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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Allgemeine Lage des Papstes
von Cluny sein Herz ausschüttete. Er hadert mit Gott, der ihn gezwungen
hat, nach Rom zurückzukehren und hier, seufzend unter der Last des
eignen Tuns, in tausend Stürmen wie ein Sterbender zu leben. Wohin
er blickt, nichts als ungeheurer Schmerz und allgemeine Traurigkeit: die
Kirche des Ostens vom Glauben abgefallen, die Bischöfe mit wenigen
Ausnahmen von weltlichem Ehrgeiz geleitet, und unter den weltlichen
Fürsten nicht einer, der die Ehre Gottes der eignen Ehre und die Ge-
rechtigkeit dem Vorteil vorzöge; vollends die nächsten Nachbarn, Rö-
mer, Lombarden und Normannen, schlimmer als Juden und Heiden.
Von solchen Stimmungen lassen die Handlungen des Papstes nichts
erkennen. Entschlossen und kräftig greift er die verschiedensten Dinge an.
Drei Tage, nachdem der Brief an den Abt aufgesetzt ist, sehen wir ihn
an den Dänenkönig schreiben, ihn zur Sendung von Vertretern auf-
fordern, mit denen die kirchliche Organisation seines Reiches vereinbart
werden kann, seine bewaffnete Hilfe in Anspruch nehmen und einem der
Königssöhne, der in den Dienst des Papstes treten wird, ein Fürsten-
tum -- es scheint Dalmatien zu sein -- zum Lehen anbieten. Und hat er
denn nicht Grund genug, zuversichtlich zu sein? Aus der Ferne kommen
gute Nachrichten. England hält fest zu ihm, in Spanien macht der
römische Einfluß Fortschritte. Jn Navarra und Kastilien haben die
Legaten Verfügungen treffen dürfen, das Urteil des Papstes wird an-
gerufen, er kann einen Bistumsstreit entscheiden und die Könige dringend
auffordern, sich in der Form des Gottesdienstes der römischen Kirche an-
zuschließen, von der ihre Länder vorzeiten das Christentum empfangen
haben. So günstig sah es in der nächsten Nachbarschaft wohl nicht über-
all aus. Robert von Apulien und seine Leute setzten ihre Eroberungen
auf Kosten des Kirchenstaats fort, ohne sich durch päpstliche Sprüche ein-
schüchtern zu lassen, und in der Lombardei schwankte die Wage nach
wie vor zwischen der Pataria und ihren Gegnern. Dafür konnte Gregor
über die Kräfte Toskanas verfügen. Herzog Gotfried von Lothringen,
mit seiner Gemahlin zerfallen, hatte Jtalien verlassen, Beatrix und
Mathilde regierten die Markgrafschaft, gestützt auf ihren gewaltigen
Hausbesitz, und sie hingen am Papst wie an ihrem Herrn und Vater
in Bewunderung und hingebendem Gehorsam.

Am 24. Februar 1075 eröffnete Gregor die angesagte Synode. Jhre
vornehmsten Beschlüsse betrafen, wie es sich von selbst verstand, Simo-

Allgemeine Lage des Papſtes
von Cluny ſein Herz ausſchüttete. Er hadert mit Gott, der ihn gezwungen
hat, nach Rom zurückzukehren und hier, ſeufzend unter der Laſt des
eignen Tuns, in tauſend Stürmen wie ein Sterbender zu leben. Wohin
er blickt, nichts als ungeheurer Schmerz und allgemeine Traurigkeit: die
Kirche des Oſtens vom Glauben abgefallen, die Biſchöfe mit wenigen
Ausnahmen von weltlichem Ehrgeiz geleitet, und unter den weltlichen
Fürſten nicht einer, der die Ehre Gottes der eignen Ehre und die Ge-
rechtigkeit dem Vorteil vorzöge; vollends die nächſten Nachbarn, Rö-
mer, Lombarden und Normannen, ſchlimmer als Juden und Heiden.
Von ſolchen Stimmungen laſſen die Handlungen des Papſtes nichts
erkennen. Entſchloſſen und kräftig greift er die verſchiedenſten Dinge an.
Drei Tage, nachdem der Brief an den Abt aufgeſetzt iſt, ſehen wir ihn
an den Dänenkönig ſchreiben, ihn zur Sendung von Vertretern auf-
fordern, mit denen die kirchliche Organiſation ſeines Reiches vereinbart
werden kann, ſeine bewaffnete Hilfe in Anſpruch nehmen und einem der
Königsſöhne, der in den Dienſt des Papſtes treten wird, ein Fürſten-
tum — es ſcheint Dalmatien zu ſein — zum Lehen anbieten. Und hat er
denn nicht Grund genug, zuverſichtlich zu ſein? Aus der Ferne kommen
gute Nachrichten. England hält feſt zu ihm, in Spanien macht der
römiſche Einfluß Fortſchritte. Jn Navarra und Kaſtilien haben die
Legaten Verfügungen treffen dürfen, das Urteil des Papſtes wird an-
gerufen, er kann einen Bistumsſtreit entſcheiden und die Könige dringend
auffordern, ſich in der Form des Gottesdienſtes der römiſchen Kirche an-
zuſchließen, von der ihre Länder vorzeiten das Chriſtentum empfangen
haben. So günſtig ſah es in der nächſten Nachbarſchaft wohl nicht über-
all aus. Robert von Apulien und ſeine Leute ſetzten ihre Eroberungen
auf Koſten des Kirchenſtaats fort, ohne ſich durch päpſtliche Sprüche ein-
ſchüchtern zu laſſen, und in der Lombardei ſchwankte die Wage nach
wie vor zwiſchen der Pataria und ihren Gegnern. Dafür konnte Gregor
über die Kräfte Toskanas verfügen. Herzog Gotfried von Lothringen,
mit ſeiner Gemahlin zerfallen, hatte Jtalien verlaſſen, Beatrix und
Mathilde regierten die Markgrafſchaft, geſtützt auf ihren gewaltigen
Hausbeſitz, und ſie hingen am Papſt wie an ihrem Herrn und Vater
in Bewunderung und hingebendem Gehorſam.

Am 24. Februar 1075 eröffnete Gregor die angeſagte Synode. Jhre
vornehmſten Beſchlüſſe betrafen, wie es ſich von ſelbſt verſtand, Simo-

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[357/0366] Allgemeine Lage des Papſtes von Cluny ſein Herz ausſchüttete. Er hadert mit Gott, der ihn gezwungen hat, nach Rom zurückzukehren und hier, ſeufzend unter der Laſt des eignen Tuns, in tauſend Stürmen wie ein Sterbender zu leben. Wohin er blickt, nichts als ungeheurer Schmerz und allgemeine Traurigkeit: die Kirche des Oſtens vom Glauben abgefallen, die Biſchöfe mit wenigen Ausnahmen von weltlichem Ehrgeiz geleitet, und unter den weltlichen Fürſten nicht einer, der die Ehre Gottes der eignen Ehre und die Ge- rechtigkeit dem Vorteil vorzöge; vollends die nächſten Nachbarn, Rö- mer, Lombarden und Normannen, ſchlimmer als Juden und Heiden. Von ſolchen Stimmungen laſſen die Handlungen des Papſtes nichts erkennen. Entſchloſſen und kräftig greift er die verſchiedenſten Dinge an. Drei Tage, nachdem der Brief an den Abt aufgeſetzt iſt, ſehen wir ihn an den Dänenkönig ſchreiben, ihn zur Sendung von Vertretern auf- fordern, mit denen die kirchliche Organiſation ſeines Reiches vereinbart werden kann, ſeine bewaffnete Hilfe in Anſpruch nehmen und einem der Königsſöhne, der in den Dienſt des Papſtes treten wird, ein Fürſten- tum — es ſcheint Dalmatien zu ſein — zum Lehen anbieten. Und hat er denn nicht Grund genug, zuverſichtlich zu ſein? Aus der Ferne kommen gute Nachrichten. England hält feſt zu ihm, in Spanien macht der römiſche Einfluß Fortſchritte. Jn Navarra und Kaſtilien haben die Legaten Verfügungen treffen dürfen, das Urteil des Papſtes wird an- gerufen, er kann einen Bistumsſtreit entſcheiden und die Könige dringend auffordern, ſich in der Form des Gottesdienſtes der römiſchen Kirche an- zuſchließen, von der ihre Länder vorzeiten das Chriſtentum empfangen haben. So günſtig ſah es in der nächſten Nachbarſchaft wohl nicht über- all aus. Robert von Apulien und ſeine Leute ſetzten ihre Eroberungen auf Koſten des Kirchenſtaats fort, ohne ſich durch päpſtliche Sprüche ein- ſchüchtern zu laſſen, und in der Lombardei ſchwankte die Wage nach wie vor zwiſchen der Pataria und ihren Gegnern. Dafür konnte Gregor über die Kräfte Toskanas verfügen. Herzog Gotfried von Lothringen, mit ſeiner Gemahlin zerfallen, hatte Jtalien verlaſſen, Beatrix und Mathilde regierten die Markgrafſchaft, geſtützt auf ihren gewaltigen Hausbeſitz, und ſie hingen am Papſt wie an ihrem Herrn und Vater in Bewunderung und hingebendem Gehorſam. Am 24. Februar 1075 eröffnete Gregor die angeſagte Synode. Jhre vornehmſten Beſchlüſſe betrafen, wie es ſich von ſelbſt verſtand, Simo-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 357. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/366>, abgerufen am 19.09.2020.