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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anfängliche Beziehungen zu Deutschland
Gregor ließ ihn seine Enttäuschung auch nicht entgelten. Wie er der
Kaiserin dafür dankte, daß sie geholfen hatte, ihren Sohn in die Ge-
meinschaft der Kirche zurückzuführen, die er zu verlieren im Begriff ge-
wesen war, so sandte er gegen Ende des Jahres an Heinrich ein Schrei-
ben, das er persönlich verfaßte, in warmen Ausdrücken der Liebe und des
Vertrauens: "Liebte ich dich nicht, wie ich soll, so wäre mein Glaube an
Gottes Barmherzigkeit eitel ... Das sollen die wissen, die täglich zwi-
schen uns Zwietracht zu säen suchen ... Leihe ihnen nicht dein Ohr!"
Er weiht den König ein in seinen Plan, mit Heeresmacht nach dem Osten
zu ziehen, die unterjochten Christen und das Heilige Grab zu befreien
und die Einheit mit der Kirche von Konstantinopel wiederherzustellen.
Kommt es dazu, so will er die römische Kirche nächst Gott dem Schutze
des Königs anvertrauen. "Wenn ich von dir nicht mehr erwartete, als
die meisten glauben, so redete ich ins Leere. Gibt es aber keinen Menschen,
der dich meiner aufrichtigen Liebe versichern kann, so überlasse ich es dem
Heiligen Geist, der alles kann, dir zu zeigen, was ich dir wünsche und wie
sehr ich dich liebe, und dir die gleiche Gesinnung gegen mich einzuflößen."
Den Zweck dieser Beteuerung verrät ein zweites, geschäftlich gehaltenes
Schreiben vom gleichen Tag (7. Dezember 1074). Nur leise beschwert
sich hier der Papst, daß in der Mailänder Sache nicht das geschehen
sei, was er nach des Königs Versprechungen habe erwarten dürfen. Er
erbietet sich zu Verhandlungen: gebe es einen Weg, die früheren Ent-
scheidungen abzuändern, so werde er ihn nicht verschmähen; wenn nicht,
so möge der König der Kirche ihr Recht wiedergeben und einsehen, daß
er erst dann wirklich König sei, wenn er sich zur Besserung und Ver-
teidigung der Kirchen vor dem König der Könige beuge.

Unverkennbar liegt der Ton auf den Schlußworten: Gregor fordert
von Heinrich, daß er in der Mailänder Frage nachgebe. Er glaubt das
nach der bisherigen Haltung des Königs, aber nicht minder wegen der
beengten Lage, in der dieser sich auch nach dem Frieden mit den Sachsen
befindet, erwarten zu dürfen und trifft die Vorbereitungen zu weiteren
Schritten. Zur nächsten römischen Synode ergehen Ladungen nach
Deutschland. Der Erzbischof von Mainz soll mit sechs Suffraganen
erscheinen, Liemar von Bremen sich persönlich verantworten. Das er-
regte nicht geringen Unwillen. Liemar klagte einem Amtsbruder über
das rücksichtslose Verfahren des Papstes, der ihn mit Frist von nur vier
Wochen vorgefordert hatte; der gefährliche Mensch wolle den Bischöfen

Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland
Gregor ließ ihn ſeine Enttäuſchung auch nicht entgelten. Wie er der
Kaiſerin dafür dankte, daß ſie geholfen hatte, ihren Sohn in die Ge-
meinſchaft der Kirche zurückzuführen, die er zu verlieren im Begriff ge-
weſen war, ſo ſandte er gegen Ende des Jahres an Heinrich ein Schrei-
ben, das er perſönlich verfaßte, in warmen Ausdrücken der Liebe und des
Vertrauens: „Liebte ich dich nicht, wie ich ſoll, ſo wäre mein Glaube an
Gottes Barmherzigkeit eitel ... Das ſollen die wiſſen, die täglich zwi-
ſchen uns Zwietracht zu ſäen ſuchen ... Leihe ihnen nicht dein Ohr!“
Er weiht den König ein in ſeinen Plan, mit Heeresmacht nach dem Oſten
zu ziehen, die unterjochten Chriſten und das Heilige Grab zu befreien
und die Einheit mit der Kirche von Konſtantinopel wiederherzuſtellen.
Kommt es dazu, ſo will er die römiſche Kirche nächſt Gott dem Schutze
des Königs anvertrauen. „Wenn ich von dir nicht mehr erwartete, als
die meiſten glauben, ſo redete ich ins Leere. Gibt es aber keinen Menſchen,
der dich meiner aufrichtigen Liebe verſichern kann, ſo überlaſſe ich es dem
Heiligen Geiſt, der alles kann, dir zu zeigen, was ich dir wünſche und wie
ſehr ich dich liebe, und dir die gleiche Geſinnung gegen mich einzuflößen.“
Den Zweck dieſer Beteuerung verrät ein zweites, geſchäftlich gehaltenes
Schreiben vom gleichen Tag (7. Dezember 1074). Nur leiſe beſchwert
ſich hier der Papſt, daß in der Mailänder Sache nicht das geſchehen
ſei, was er nach des Königs Verſprechungen habe erwarten dürfen. Er
erbietet ſich zu Verhandlungen: gebe es einen Weg, die früheren Ent-
ſcheidungen abzuändern, ſo werde er ihn nicht verſchmähen; wenn nicht,
ſo möge der König der Kirche ihr Recht wiedergeben und einſehen, daß
er erſt dann wirklich König ſei, wenn er ſich zur Beſſerung und Ver-
teidigung der Kirchen vor dem König der Könige beuge.

Unverkennbar liegt der Ton auf den Schlußworten: Gregor fordert
von Heinrich, daß er in der Mailänder Frage nachgebe. Er glaubt das
nach der bisherigen Haltung des Königs, aber nicht minder wegen der
beengten Lage, in der dieſer ſich auch nach dem Frieden mit den Sachſen
befindet, erwarten zu dürfen und trifft die Vorbereitungen zu weiteren
Schritten. Zur nächſten römiſchen Synode ergehen Ladungen nach
Deutſchland. Der Erzbiſchof von Mainz ſoll mit ſechs Suffraganen
erſcheinen, Liemar von Bremen ſich perſönlich verantworten. Das er-
regte nicht geringen Unwillen. Liemar klagte einem Amtsbruder über
das rückſichtsloſe Verfahren des Papſtes, der ihn mit Friſt von nur vier
Wochen vorgefordert hatte; der gefährliche Menſch wolle den Biſchöfen

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[355/0364] Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland Gregor ließ ihn ſeine Enttäuſchung auch nicht entgelten. Wie er der Kaiſerin dafür dankte, daß ſie geholfen hatte, ihren Sohn in die Ge- meinſchaft der Kirche zurückzuführen, die er zu verlieren im Begriff ge- weſen war, ſo ſandte er gegen Ende des Jahres an Heinrich ein Schrei- ben, das er perſönlich verfaßte, in warmen Ausdrücken der Liebe und des Vertrauens: „Liebte ich dich nicht, wie ich ſoll, ſo wäre mein Glaube an Gottes Barmherzigkeit eitel ... Das ſollen die wiſſen, die täglich zwi- ſchen uns Zwietracht zu ſäen ſuchen ... Leihe ihnen nicht dein Ohr!“ Er weiht den König ein in ſeinen Plan, mit Heeresmacht nach dem Oſten zu ziehen, die unterjochten Chriſten und das Heilige Grab zu befreien und die Einheit mit der Kirche von Konſtantinopel wiederherzuſtellen. Kommt es dazu, ſo will er die römiſche Kirche nächſt Gott dem Schutze des Königs anvertrauen. „Wenn ich von dir nicht mehr erwartete, als die meiſten glauben, ſo redete ich ins Leere. Gibt es aber keinen Menſchen, der dich meiner aufrichtigen Liebe verſichern kann, ſo überlaſſe ich es dem Heiligen Geiſt, der alles kann, dir zu zeigen, was ich dir wünſche und wie ſehr ich dich liebe, und dir die gleiche Geſinnung gegen mich einzuflößen.“ Den Zweck dieſer Beteuerung verrät ein zweites, geſchäftlich gehaltenes Schreiben vom gleichen Tag (7. Dezember 1074). Nur leiſe beſchwert ſich hier der Papſt, daß in der Mailänder Sache nicht das geſchehen ſei, was er nach des Königs Verſprechungen habe erwarten dürfen. Er erbietet ſich zu Verhandlungen: gebe es einen Weg, die früheren Ent- ſcheidungen abzuändern, ſo werde er ihn nicht verſchmähen; wenn nicht, ſo möge der König der Kirche ihr Recht wiedergeben und einſehen, daß er erſt dann wirklich König ſei, wenn er ſich zur Beſſerung und Ver- teidigung der Kirchen vor dem König der Könige beuge. Unverkennbar liegt der Ton auf den Schlußworten: Gregor fordert von Heinrich, daß er in der Mailänder Frage nachgebe. Er glaubt das nach der bisherigen Haltung des Königs, aber nicht minder wegen der beengten Lage, in der dieſer ſich auch nach dem Frieden mit den Sachſen befindet, erwarten zu dürfen und trifft die Vorbereitungen zu weiteren Schritten. Zur nächſten römiſchen Synode ergehen Ladungen nach Deutſchland. Der Erzbiſchof von Mainz ſoll mit ſechs Suffraganen erſcheinen, Liemar von Bremen ſich perſönlich verantworten. Das er- regte nicht geringen Unwillen. Liemar klagte einem Amtsbruder über das rückſichtsloſe Verfahren des Papſtes, der ihn mit Friſt von nur vier Wochen vorgefordert hatte; der gefährliche Menſch wolle den Biſchöfen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 355. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/364>, abgerufen am 19.09.2020.