krieg mit Richard von Capua ließ
er ſich gefallen, und ſo kam mit dieſem der Friede zuſtande. Mit ver-
einten Kräften wandten ſich die beiden Normannenfürſten gegen die
letzten noch unabhängigen Plätze, Neapel und Salerno. Die ganze
unteritaliſche Politik des Papſtes war zuſammengebrochen, fortan mußte
er damit rechnen, daß ihm die geſchloſſene Front der Nachbarn gegen-
überſtand.

So entſchloß er ſich zu einem letzten Verſuch, mit Heinrich zur Ver-
ſtändigung zu gelangen. Anfang Dezember ſandte er ihm ein längeres
Schreiben, das Vorwürfe mit Anerbietungen verband und in einem
Ultimatum ausklang. Mit ernſten Worten hielt er dem König vor, wie
wenig ſeine Handlungen ſeinen Verſicherungen entſprächen; daß er im
Papſt den heiligen Petrus ſelbſt enttäuſcht habe; erinnerte ihn ferner an
das Anerbieten, über ein gewiſſes Dekret, an dem manche Anſtoß
nähmen — es kann nur das Jnveſtiturverbot gemeint ſein — zu ver-
handeln, um es unter Umſtänden zu mildern; er ſchloß mit der väterlichen
Mahnung, nicht zu vergeſſen, wie gefährlich es ſei, die eigene Ehre der
Ehre Chriſti vorzuziehen. Für den errungenen Sieg über die Feinde ſei
der König Gott und Sankt Peter um ſo mehr verpflichtet. Erſt der
Schluß des Schreibens enthielt eine ſcharfe Spitze: Heinrich ſolle be-
denken, wie es Saul ergangen ſei, als er ſich ſeines Triumphes rühmte
und die Mahnungen des Propheten nicht befolgte; wie er vom Herrn
verworfen worden und welche Gnade David zum Lohn für ſeine Demut
zuteil geworden ſei. Der Satz war an ſich ſchon deutlich genug, die Über-
bringer ſollten ihn unterſtreichen, indem ſie Heinrich ganz im Vertrauen
aufforderten, ſeine ausgeſchloſſenen Räte zu entfernen und Buße zu
tun für ſeine „Verbrechen“, durch die er nach göttlichem und menſch-
lichem Recht nicht nur den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft, ſondern die
Abſetzung verdient hätte.

Ob es angebracht war, dieſe Drohung auszuſprechen, wenn man noch
an die Möglichkeit einer Verſtändigung glaubte, läßt ſich bezweifeln.
Aber mehr als zweifelhaft iſt, ob Heinrich noch an Verſtändigung dachte.

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[362/0371] Ultimatum Gregors mit dem Papſt übte er ſie in Fermo und Spoleto, im engeren römiſchen Sprengel. Was aber Gregor am meiſten beunruhigen mußte: der König nahm Verbindung auf mit Robert Guiscard. Zu dieſem begaben ſich der Nellenburger und der Kanzler des italiſchen Reichs und forderten ihn auf, ſein Land vom König zu Lehen zu nehmen. Das lehnte der Herzog zwar ab, aber die Vermittlung im Krieg mit Richard von Capua ließ er ſich gefallen, und ſo kam mit dieſem der Friede zuſtande. Mit ver- einten Kräften wandten ſich die beiden Normannenfürſten gegen die letzten noch unabhängigen Plätze, Neapel und Salerno. Die ganze unteritaliſche Politik des Papſtes war zuſammengebrochen, fortan mußte er damit rechnen, daß ihm die geſchloſſene Front der Nachbarn gegen- überſtand. So entſchloß er ſich zu einem letzten Verſuch, mit Heinrich zur Ver- ſtändigung zu gelangen. Anfang Dezember ſandte er ihm ein längeres Schreiben, das Vorwürfe mit Anerbietungen verband und in einem Ultimatum ausklang. Mit ernſten Worten hielt er dem König vor, wie wenig ſeine Handlungen ſeinen Verſicherungen entſprächen; daß er im Papſt den heiligen Petrus ſelbſt enttäuſcht habe; erinnerte ihn ferner an das Anerbieten, über ein gewiſſes Dekret, an dem manche Anſtoß nähmen — es kann nur das Jnveſtiturverbot gemeint ſein — zu ver- handeln, um es unter Umſtänden zu mildern; er ſchloß mit der väterlichen Mahnung, nicht zu vergeſſen, wie gefährlich es ſei, die eigene Ehre der Ehre Chriſti vorzuziehen. Für den errungenen Sieg über die Feinde ſei der König Gott und Sankt Peter um ſo mehr verpflichtet. Erſt der Schluß des Schreibens enthielt eine ſcharfe Spitze: Heinrich ſolle be- denken, wie es Saul ergangen ſei, als er ſich ſeines Triumphes rühmte und die Mahnungen des Propheten nicht befolgte; wie er vom Herrn verworfen worden und welche Gnade David zum Lohn für ſeine Demut zuteil geworden ſei. Der Satz war an ſich ſchon deutlich genug, die Über- bringer ſollten ihn unterſtreichen, indem ſie Heinrich ganz im Vertrauen aufforderten, ſeine ausgeſchloſſenen Räte zu entfernen und Buße zu tun für ſeine „Verbrechen“, durch die er nach göttlichem und menſch- lichem Recht nicht nur den Ausſchluß aus der Gemeinſchaft, ſondern die Abſetzung verdient hätte. Ob es angebracht war, dieſe Drohung auszuſprechen, wenn man noch an die Möglichkeit einer Verſtändigung glaubte, läßt ſich bezweifeln. Aber mehr als zweifelhaft iſt, ob Heinrich noch an Verſtändigung dachte.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 362. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/371>, abgerufen am 19.09.2020.