Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

Bild:
<< vorherige Seite

Anfängliche Beziehungen zu Deutschland
Bischöfe auf die neuen Gesetze zu verpflichten. Jnsbesondere mit der
Durchführung des Verbots der Priesterehe war noch kein Anfang ge-
macht, darin stand Deutschland hinter andern Ländern zurück. Um das
Versäumte nachzuholen, forderten die Legaten das Zusammentreten
einer Reichssynode unter ihrem Vorsitz. Die deutschen Bischöfe wider-
sprachen: die Legaten hätten dazu keinen ausdrücklichen Auftrag, außer-
dem sei Berufung und Leitung einer gesamtdeutschen Synode Vorrecht
des Erzbischofs von Mainz, der seit alter Zeit die Vertretung des
Papstes in Deutschland habe. Nicht der Mainzer war es, der als
Sprecher der Gesamtheit sein eigenes Recht verteidigte. Erzbischof
Siegfried hatte schon Alexander II. besondere Ergebenheit gezeigt, hatte
Hildebrand umworben und seine Thronbesteigung mit einer Wolke von
Schmeicheleien begrüßt. Dabei war er nicht frei von eigennütziger Be-
rechnung. Seit Jahren kämpfte er um die Zehnten in Thüringen, ohne
seinen Anspruch durchsetzen zu können. Die Klage hierüber kehrte in
seinen Briefen nach Rom beständig wieder: der Papst sollte helfen, wo-
möglich einen eigenen Legaten senden. Neuerdings war der Erzbischof
zwar verstimmt, weil der Papst -- es war noch unter Alexander ge-
schehen -- über seinen Kopf hinweg in Prag und Olmütz eingriff. Dar-
über sich zu beklagen, hatte Siegfried im Glückwunschbrief an Gregor
nicht unterlassen können. Zur Antwort erhielt er einen strengen Ver-
weis: seine Berater verständen nichts von der "apostolischen Autorität",
er solle gefälligst einmal die kanonischen Überlieferungen und Erlasse
der heiligen Väter durchgehen. Nachdem der Streit in Böhmen durch
seine eigene Nachlässigkeit so weit gediehen, maße er jetzt sich an, das
friedenstiftende Urteil des Papstes anzufechten. Eingedenk solle er bleiben,
daß ohne die übergroße Milde der römischen Kirche er sich auf seinem
Platze nicht halten könne. Auch ohne dieses harte Schreiben zu kennen
-- er kann es damals noch nicht bekommen haben -- wagte der ängst-
liche Siegfried bei der Nürnberger Verhandlung nicht, die Führung der
deutschen Bischöfe zu übernehmen, wie es das Ansehen seines Stuhles
verlangte; er überließ das seinem Amtsbruder von Bremen, dem durch
Charakter und Geist hochangesehenen Liemar. Dieser vertrat den deut-
schen Standpunkt mit solchem Nachdruck, daß die Legaten ihre Absicht
aufgeben mußten. Sie luden Liemar zur Verantwortung nach Rom.

Der Plan einer umfassenden Reform der deutschen Kirche durch den
Papst war vorläufig gescheitert, nicht durch die Schuld des Königs, und

Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland
Biſchöfe auf die neuen Geſetze zu verpflichten. Jnsbeſondere mit der
Durchführung des Verbots der Prieſterehe war noch kein Anfang ge-
macht, darin ſtand Deutſchland hinter andern Ländern zurück. Um das
Verſäumte nachzuholen, forderten die Legaten das Zuſammentreten
einer Reichsſynode unter ihrem Vorſitz. Die deutſchen Biſchöfe wider-
ſprachen: die Legaten hätten dazu keinen ausdrücklichen Auftrag, außer-
dem ſei Berufung und Leitung einer geſamtdeutſchen Synode Vorrecht
des Erzbiſchofs von Mainz, der ſeit alter Zeit die Vertretung des
Papſtes in Deutſchland habe. Nicht der Mainzer war es, der als
Sprecher der Geſamtheit ſein eigenes Recht verteidigte. Erzbiſchof
Siegfried hatte ſchon Alexander II. beſondere Ergebenheit gezeigt, hatte
Hildebrand umworben und ſeine Thronbeſteigung mit einer Wolke von
Schmeicheleien begrüßt. Dabei war er nicht frei von eigennütziger Be-
rechnung. Seit Jahren kämpfte er um die Zehnten in Thüringen, ohne
ſeinen Anſpruch durchſetzen zu können. Die Klage hierüber kehrte in
ſeinen Briefen nach Rom beſtändig wieder: der Papſt ſollte helfen, wo-
möglich einen eigenen Legaten ſenden. Neuerdings war der Erzbiſchof
zwar verſtimmt, weil der Papſt — es war noch unter Alexander ge-
ſchehen — über ſeinen Kopf hinweg in Prag und Olmütz eingriff. Dar-
über ſich zu beklagen, hatte Siegfried im Glückwunſchbrief an Gregor
nicht unterlaſſen können. Zur Antwort erhielt er einen ſtrengen Ver-
weis: ſeine Berater verſtänden nichts von der „apoſtoliſchen Autorität“,
er ſolle gefälligſt einmal die kanoniſchen Überlieferungen und Erlaſſe
der heiligen Väter durchgehen. Nachdem der Streit in Böhmen durch
ſeine eigene Nachläſſigkeit ſo weit gediehen, maße er jetzt ſich an, das
friedenſtiftende Urteil des Papſtes anzufechten. Eingedenk ſolle er bleiben,
daß ohne die übergroße Milde der römiſchen Kirche er ſich auf ſeinem
Platze nicht halten könne. Auch ohne dieſes harte Schreiben zu kennen
— er kann es damals noch nicht bekommen haben — wagte der ängſt-
liche Siegfried bei der Nürnberger Verhandlung nicht, die Führung der
deutſchen Biſchöfe zu übernehmen, wie es das Anſehen ſeines Stuhles
verlangte; er überließ das ſeinem Amtsbruder von Bremen, dem durch
Charakter und Geiſt hochangeſehenen Liemar. Dieſer vertrat den deut-
ſchen Standpunkt mit ſolchem Nachdruck, daß die Legaten ihre Abſicht
aufgeben mußten. Sie luden Liemar zur Verantwortung nach Rom.

Der Plan einer umfaſſenden Reform der deutſchen Kirche durch den
Papſt war vorläufig geſcheitert, nicht durch die Schuld des Königs, und

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0363" n="354"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#g">Anfängliche Beziehungen zu Deut&#x017F;chland</hi></fw><lb/>
Bi&#x017F;chöfe auf die neuen Ge&#x017F;etze zu verpflichten. Jnsbe&#x017F;ondere mit der<lb/>
Durchführung des Verbots der Prie&#x017F;terehe war noch kein Anfang ge-<lb/>
macht, darin &#x017F;tand Deut&#x017F;chland hinter andern Ländern zurück. Um das<lb/>
Ver&#x017F;äumte nachzuholen, forderten die Legaten das Zu&#x017F;ammentreten<lb/>
einer Reichs&#x017F;ynode unter ihrem Vor&#x017F;itz. Die deut&#x017F;chen Bi&#x017F;chöfe wider-<lb/>
&#x017F;prachen: die Legaten hätten dazu keinen ausdrücklichen Auftrag, außer-<lb/>
dem &#x017F;ei Berufung und Leitung einer ge&#x017F;amtdeut&#x017F;chen Synode Vorrecht<lb/>
des Erzbi&#x017F;chofs von Mainz, der &#x017F;eit alter Zeit die Vertretung des<lb/>
Pap&#x017F;tes in Deut&#x017F;chland habe. Nicht der Mainzer war es, der als<lb/>
Sprecher der Ge&#x017F;amtheit &#x017F;ein eigenes Recht verteidigte. Erzbi&#x017F;chof<lb/>
Siegfried hatte &#x017F;chon Alexander <hi rendition="#aq">II</hi>. be&#x017F;ondere Ergebenheit gezeigt, hatte<lb/>
Hildebrand umworben und &#x017F;eine Thronbe&#x017F;teigung mit einer Wolke von<lb/>
Schmeicheleien begrüßt. Dabei war er nicht frei von eigennütziger Be-<lb/>
rechnung. Seit Jahren kämpfte er um die Zehnten in Thüringen, ohne<lb/>
&#x017F;einen An&#x017F;pruch durch&#x017F;etzen zu können. Die Klage hierüber kehrte in<lb/>
&#x017F;einen Briefen nach Rom be&#x017F;tändig wieder: der Pap&#x017F;t &#x017F;ollte helfen, wo-<lb/>
möglich einen eigenen Legaten &#x017F;enden. Neuerdings war der Erzbi&#x017F;chof<lb/>
zwar ver&#x017F;timmt, weil der Pap&#x017F;t &#x2014; es war noch unter Alexander ge-<lb/>
&#x017F;chehen &#x2014; über &#x017F;einen Kopf hinweg in Prag und Olmütz eingriff. Dar-<lb/>
über &#x017F;ich zu beklagen, hatte Siegfried im Glückwun&#x017F;chbrief an Gregor<lb/>
nicht unterla&#x017F;&#x017F;en können. Zur Antwort erhielt er einen &#x017F;trengen Ver-<lb/>
weis: &#x017F;eine Berater ver&#x017F;tänden nichts von der &#x201E;apo&#x017F;toli&#x017F;chen Autorität&#x201C;,<lb/>
er &#x017F;olle gefällig&#x017F;t einmal die kanoni&#x017F;chen Überlieferungen und Erla&#x017F;&#x017F;e<lb/>
der heiligen Väter durchgehen. Nachdem der Streit in Böhmen durch<lb/>
&#x017F;eine eigene Nachlä&#x017F;&#x017F;igkeit &#x017F;o weit gediehen, maße er jetzt &#x017F;ich an, das<lb/>
frieden&#x017F;tiftende Urteil des Pap&#x017F;tes anzufechten. Eingedenk &#x017F;olle er bleiben,<lb/>
daß ohne die übergroße Milde der römi&#x017F;chen Kirche er &#x017F;ich auf &#x017F;einem<lb/>
Platze nicht halten könne. Auch ohne die&#x017F;es harte Schreiben zu kennen<lb/>
&#x2014; er kann es damals noch nicht bekommen haben &#x2014; wagte der äng&#x017F;t-<lb/>
liche Siegfried bei der Nürnberger Verhandlung nicht, die Führung der<lb/>
deut&#x017F;chen Bi&#x017F;chöfe zu übernehmen, wie es das An&#x017F;ehen &#x017F;eines Stuhles<lb/>
verlangte; er überließ das &#x017F;einem Amtsbruder von Bremen, dem durch<lb/>
Charakter und Gei&#x017F;t hochange&#x017F;ehenen Liemar. Die&#x017F;er vertrat den deut-<lb/>
&#x017F;chen Standpunkt mit &#x017F;olchem Nachdruck, daß die Legaten ihre Ab&#x017F;icht<lb/>
aufgeben mußten. Sie luden Liemar zur Verantwortung nach Rom.</p><lb/>
          <p>Der Plan einer umfa&#x017F;&#x017F;enden Reform der deut&#x017F;chen Kirche durch den<lb/>
Pap&#x017F;t war vorläufig ge&#x017F;cheitert, nicht durch die Schuld des Königs, und<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[354/0363] Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland Biſchöfe auf die neuen Geſetze zu verpflichten. Jnsbeſondere mit der Durchführung des Verbots der Prieſterehe war noch kein Anfang ge- macht, darin ſtand Deutſchland hinter andern Ländern zurück. Um das Verſäumte nachzuholen, forderten die Legaten das Zuſammentreten einer Reichsſynode unter ihrem Vorſitz. Die deutſchen Biſchöfe wider- ſprachen: die Legaten hätten dazu keinen ausdrücklichen Auftrag, außer- dem ſei Berufung und Leitung einer geſamtdeutſchen Synode Vorrecht des Erzbiſchofs von Mainz, der ſeit alter Zeit die Vertretung des Papſtes in Deutſchland habe. Nicht der Mainzer war es, der als Sprecher der Geſamtheit ſein eigenes Recht verteidigte. Erzbiſchof Siegfried hatte ſchon Alexander II. beſondere Ergebenheit gezeigt, hatte Hildebrand umworben und ſeine Thronbeſteigung mit einer Wolke von Schmeicheleien begrüßt. Dabei war er nicht frei von eigennütziger Be- rechnung. Seit Jahren kämpfte er um die Zehnten in Thüringen, ohne ſeinen Anſpruch durchſetzen zu können. Die Klage hierüber kehrte in ſeinen Briefen nach Rom beſtändig wieder: der Papſt ſollte helfen, wo- möglich einen eigenen Legaten ſenden. Neuerdings war der Erzbiſchof zwar verſtimmt, weil der Papſt — es war noch unter Alexander ge- ſchehen — über ſeinen Kopf hinweg in Prag und Olmütz eingriff. Dar- über ſich zu beklagen, hatte Siegfried im Glückwunſchbrief an Gregor nicht unterlaſſen können. Zur Antwort erhielt er einen ſtrengen Ver- weis: ſeine Berater verſtänden nichts von der „apoſtoliſchen Autorität“, er ſolle gefälligſt einmal die kanoniſchen Überlieferungen und Erlaſſe der heiligen Väter durchgehen. Nachdem der Streit in Böhmen durch ſeine eigene Nachläſſigkeit ſo weit gediehen, maße er jetzt ſich an, das friedenſtiftende Urteil des Papſtes anzufechten. Eingedenk ſolle er bleiben, daß ohne die übergroße Milde der römiſchen Kirche er ſich auf ſeinem Platze nicht halten könne. Auch ohne dieſes harte Schreiben zu kennen — er kann es damals noch nicht bekommen haben — wagte der ängſt- liche Siegfried bei der Nürnberger Verhandlung nicht, die Führung der deutſchen Biſchöfe zu übernehmen, wie es das Anſehen ſeines Stuhles verlangte; er überließ das ſeinem Amtsbruder von Bremen, dem durch Charakter und Geiſt hochangeſehenen Liemar. Dieſer vertrat den deut- ſchen Standpunkt mit ſolchem Nachdruck, daß die Legaten ihre Abſicht aufgeben mußten. Sie luden Liemar zur Verantwortung nach Rom. Der Plan einer umfaſſenden Reform der deutſchen Kirche durch den Papſt war vorläufig geſcheitert, nicht durch die Schuld des Königs, und

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/363
Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 354. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/363>, abgerufen am 19.09.2020.