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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Synode 1075
nie und Priesterehe. Hinfort sollte kein Geistlicher höherer Weihe mehr
seine Frau behalten dürfen, wer sich nicht von ihr trennte und Buße
täte, seine Stelle verlieren, wer durch Simonie, d. h. durch Geld, ein
Amt erlangt hätte, ohne weiteres abgesetzt werden. Jm übrigen war die
Synode ein Gerichtstag. Zwei lombardischen Bischöfen wurde die Aus-
übung ihres Amtes untersagt, ein dritter, der von Piacenza, der Patare-
nerstadt, abgesetzt, der König von Frankreich mit Ausschluß bedroht.
Die meisten Strafen fielen auf Deutschland. Von den geladenen Bi-
schöfen war kein einziger persönlich erschienen, nur einer hatte Ver-
treter geschickt. Vieren von ihnen verbot Gregor die Ausübung ihres
Amtes, gegen den Bremer fügte er "wegen hochmütigen Ungehorsams"
noch das Verbot des Messelesens hinzu, dem König aber erteilte er eine
deutliche Warnung. Heinrich IV. befand sich nicht mehr in der beengten
Lage, in der ihn vor Jahresfrist die päpstlichen Legaten angetroffen
hatten. Ein grober Vertragsbruch der Sachsen hatte ihm die Teil-
nahme und Unterstützung der meisten Fürsten verschafft, er rüstete sich,
an den Aufständischen Rache zu nehmen. Seitdem zeigte er dem Papst
kühle Zurückhaltung, eröffnete keine Verhandlungen über Mailand und
rührte für die Reform der Kirchen keinen Finger. Gregor hielt für an-
gezeigt, seinen Eifer zu spornen. Fünfen der königlichen Räte untersagte
er das Betreten der Kirche; wenn sie bis zum 1. Juni sich nicht in Rom
eingestellt und Genugtuung geleistet hätten, sollten sie ausgeschlossen
sein. Es wird sich um die versprochene, aber nicht geleistete Rückerstattung
von Bestechungsgeldern gehandelt haben. Dann traf den König selbst
der erste Schlag: der Papst verbot ihm, Bischöfe einzusetzen. Das
war vorläufig als Strafe gedacht, das Recht der Jnvestitur sollte
noch nicht grundsätzlich aufgehoben, nur seine Ausübung einstweilen ge-
sperrt sein.

Alle diese Maßregeln verraten ein gehobenes Machtbewußtsein.
Gregor fühlt sich auf der Höhe seines Amtes und im Besitz der Mittel,
es ungeschmälert auszuüben. Jn den Wochen nach der Synode hat er
eine Aufzeichnung gemacht, siebenundzwanzig knapp geformte Sätze,
die den Umfang päpstlicher Machtvollkommenheit angeben, wie er sie
sich dachte. Als Dictatus papae, persönlicher Entwurf des Papstes, sind
sie dem amtlichen Briefbuch einverleibt. Vermutlich sollten sie als Grund-
lage für eine neue Rechtssammlung dienen, die Gregor schon als Archi-
diakon gefordert hatte. Nicht alles darin ist neu. Daß die römische Kirche

Synode 1075
nie und Prieſterehe. Hinfort ſollte kein Geiſtlicher höherer Weihe mehr
ſeine Frau behalten dürfen, wer ſich nicht von ihr trennte und Buße
täte, ſeine Stelle verlieren, wer durch Simonie, d. h. durch Geld, ein
Amt erlangt hätte, ohne weiteres abgeſetzt werden. Jm übrigen war die
Synode ein Gerichtstag. Zwei lombardiſchen Biſchöfen wurde die Aus-
übung ihres Amtes unterſagt, ein dritter, der von Piacenza, der Patare-
nerſtadt, abgeſetzt, der König von Frankreich mit Ausſchluß bedroht.
Die meiſten Strafen fielen auf Deutſchland. Von den geladenen Bi-
ſchöfen war kein einziger perſönlich erſchienen, nur einer hatte Ver-
treter geſchickt. Vieren von ihnen verbot Gregor die Ausübung ihres
Amtes, gegen den Bremer fügte er „wegen hochmütigen Ungehorſams“
noch das Verbot des Meſſeleſens hinzu, dem König aber erteilte er eine
deutliche Warnung. Heinrich IV. befand ſich nicht mehr in der beengten
Lage, in der ihn vor Jahresfriſt die päpſtlichen Legaten angetroffen
hatten. Ein grober Vertragsbruch der Sachſen hatte ihm die Teil-
nahme und Unterſtützung der meiſten Fürſten verſchafft, er rüſtete ſich,
an den Aufſtändiſchen Rache zu nehmen. Seitdem zeigte er dem Papſt
kühle Zurückhaltung, eröffnete keine Verhandlungen über Mailand und
rührte für die Reform der Kirchen keinen Finger. Gregor hielt für an-
gezeigt, ſeinen Eifer zu ſpornen. Fünfen der königlichen Räte unterſagte
er das Betreten der Kirche; wenn ſie bis zum 1. Juni ſich nicht in Rom
eingeſtellt und Genugtuung geleiſtet hätten, ſollten ſie ausgeſchloſſen
ſein. Es wird ſich um die verſprochene, aber nicht geleiſtete Rückerſtattung
von Beſtechungsgeldern gehandelt haben. Dann traf den König ſelbſt
der erſte Schlag: der Papſt verbot ihm, Biſchöfe einzuſetzen. Das
war vorläufig als Strafe gedacht, das Recht der Jnveſtitur ſollte
noch nicht grundſätzlich aufgehoben, nur ſeine Ausübung einſtweilen ge-
ſperrt ſein.

Alle dieſe Maßregeln verraten ein gehobenes Machtbewußtſein.
Gregor fühlt ſich auf der Höhe ſeines Amtes und im Beſitz der Mittel,
es ungeſchmälert auszuüben. Jn den Wochen nach der Synode hat er
eine Aufzeichnung gemacht, ſiebenundzwanzig knapp geformte Sätze,
die den Umfang päpſtlicher Machtvollkommenheit angeben, wie er ſie
ſich dachte. Als Dictatus papae, perſönlicher Entwurf des Papſtes, ſind
ſie dem amtlichen Briefbuch einverleibt. Vermutlich ſollten ſie als Grund-
lage für eine neue Rechtsſammlung dienen, die Gregor ſchon als Archi-
diakon gefordert hatte. Nicht alles darin iſt neu. Daß die römiſche Kirche

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[358/0367] Synode 1075 nie und Prieſterehe. Hinfort ſollte kein Geiſtlicher höherer Weihe mehr ſeine Frau behalten dürfen, wer ſich nicht von ihr trennte und Buße täte, ſeine Stelle verlieren, wer durch Simonie, d. h. durch Geld, ein Amt erlangt hätte, ohne weiteres abgeſetzt werden. Jm übrigen war die Synode ein Gerichtstag. Zwei lombardiſchen Biſchöfen wurde die Aus- übung ihres Amtes unterſagt, ein dritter, der von Piacenza, der Patare- nerſtadt, abgeſetzt, der König von Frankreich mit Ausſchluß bedroht. Die meiſten Strafen fielen auf Deutſchland. Von den geladenen Bi- ſchöfen war kein einziger perſönlich erſchienen, nur einer hatte Ver- treter geſchickt. Vieren von ihnen verbot Gregor die Ausübung ihres Amtes, gegen den Bremer fügte er „wegen hochmütigen Ungehorſams“ noch das Verbot des Meſſeleſens hinzu, dem König aber erteilte er eine deutliche Warnung. Heinrich IV. befand ſich nicht mehr in der beengten Lage, in der ihn vor Jahresfriſt die päpſtlichen Legaten angetroffen hatten. Ein grober Vertragsbruch der Sachſen hatte ihm die Teil- nahme und Unterſtützung der meiſten Fürſten verſchafft, er rüſtete ſich, an den Aufſtändiſchen Rache zu nehmen. Seitdem zeigte er dem Papſt kühle Zurückhaltung, eröffnete keine Verhandlungen über Mailand und rührte für die Reform der Kirchen keinen Finger. Gregor hielt für an- gezeigt, ſeinen Eifer zu ſpornen. Fünfen der königlichen Räte unterſagte er das Betreten der Kirche; wenn ſie bis zum 1. Juni ſich nicht in Rom eingeſtellt und Genugtuung geleiſtet hätten, ſollten ſie ausgeſchloſſen ſein. Es wird ſich um die verſprochene, aber nicht geleiſtete Rückerſtattung von Beſtechungsgeldern gehandelt haben. Dann traf den König ſelbſt der erſte Schlag: der Papſt verbot ihm, Biſchöfe einzuſetzen. Das war vorläufig als Strafe gedacht, das Recht der Jnveſtitur ſollte noch nicht grundſätzlich aufgehoben, nur ſeine Ausübung einſtweilen ge- ſperrt ſein. Alle dieſe Maßregeln verraten ein gehobenes Machtbewußtſein. Gregor fühlt ſich auf der Höhe ſeines Amtes und im Beſitz der Mittel, es ungeſchmälert auszuüben. Jn den Wochen nach der Synode hat er eine Aufzeichnung gemacht, ſiebenundzwanzig knapp geformte Sätze, die den Umfang päpſtlicher Machtvollkommenheit angeben, wie er ſie ſich dachte. Als Dictatus papae, perſönlicher Entwurf des Papſtes, ſind ſie dem amtlichen Briefbuch einverleibt. Vermutlich ſollten ſie als Grund- lage für eine neue Rechtsſammlung dienen, die Gregor ſchon als Archi- diakon gefordert hatte. Nicht alles darin iſt neu. Daß die römiſche Kirche

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 358. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/367>, abgerufen am 19.09.2020.