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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Dictatus papae
von Gott allein gegründet sei, nie geirrt habe noch jemals irren werde,
daß ihrem Bischof allein der Titel eines Allbischofs zukomme, daß wich-
tige Streitfragen vor ihn zu bringen, seine Urteile unumstößlich seien,
daß er von niemand gerichtet werde, jeder an ihn Berufung einlegen
könne -- das waren alte, zum Teil anerkannte Ansprüche. Daß der
römische Legat auf jeder Synode den Vorsitz führe, war eigentlich erst
jüngst in Deutschland bestritten worden. Daß keine allgemeine, d. h. mehr
als eine Kirchenprovinz umfassende Synode ohne Befehl des Papstes
berufen werde, war zwar bisher nicht anerkannt, blieb aber hinter dem
zurück, was Nikolaus I. gefordert hatte. Neu war, daß kein Rechtssatz
und keine Gesetzessammlung ohne Ermächtigung des Papstes Geltung
habe, neu ebenso, daß ihm allein zustehe, nach Bedarf Gesetze zu erlassen,
während die Befugnis, kirchliche Anstalten umzuwandeln und Kirchen-
bezirke zu ändern, seit der Karolingerzeit oft und allenthalben unbean-
standet ausgeübt war. Daß der Papst allein Bischöfe absetzen und be-
gnadigen dürfe, konnte man aus Pseudoisidor herauslesen, wenn es dort
auch nicht ausdrücklich gesagt war, aber daß er es ohne Synode, d. h. so-
viel wie ohne gerichtliches Verfahren und in Abwesenheit des Beklagten
dürfe, war schlechthin revolutionär. Eine weitere Neuerung enthielten
die Sätze, daß der Papst Geistliche aus jeder Kirche weihen, ein von ihm
Geweihter aber einer andern Kirche nicht mehr dienen, nur sie leiten
dürfe. Es bedeutete nichts Geringeres, als daß der Papst Bischof für
jedermann und die römische Kirche das allumfassende Bistum sei. Der
Provinzverband nicht nur, auch die Körperschaft der Diözese bestanden
danach nur noch soweit fort, wie es dem Papst beliebte, sein Recht als
Allbischof nicht auszuüben. Dem entsprach die Forderung, daß sein
Name, einzig in seiner Art wie er sei, allein im Kirchengebet genannt
werde. Daß er die kaiserlichen Abzeichen führe, fand man in der Kon-
stantinischen Schenkung bei Pseudoisidor, aber daß alle Fürsten seine
Füße zu küssen hätten, war neu, vollends neu und unerhört, daß ihm er-
laubt sei, Kaiser abzusetzen und die Untertanen vom Gehorsam gegen
ungerechte Herrscher zu entbinden. Daß man mit denen, die er ausge-
schlossen habe, nicht im gleichen Hause weilen dürfe, war auch noch nie
gehört worden. Den Gipfel der Neuerung aber ersteigt Gregor -- er
muß es selbst gefühlt haben, da er nur hier eine Begründung versucht --
mit der Behauptung: "Jeder rechtmäßig eingesetzte römische Bischof
wird zweifellos kraft des Verdienstes Sankt Peters heilig." Man

Dictatus papae
von Gott allein gegründet ſei, nie geirrt habe noch jemals irren werde,
daß ihrem Biſchof allein der Titel eines Allbiſchofs zukomme, daß wich-
tige Streitfragen vor ihn zu bringen, ſeine Urteile unumſtößlich ſeien,
daß er von niemand gerichtet werde, jeder an ihn Berufung einlegen
könne — das waren alte, zum Teil anerkannte Anſprüche. Daß der
römiſche Legat auf jeder Synode den Vorſitz führe, war eigentlich erſt
jüngſt in Deutſchland beſtritten worden. Daß keine allgemeine, d. h. mehr
als eine Kirchenprovinz umfaſſende Synode ohne Befehl des Papſtes
berufen werde, war zwar bisher nicht anerkannt, blieb aber hinter dem
zurück, was Nikolaus I. gefordert hatte. Neu war, daß kein Rechtsſatz
und keine Geſetzesſammlung ohne Ermächtigung des Papſtes Geltung
habe, neu ebenſo, daß ihm allein zuſtehe, nach Bedarf Geſetze zu erlaſſen,
während die Befugnis, kirchliche Anſtalten umzuwandeln und Kirchen-
bezirke zu ändern, ſeit der Karolingerzeit oft und allenthalben unbean-
ſtandet ausgeübt war. Daß der Papſt allein Biſchöfe abſetzen und be-
gnadigen dürfe, konnte man aus Pſeudoiſidor herausleſen, wenn es dort
auch nicht ausdrücklich geſagt war, aber daß er es ohne Synode, d. h. ſo-
viel wie ohne gerichtliches Verfahren und in Abweſenheit des Beklagten
dürfe, war ſchlechthin revolutionär. Eine weitere Neuerung enthielten
die Sätze, daß der Papſt Geiſtliche aus jeder Kirche weihen, ein von ihm
Geweihter aber einer andern Kirche nicht mehr dienen, nur ſie leiten
dürfe. Es bedeutete nichts Geringeres, als daß der Papſt Biſchof für
jedermann und die römiſche Kirche das allumfaſſende Bistum ſei. Der
Provinzverband nicht nur, auch die Körperſchaft der Diözeſe beſtanden
danach nur noch ſoweit fort, wie es dem Papſt beliebte, ſein Recht als
Allbiſchof nicht auszuüben. Dem entſprach die Forderung, daß ſein
Name, einzig in ſeiner Art wie er ſei, allein im Kirchengebet genannt
werde. Daß er die kaiſerlichen Abzeichen führe, fand man in der Kon-
ſtantiniſchen Schenkung bei Pſeudoiſidor, aber daß alle Fürſten ſeine
Füße zu küſſen hätten, war neu, vollends neu und unerhört, daß ihm er-
laubt ſei, Kaiſer abzuſetzen und die Untertanen vom Gehorſam gegen
ungerechte Herrſcher zu entbinden. Daß man mit denen, die er ausge-
ſchloſſen habe, nicht im gleichen Hauſe weilen dürfe, war auch noch nie
gehört worden. Den Gipfel der Neuerung aber erſteigt Gregor — er
muß es ſelbſt gefühlt haben, da er nur hier eine Begründung verſucht —
mit der Behauptung: „Jeder rechtmäßig eingeſetzte römiſche Biſchof
wird zweifellos kraft des Verdienſtes Sankt Peters heilig.“ Man

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[359/0368] Dictatus papae von Gott allein gegründet ſei, nie geirrt habe noch jemals irren werde, daß ihrem Biſchof allein der Titel eines Allbiſchofs zukomme, daß wich- tige Streitfragen vor ihn zu bringen, ſeine Urteile unumſtößlich ſeien, daß er von niemand gerichtet werde, jeder an ihn Berufung einlegen könne — das waren alte, zum Teil anerkannte Anſprüche. Daß der römiſche Legat auf jeder Synode den Vorſitz führe, war eigentlich erſt jüngſt in Deutſchland beſtritten worden. Daß keine allgemeine, d. h. mehr als eine Kirchenprovinz umfaſſende Synode ohne Befehl des Papſtes berufen werde, war zwar bisher nicht anerkannt, blieb aber hinter dem zurück, was Nikolaus I. gefordert hatte. Neu war, daß kein Rechtsſatz und keine Geſetzesſammlung ohne Ermächtigung des Papſtes Geltung habe, neu ebenſo, daß ihm allein zuſtehe, nach Bedarf Geſetze zu erlaſſen, während die Befugnis, kirchliche Anſtalten umzuwandeln und Kirchen- bezirke zu ändern, ſeit der Karolingerzeit oft und allenthalben unbean- ſtandet ausgeübt war. Daß der Papſt allein Biſchöfe abſetzen und be- gnadigen dürfe, konnte man aus Pſeudoiſidor herausleſen, wenn es dort auch nicht ausdrücklich geſagt war, aber daß er es ohne Synode, d. h. ſo- viel wie ohne gerichtliches Verfahren und in Abweſenheit des Beklagten dürfe, war ſchlechthin revolutionär. Eine weitere Neuerung enthielten die Sätze, daß der Papſt Geiſtliche aus jeder Kirche weihen, ein von ihm Geweihter aber einer andern Kirche nicht mehr dienen, nur ſie leiten dürfe. Es bedeutete nichts Geringeres, als daß der Papſt Biſchof für jedermann und die römiſche Kirche das allumfaſſende Bistum ſei. Der Provinzverband nicht nur, auch die Körperſchaft der Diözeſe beſtanden danach nur noch ſoweit fort, wie es dem Papſt beliebte, ſein Recht als Allbiſchof nicht auszuüben. Dem entſprach die Forderung, daß ſein Name, einzig in ſeiner Art wie er ſei, allein im Kirchengebet genannt werde. Daß er die kaiſerlichen Abzeichen führe, fand man in der Kon- ſtantiniſchen Schenkung bei Pſeudoiſidor, aber daß alle Fürſten ſeine Füße zu küſſen hätten, war neu, vollends neu und unerhört, daß ihm er- laubt ſei, Kaiſer abzuſetzen und die Untertanen vom Gehorſam gegen ungerechte Herrſcher zu entbinden. Daß man mit denen, die er ausge- ſchloſſen habe, nicht im gleichen Hauſe weilen dürfe, war auch noch nie gehört worden. Den Gipfel der Neuerung aber erſteigt Gregor — er muß es ſelbſt gefühlt haben, da er nur hier eine Begründung verſucht — mit der Behauptung: „Jeder rechtmäßig eingeſetzte römiſche Biſchof wird zweifellos kraft des Verdienſtes Sankt Peters heilig.“ Man

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 359. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/368>, abgerufen am 19.09.2020.