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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Mancherlei Pläne. -- Umschwung in Mailand
möchte glauben, höher ließen sich die Vorstellungen und Ansprüche nicht
treiben. Und doch -- wir werden sehen, daß Gregor VII. mit den
Thesen des Dictatus sein letztes Wort noch nicht gesprochen hat.

Jn den Wochen nach der Synode sehen wir den Papst die Durch-
führung der gefaßten Beschlüsse besonders in Deutschland betreiben.
Befehle gehen deswegen an eine Anzahl von Erzbischöfen. Daneben be-
schäftigen ihn zahlreiche Einzelfälle in französischen und deutschen Kir-
chen und der Lombardei. Den Bischof von Bamberg, der sich dem
Simonieprozeß durch Nichterscheinen zu entziehen versucht, dann frei-
willige Abdankung versprochen, aber sein Wort nicht gehalten hat,
trifft Absetzung und Ausschluß, zwischen Prag und Olmütz wird eine
Entscheidung gefällt. Auch in staatliche Fragen greift der Papst unge-
scheut ein. Jn Ungarn bekämpft er den Anspruch des deutschen Königs
auf Oberhoheit, sucht einen Häuptling, der den König, Heinrichs IV.
Schwager, gestürzt hat, zu gewinnen, denn Ungarn, wie er mit kecker
Verdrehung der Tatsachen behauptet, sei Eigentum der römischen
Kirche, von König Stefan Sankt Peter geschenkt. Seine Pläne reichen
in weite Ferne. Den König von Dänemark fragt er, ob sein Wille noch
sei, in die Schutzherrschaft Sankt Peters sich zu begeben, wie er früher
einmal hat wissen lassen. Nach Polen fertigt er Legaten ab, um die
verwilderten kirchlichen Verhältnisse des Landes zu ordnen, und bis ins
Rußland von Kiew reicht sein Arm. Ein vertriebener Großfürst hat
durch einen Sohn sein Land vom heiligen Petrus zu Lehen nehmen lassen,
und Gregor begrüßt gnädig den neuen Vassallen. Mit vollen Segeln
fährt sein Schiff auf die hohe See weit ausgreifender politischer Ent-
würfe. Da müssen ihn die Nachrichten schwer getroffen haben, die ihn
noch im April 1075 erreicht haben werden: in Mailand war die Herr-
schaft der Pataria gebrochen, Erlembald tot. Wie es gekommen, ist nicht
ganz zu durchschauen. Eine Feuersbrunst, die die halbe Stadt und den
Dom zerstörte, hatte den ersten Anstoß gegeben, man hielt Patarener
für die Brandstifter. Dazu kamen Eigenmächtigkeiten der Aufständi-
schen bei der österlichen Taufe, die das Volk aufbrachten -- die Stim-
mung schlug um, es bildete sich ein Gegenbund, und dieser siegte in
der Straßenschlacht, in der Erlembald fiel. Die Sieger wandten sich an
den König, um von ihm die Neuordnung der Dinge zu erbitten.

Daß Heinrich IV. bei diesem Umschwung die Hand im Spiel gehabt,

Mancherlei Pläne. — Umſchwung in Mailand
möchte glauben, höher ließen ſich die Vorſtellungen und Anſprüche nicht
treiben. Und doch — wir werden ſehen, daß Gregor VII. mit den
Theſen des Dictatus ſein letztes Wort noch nicht geſprochen hat.

Jn den Wochen nach der Synode ſehen wir den Papſt die Durch-
führung der gefaßten Beſchlüſſe beſonders in Deutſchland betreiben.
Befehle gehen deswegen an eine Anzahl von Erzbiſchöfen. Daneben be-
ſchäftigen ihn zahlreiche Einzelfälle in franzöſiſchen und deutſchen Kir-
chen und der Lombardei. Den Biſchof von Bamberg, der ſich dem
Simonieprozeß durch Nichterſcheinen zu entziehen verſucht, dann frei-
willige Abdankung verſprochen, aber ſein Wort nicht gehalten hat,
trifft Abſetzung und Ausſchluß, zwiſchen Prag und Olmütz wird eine
Entſcheidung gefällt. Auch in ſtaatliche Fragen greift der Papſt unge-
ſcheut ein. Jn Ungarn bekämpft er den Anſpruch des deutſchen Königs
auf Oberhoheit, ſucht einen Häuptling, der den König, Heinrichs IV.
Schwager, geſtürzt hat, zu gewinnen, denn Ungarn, wie er mit kecker
Verdrehung der Tatſachen behauptet, ſei Eigentum der römiſchen
Kirche, von König Stefan Sankt Peter geſchenkt. Seine Pläne reichen
in weite Ferne. Den König von Dänemark fragt er, ob ſein Wille noch
ſei, in die Schutzherrſchaft Sankt Peters ſich zu begeben, wie er früher
einmal hat wiſſen laſſen. Nach Polen fertigt er Legaten ab, um die
verwilderten kirchlichen Verhältniſſe des Landes zu ordnen, und bis ins
Rußland von Kiew reicht ſein Arm. Ein vertriebener Großfürſt hat
durch einen Sohn ſein Land vom heiligen Petrus zu Lehen nehmen laſſen,
und Gregor begrüßt gnädig den neuen Vaſſallen. Mit vollen Segeln
fährt ſein Schiff auf die hohe See weit ausgreifender politiſcher Ent-
würfe. Da müſſen ihn die Nachrichten ſchwer getroffen haben, die ihn
noch im April 1075 erreicht haben werden: in Mailand war die Herr-
ſchaft der Pataria gebrochen, Erlembald tot. Wie es gekommen, iſt nicht
ganz zu durchſchauen. Eine Feuersbrunſt, die die halbe Stadt und den
Dom zerſtörte, hatte den erſten Anſtoß gegeben, man hielt Patarener
für die Brandſtifter. Dazu kamen Eigenmächtigkeiten der Aufſtändi-
ſchen bei der öſterlichen Taufe, die das Volk aufbrachten — die Stim-
mung ſchlug um, es bildete ſich ein Gegenbund, und dieſer ſiegte in
der Straßenſchlacht, in der Erlembald fiel. Die Sieger wandten ſich an
den König, um von ihm die Neuordnung der Dinge zu erbitten.

Daß Heinrich IV. bei dieſem Umſchwung die Hand im Spiel gehabt,

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[360/0369] Mancherlei Pläne. — Umſchwung in Mailand möchte glauben, höher ließen ſich die Vorſtellungen und Anſprüche nicht treiben. Und doch — wir werden ſehen, daß Gregor VII. mit den Theſen des Dictatus ſein letztes Wort noch nicht geſprochen hat. Jn den Wochen nach der Synode ſehen wir den Papſt die Durch- führung der gefaßten Beſchlüſſe beſonders in Deutſchland betreiben. Befehle gehen deswegen an eine Anzahl von Erzbiſchöfen. Daneben be- ſchäftigen ihn zahlreiche Einzelfälle in franzöſiſchen und deutſchen Kir- chen und der Lombardei. Den Biſchof von Bamberg, der ſich dem Simonieprozeß durch Nichterſcheinen zu entziehen verſucht, dann frei- willige Abdankung verſprochen, aber ſein Wort nicht gehalten hat, trifft Abſetzung und Ausſchluß, zwiſchen Prag und Olmütz wird eine Entſcheidung gefällt. Auch in ſtaatliche Fragen greift der Papſt unge- ſcheut ein. Jn Ungarn bekämpft er den Anſpruch des deutſchen Königs auf Oberhoheit, ſucht einen Häuptling, der den König, Heinrichs IV. Schwager, geſtürzt hat, zu gewinnen, denn Ungarn, wie er mit kecker Verdrehung der Tatſachen behauptet, ſei Eigentum der römiſchen Kirche, von König Stefan Sankt Peter geſchenkt. Seine Pläne reichen in weite Ferne. Den König von Dänemark fragt er, ob ſein Wille noch ſei, in die Schutzherrſchaft Sankt Peters ſich zu begeben, wie er früher einmal hat wiſſen laſſen. Nach Polen fertigt er Legaten ab, um die verwilderten kirchlichen Verhältniſſe des Landes zu ordnen, und bis ins Rußland von Kiew reicht ſein Arm. Ein vertriebener Großfürſt hat durch einen Sohn ſein Land vom heiligen Petrus zu Lehen nehmen laſſen, und Gregor begrüßt gnädig den neuen Vaſſallen. Mit vollen Segeln fährt ſein Schiff auf die hohe See weit ausgreifender politiſcher Ent- würfe. Da müſſen ihn die Nachrichten ſchwer getroffen haben, die ihn noch im April 1075 erreicht haben werden: in Mailand war die Herr- ſchaft der Pataria gebrochen, Erlembald tot. Wie es gekommen, iſt nicht ganz zu durchſchauen. Eine Feuersbrunſt, die die halbe Stadt und den Dom zerſtörte, hatte den erſten Anſtoß gegeben, man hielt Patarener für die Brandſtifter. Dazu kamen Eigenmächtigkeiten der Aufſtändi- ſchen bei der öſterlichen Taufe, die das Volk aufbrachten — die Stim- mung ſchlug um, es bildete ſich ein Gegenbund, und dieſer ſiegte in der Straßenſchlacht, in der Erlembald fiel. Die Sieger wandten ſich an den König, um von ihm die Neuordnung der Dinge zu erbitten. Daß Heinrich IV. bei dieſem Umſchwung die Hand im Spiel gehabt,

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 360. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/369>, abgerufen am 19.09.2020.