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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Eingreifen Heinrichs IV.
ist nicht erweisbar. Aber als die Mailänder bei ihm erschienen, zögerte
er nicht, sein Recht auszuüben. Er hat wohl niemals ernstlich gemeint,
dem Papst den Willen zu tun. So wenig man ihn für weitblickend und
besonnen halten kann, so leicht er sich im Augenblick entmutigen ließ, an
seiner Würde und seinem Recht hat er sein Leben lang mit Zähigkeit
festgehalten. Die Versprechungen, die er dem Papst machte, waren ihm
von der Not abgepreßt, er hielt sich nicht an sie gebunden, als die Not
vorüber war. Und eben jetzt trat die Wendung ein, die ihm die Freiheit
der Entschließung wiedergab. Am 9. Juni 1075 wurde das Heer der
Sachsen bei Homburg an der Unstrut entscheidend geschlagen, ihre
Sache war verloren. Ende Oktober unterwarfen sich ihre Führer und
blieben in Haft, der König war wieder Herr des Reiches, Rücksicht auf
den Papst schien jetzt überflüssig. Gern willfahrte er daher dem Wunsch
der Mailänder und sandte den Grafen von Nellenburg in die Lombardei,
der dort einen Reichstag abhielt, die Patarener aus Piacenza und Cre-
mona verjagte und in Mailand den vom König investierten neuen Erz-
bischof einsetzte und weihen ließ. Es war Tedald, ein vornehmer Mai-
länder, der in der königlichen Kapelle diente. Auf Gotfried, den bis-
herigen königlichen Erzbischof, der in einem Winkel der Provinz fast
verschollen saß, wurde ebensowenig Rücksicht genommen wie auf Atto,
der unter dem Schutz des Papstes in Rom lebte.

Des Königs Verfahren war eine kecke Herausforderung, bei der er
sich vollständig ins Unrecht setzte. Dem Papst schrieb er hinhaltende
Briefe, die aber schon einen andern Ton als früher hören ließen, kündigte
Bevollmächtigte an, die vertraulich verhandeln sollten, und schickte sie
nicht. Gregor dagegen beobachtete ungewöhnliche Zurückhaltung. Er
schenkte dem König schon kein Vertrauen mehr, ließ es ihn aber nicht
fühlen, schrieb ihm sogar wohlwollend und erkannte sein Verhalten in
der Bamberger Sache an, wo er den abgesetzten Bischof hatte fallen
lassen. Gregor wartete offenbar ab. War es die neue Machtstellung
Heinrichs, die ihm Vorsicht gebot, war es das Gefühl, mit der Wendung
in Mailand den Boden unter den Füßen verloren zu haben -- er stellte
sich sogar gegen Tedald vorsichtig, fast rücksichtsvoll, verhängte keine
Strafe über ihn, lud ihn vielmehr zur nächsten Synode ein, auf der
über seinen Anspruch entschieden werden könne, und verbot ihm nur, sich
vorher weihen zu lassen. So vergingen Sommer und Herbst. Jnzwischen
kehrte sich Heinrich nicht an das Verbot der Jnvestitur, ohne Fühlung

Eingreifen Heinrichs IV.
iſt nicht erweisbar. Aber als die Mailänder bei ihm erſchienen, zögerte
er nicht, ſein Recht auszuüben. Er hat wohl niemals ernſtlich gemeint,
dem Papſt den Willen zu tun. So wenig man ihn für weitblickend und
beſonnen halten kann, ſo leicht er ſich im Augenblick entmutigen ließ, an
ſeiner Würde und ſeinem Recht hat er ſein Leben lang mit Zähigkeit
feſtgehalten. Die Verſprechungen, die er dem Papſt machte, waren ihm
von der Not abgepreßt, er hielt ſich nicht an ſie gebunden, als die Not
vorüber war. Und eben jetzt trat die Wendung ein, die ihm die Freiheit
der Entſchließung wiedergab. Am 9. Juni 1075 wurde das Heer der
Sachſen bei Homburg an der Unſtrut entſcheidend geſchlagen, ihre
Sache war verloren. Ende Oktober unterwarfen ſich ihre Führer und
blieben in Haft, der König war wieder Herr des Reiches, Rückſicht auf
den Papſt ſchien jetzt überflüſſig. Gern willfahrte er daher dem Wunſch
der Mailänder und ſandte den Grafen von Nellenburg in die Lombardei,
der dort einen Reichstag abhielt, die Patarener aus Piacenza und Cre-
mona verjagte und in Mailand den vom König inveſtierten neuen Erz-
biſchof einſetzte und weihen ließ. Es war Tedald, ein vornehmer Mai-
länder, der in der königlichen Kapelle diente. Auf Gotfried, den bis-
herigen königlichen Erzbiſchof, der in einem Winkel der Provinz faſt
verſchollen ſaß, wurde ebenſowenig Rückſicht genommen wie auf Atto,
der unter dem Schutz des Papſtes in Rom lebte.

Des Königs Verfahren war eine kecke Herausforderung, bei der er
ſich vollſtändig ins Unrecht ſetzte. Dem Papſt ſchrieb er hinhaltende
Briefe, die aber ſchon einen andern Ton als früher hören ließen, kündigte
Bevollmächtigte an, die vertraulich verhandeln ſollten, und ſchickte ſie
nicht. Gregor dagegen beobachtete ungewöhnliche Zurückhaltung. Er
ſchenkte dem König ſchon kein Vertrauen mehr, ließ es ihn aber nicht
fühlen, ſchrieb ihm ſogar wohlwollend und erkannte ſein Verhalten in
der Bamberger Sache an, wo er den abgeſetzten Biſchof hatte fallen
laſſen. Gregor wartete offenbar ab. War es die neue Machtſtellung
Heinrichs, die ihm Vorſicht gebot, war es das Gefühl, mit der Wendung
in Mailand den Boden unter den Füßen verloren zu haben — er ſtellte
ſich ſogar gegen Tedald vorſichtig, faſt rückſichtsvoll, verhängte keine
Strafe über ihn, lud ihn vielmehr zur nächſten Synode ein, auf der
über ſeinen Anſpruch entſchieden werden könne, und verbot ihm nur, ſich
vorher weihen zu laſſen. So vergingen Sommer und Herbſt. Jnzwiſchen
kehrte ſich Heinrich nicht an das Verbot der Jnveſtitur, ohne Fühlung

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[361/0370] Eingreifen Heinrichs IV. iſt nicht erweisbar. Aber als die Mailänder bei ihm erſchienen, zögerte er nicht, ſein Recht auszuüben. Er hat wohl niemals ernſtlich gemeint, dem Papſt den Willen zu tun. So wenig man ihn für weitblickend und beſonnen halten kann, ſo leicht er ſich im Augenblick entmutigen ließ, an ſeiner Würde und ſeinem Recht hat er ſein Leben lang mit Zähigkeit feſtgehalten. Die Verſprechungen, die er dem Papſt machte, waren ihm von der Not abgepreßt, er hielt ſich nicht an ſie gebunden, als die Not vorüber war. Und eben jetzt trat die Wendung ein, die ihm die Freiheit der Entſchließung wiedergab. Am 9. Juni 1075 wurde das Heer der Sachſen bei Homburg an der Unſtrut entſcheidend geſchlagen, ihre Sache war verloren. Ende Oktober unterwarfen ſich ihre Führer und blieben in Haft, der König war wieder Herr des Reiches, Rückſicht auf den Papſt ſchien jetzt überflüſſig. Gern willfahrte er daher dem Wunſch der Mailänder und ſandte den Grafen von Nellenburg in die Lombardei, der dort einen Reichstag abhielt, die Patarener aus Piacenza und Cre- mona verjagte und in Mailand den vom König inveſtierten neuen Erz- biſchof einſetzte und weihen ließ. Es war Tedald, ein vornehmer Mai- länder, der in der königlichen Kapelle diente. Auf Gotfried, den bis- herigen königlichen Erzbiſchof, der in einem Winkel der Provinz faſt verſchollen ſaß, wurde ebenſowenig Rückſicht genommen wie auf Atto, der unter dem Schutz des Papſtes in Rom lebte. Des Königs Verfahren war eine kecke Herausforderung, bei der er ſich vollſtändig ins Unrecht ſetzte. Dem Papſt ſchrieb er hinhaltende Briefe, die aber ſchon einen andern Ton als früher hören ließen, kündigte Bevollmächtigte an, die vertraulich verhandeln ſollten, und ſchickte ſie nicht. Gregor dagegen beobachtete ungewöhnliche Zurückhaltung. Er ſchenkte dem König ſchon kein Vertrauen mehr, ließ es ihn aber nicht fühlen, ſchrieb ihm ſogar wohlwollend und erkannte ſein Verhalten in der Bamberger Sache an, wo er den abgeſetzten Biſchof hatte fallen laſſen. Gregor wartete offenbar ab. War es die neue Machtſtellung Heinrichs, die ihm Vorſicht gebot, war es das Gefühl, mit der Wendung in Mailand den Boden unter den Füßen verloren zu haben — er ſtellte ſich ſogar gegen Tedald vorſichtig, faſt rückſichtsvoll, verhängte keine Strafe über ihn, lud ihn vielmehr zur nächſten Synode ein, auf der über ſeinen Anſpruch entſchieden werden könne, und verbot ihm nur, ſich vorher weihen zu laſſen. So vergingen Sommer und Herbſt. Jnzwiſchen kehrte ſich Heinrich nicht an das Verbot der Jnveſtitur, ohne Fühlung

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 361. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/370>, abgerufen am 19.09.2020.