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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Widerstand der deutschen Geistlichkeit
befehlen, als wären sie seine Gutsverwalter. Sogar Siegfried von
Mainz wagte in aller Bescheidenheit die Bitte, der Papst wolle künftig
seine Befehle so einrichten, daß ihre Befolgung nicht unmöglich sei, und
im Urteilen die Grenzen apostolischer Mäßigung und väterlicher Milde
nicht überschreiten. Besondere Erregung hatte es verursacht, daß Gregor
den Erzbischof von Trier beauftragt hatte, die Klage eines Domherrn
von Toul gegen seinen Bischof zu untersuchen, der beschuldigt wurde,
durch Simonie ins Amt gelangt zu sein, Ämter und Weihen zu ver-
kaufen und mit Weib und Kind zu leben. Der Erzbischof hatte die Unter-
suchung vorgenommen, die nichts Belastendes ergab, erklärte aber dem
Papst im Namen von einigen zwanzig Amtsbrüdern, die er zu Rate
gezogen hatte, es sei eine neue und nicht zu billigende Art, ein unerträg-
liches Joch, die Untergebenen zur Aufdeckung des Privatlebens ihrer
Vorgesetzten zu nötigen, die Söhne gegen die Väter zu bewaffnen,
Ehrfurcht und fromme Gesinnung zu zerstören. Jn Zukunft möge der
Papst solche Aufträge unterlassen, durch die er sein eigenes Ansehen
schädige. Der Bischof von Toul forderte Genugtuung. Groß war in
weitesten Kreisen die Empörung gegen das Gebot der Ehelosigkeit. Wer
etwa von den Bischöfen es zu verkündigen wagte, der setzte sich persön-
licher Gefahr aus. Das erfuhr der Bischof von Passau, als er am Weih-
nachtsfest den Versuch machte; die Geistlichen hätten ihn umgebracht,
wäre er nicht von seinem ritterlichen Gefolge geschützt worden.

Es war unverkennbar: die große Mehrzahl der deutschen Geistlich-
keit, hoch und niedrig, empörte sich gegen die Art, wie der Papst die Re-
form der Kirche betrieb. Unter den Bischöfen wußte er nur einen,
Burchard von Halberstadt, der seine Partei ergriff, aber er zählte auf
die Unterstützung weltlicher Fürsten, des Grafen von Calw, der Herzöge
von Schwaben und Kärnten. Sie rief er auf, Geistliche, die sich der
Simonie schuldig gemacht hätten oder in Fleischessünden lebten, nicht zu
dulden, sie überall öffentlich anzuzeigen und, wo nötig, mit Gewalt zu
vertreiben und sich durch den Widerspruch der Bischöfe nicht irre
machen zu lassen. An alle Geistlichen und Laien im Reich der Deutschen
erging der lakonische Befehl, den Bischöfen, die den Weisungen des
Papstes nicht gehorchen wollten, keinerlei Gehorsam zu leisten. Es war
nichts anderes als ein Versuch, den religiösen Volksaufstand der Lom-
bardei, die Pataria, nach Deutschland zu verpflanzen.

Jn diesen Wochen geschah es, daß Gregor einmal gegenüber dem Abt

Widerſtand der deutſchen Geiſtlichkeit
befehlen, als wären ſie ſeine Gutsverwalter. Sogar Siegfried von
Mainz wagte in aller Beſcheidenheit die Bitte, der Papſt wolle künftig
ſeine Befehle ſo einrichten, daß ihre Befolgung nicht unmöglich ſei, und
im Urteilen die Grenzen apoſtoliſcher Mäßigung und väterlicher Milde
nicht überſchreiten. Beſondere Erregung hatte es verurſacht, daß Gregor
den Erzbiſchof von Trier beauftragt hatte, die Klage eines Domherrn
von Toul gegen ſeinen Biſchof zu unterſuchen, der beſchuldigt wurde,
durch Simonie ins Amt gelangt zu ſein, Ämter und Weihen zu ver-
kaufen und mit Weib und Kind zu leben. Der Erzbiſchof hatte die Unter-
ſuchung vorgenommen, die nichts Belaſtendes ergab, erklärte aber dem
Papſt im Namen von einigen zwanzig Amtsbrüdern, die er zu Rate
gezogen hatte, es ſei eine neue und nicht zu billigende Art, ein unerträg-
liches Joch, die Untergebenen zur Aufdeckung des Privatlebens ihrer
Vorgeſetzten zu nötigen, die Söhne gegen die Väter zu bewaffnen,
Ehrfurcht und fromme Geſinnung zu zerſtören. Jn Zukunft möge der
Papſt ſolche Aufträge unterlaſſen, durch die er ſein eigenes Anſehen
ſchädige. Der Biſchof von Toul forderte Genugtuung. Groß war in
weiteſten Kreiſen die Empörung gegen das Gebot der Eheloſigkeit. Wer
etwa von den Biſchöfen es zu verkündigen wagte, der ſetzte ſich perſön-
licher Gefahr aus. Das erfuhr der Biſchof von Paſſau, als er am Weih-
nachtsfeſt den Verſuch machte; die Geiſtlichen hätten ihn umgebracht,
wäre er nicht von ſeinem ritterlichen Gefolge geſchützt worden.

Es war unverkennbar: die große Mehrzahl der deutſchen Geiſtlich-
keit, hoch und niedrig, empörte ſich gegen die Art, wie der Papſt die Re-
form der Kirche betrieb. Unter den Biſchöfen wußte er nur einen,
Burchard von Halberſtadt, der ſeine Partei ergriff, aber er zählte auf
die Unterſtützung weltlicher Fürſten, des Grafen von Calw, der Herzöge
von Schwaben und Kärnten. Sie rief er auf, Geiſtliche, die ſich der
Simonie ſchuldig gemacht hätten oder in Fleiſchesſünden lebten, nicht zu
dulden, ſie überall öffentlich anzuzeigen und, wo nötig, mit Gewalt zu
vertreiben und ſich durch den Widerſpruch der Biſchöfe nicht irre
machen zu laſſen. An alle Geiſtlichen und Laien im Reich der Deutſchen
erging der lakoniſche Befehl, den Biſchöfen, die den Weiſungen des
Papſtes nicht gehorchen wollten, keinerlei Gehorſam zu leiſten. Es war
nichts anderes als ein Verſuch, den religiöſen Volksaufſtand der Lom-
bardei, die Pataria, nach Deutſchland zu verpflanzen.

Jn dieſen Wochen geſchah es, daß Gregor einmal gegenüber dem Abt

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[356/0365] Widerſtand der deutſchen Geiſtlichkeit befehlen, als wären ſie ſeine Gutsverwalter. Sogar Siegfried von Mainz wagte in aller Beſcheidenheit die Bitte, der Papſt wolle künftig ſeine Befehle ſo einrichten, daß ihre Befolgung nicht unmöglich ſei, und im Urteilen die Grenzen apoſtoliſcher Mäßigung und väterlicher Milde nicht überſchreiten. Beſondere Erregung hatte es verurſacht, daß Gregor den Erzbiſchof von Trier beauftragt hatte, die Klage eines Domherrn von Toul gegen ſeinen Biſchof zu unterſuchen, der beſchuldigt wurde, durch Simonie ins Amt gelangt zu ſein, Ämter und Weihen zu ver- kaufen und mit Weib und Kind zu leben. Der Erzbiſchof hatte die Unter- ſuchung vorgenommen, die nichts Belaſtendes ergab, erklärte aber dem Papſt im Namen von einigen zwanzig Amtsbrüdern, die er zu Rate gezogen hatte, es ſei eine neue und nicht zu billigende Art, ein unerträg- liches Joch, die Untergebenen zur Aufdeckung des Privatlebens ihrer Vorgeſetzten zu nötigen, die Söhne gegen die Väter zu bewaffnen, Ehrfurcht und fromme Geſinnung zu zerſtören. Jn Zukunft möge der Papſt ſolche Aufträge unterlaſſen, durch die er ſein eigenes Anſehen ſchädige. Der Biſchof von Toul forderte Genugtuung. Groß war in weiteſten Kreiſen die Empörung gegen das Gebot der Eheloſigkeit. Wer etwa von den Biſchöfen es zu verkündigen wagte, der ſetzte ſich perſön- licher Gefahr aus. Das erfuhr der Biſchof von Paſſau, als er am Weih- nachtsfeſt den Verſuch machte; die Geiſtlichen hätten ihn umgebracht, wäre er nicht von ſeinem ritterlichen Gefolge geſchützt worden. Es war unverkennbar: die große Mehrzahl der deutſchen Geiſtlich- keit, hoch und niedrig, empörte ſich gegen die Art, wie der Papſt die Re- form der Kirche betrieb. Unter den Biſchöfen wußte er nur einen, Burchard von Halberſtadt, der ſeine Partei ergriff, aber er zählte auf die Unterſtützung weltlicher Fürſten, des Grafen von Calw, der Herzöge von Schwaben und Kärnten. Sie rief er auf, Geiſtliche, die ſich der Simonie ſchuldig gemacht hätten oder in Fleiſchesſünden lebten, nicht zu dulden, ſie überall öffentlich anzuzeigen und, wo nötig, mit Gewalt zu vertreiben und ſich durch den Widerſpruch der Biſchöfe nicht irre machen zu laſſen. An alle Geiſtlichen und Laien im Reich der Deutſchen erging der lakoniſche Befehl, den Biſchöfen, die den Weiſungen des Papſtes nicht gehorchen wollten, keinerlei Gehorſam zu leiſten. Es war nichts anderes als ein Verſuch, den religiöſen Volksaufſtand der Lom- bardei, die Pataria, nach Deutſchland zu verpflanzen. Jn dieſen Wochen geſchah es, daß Gregor einmal gegenüber dem Abt

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 356. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/365>, abgerufen am 19.09.2020.