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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anfängliche Beziehungen zu Deutschland
ben, von dem Gregor mit Recht sagen durfte, noch nie habe ein deutscher
König so an einen Papst geschrieben, bekannte er sich schuldig, dem
Priesterstand nicht immer sein Recht und gebührende Ehre gegeben, sein
Richterschwert nicht immer gegen die Schuldigen geführt zu haben. Jn
mehr als demütiger Sprache bat er um Lossprechung von den Sünden,
zu denen ihn Jugend und Übermut oder schlechte Ratschläge verführt
hätten. "Wir haben gesündigt wider den Himmel und wider Euch, nicht
wert sind wir mehr Eurer Kindschaft. Denn nicht nur haben wir der
Kirche Gut angetastet, wir haben Unwürdigen, von der Galle der Simo-
nie vergifteten, die nicht durch die Tür eintraten, die Kirchen selbst ver-
kauft, statt sie zu schützen, wie wir sollten." Zur Besserung erbat er Rat
und Hilfe vom Papst und versprach, seinem Befehl zu folgen, in erster
Linie betreffs der Kirche von Mailand, an deren Verirrung er sich selbst
die Schuld zuschrieb. Bekenntnis und Bitte wurden in einem zweiten
Brief wiederholt.

Ohne Zögern griff Gregor zu. Zwischen dem König und den Auf-
ständischen nahm er die Entscheidung für sich in Anspruch und gebot
bis dahin Waffenruhe. Zu Trägern der Sendung ersah er die Bischöfe
von Palestrina und Ostia neben der Kaiserin Agnes, die sich meist in
Rom aufhielt und ihm völlig ergeben war. Um Weihnachten machten
sie sich auf, Ende April 1074 in Nürnberg trafen sie den König. Zur
Friedensvermittlung hatten sie keine Gelegenheit mehr, notgedrungen
hatte Heinrich bereits die Forderungen der Aufständischen bewilligt.
Aber noch erlaubte seine Lage ihm nicht, Schwierigkeiten zu machen,
allen Forderungen des Papstes unterwarf er sich, wiederholte seine schrift-
lich gegebenen Versprechungen und schwor auf die Reliquien, die Be-
seitigung der Simonisten unterstützen zu wollen. Desgleichen versprachen
seine Räte eidlich, den unrechten Gewinn, den sie aus Bistumsver-
leihungen gezogen hätten, zurückzugeben.

Auf Widerstand stießen die Legaten erst, als sie darangingen, die
Reform der deutschen Kirche in die Hand zu nehmen. An einem durch-
greifenden Versuch hierzu hatte es seit den Tagen Leos IX. gefehlt.
Wohl war in einzelnen Fällen auf Grund des Simonieverbots einge-
schritten worden, aber an eine Säuberung des Prälatenstandes im ganzen
hatte man nicht gedacht. Kein Legat war, wie in Frankreich und Bur-
gund, in England und sogar in Spanien, erschienen, um, sei es auch nur
in begrenztem Umkreis, Synoden zu berufen, Gericht zu halten und die

Haller, Das Papsttum II1 23

Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland
ben, von dem Gregor mit Recht ſagen durfte, noch nie habe ein deutſcher
König ſo an einen Papſt geſchrieben, bekannte er ſich ſchuldig, dem
Prieſterſtand nicht immer ſein Recht und gebührende Ehre gegeben, ſein
Richterſchwert nicht immer gegen die Schuldigen geführt zu haben. Jn
mehr als demütiger Sprache bat er um Losſprechung von den Sünden,
zu denen ihn Jugend und Übermut oder ſchlechte Ratſchläge verführt
hätten. „Wir haben geſündigt wider den Himmel und wider Euch, nicht
wert ſind wir mehr Eurer Kindſchaft. Denn nicht nur haben wir der
Kirche Gut angetaſtet, wir haben Unwürdigen, von der Galle der Simo-
nie vergifteten, die nicht durch die Tür eintraten, die Kirchen ſelbſt ver-
kauft, ſtatt ſie zu ſchützen, wie wir ſollten.“ Zur Beſſerung erbat er Rat
und Hilfe vom Papſt und verſprach, ſeinem Befehl zu folgen, in erſter
Linie betreffs der Kirche von Mailand, an deren Verirrung er ſich ſelbſt
die Schuld zuſchrieb. Bekenntnis und Bitte wurden in einem zweiten
Brief wiederholt.

Ohne Zögern griff Gregor zu. Zwiſchen dem König und den Auf-
ſtändiſchen nahm er die Entſcheidung für ſich in Anſpruch und gebot
bis dahin Waffenruhe. Zu Trägern der Sendung erſah er die Biſchöfe
von Paleſtrina und Oſtia neben der Kaiſerin Agnes, die ſich meiſt in
Rom aufhielt und ihm völlig ergeben war. Um Weihnachten machten
ſie ſich auf, Ende April 1074 in Nürnberg trafen ſie den König. Zur
Friedensvermittlung hatten ſie keine Gelegenheit mehr, notgedrungen
hatte Heinrich bereits die Forderungen der Aufſtändiſchen bewilligt.
Aber noch erlaubte ſeine Lage ihm nicht, Schwierigkeiten zu machen,
allen Forderungen des Papſtes unterwarf er ſich, wiederholte ſeine ſchrift-
lich gegebenen Verſprechungen und ſchwor auf die Reliquien, die Be-
ſeitigung der Simoniſten unterſtützen zu wollen. Desgleichen verſprachen
ſeine Räte eidlich, den unrechten Gewinn, den ſie aus Bistumsver-
leihungen gezogen hätten, zurückzugeben.

Auf Widerſtand ſtießen die Legaten erſt, als ſie darangingen, die
Reform der deutſchen Kirche in die Hand zu nehmen. An einem durch-
greifenden Verſuch hierzu hatte es ſeit den Tagen Leos IX. gefehlt.
Wohl war in einzelnen Fällen auf Grund des Simonieverbots einge-
ſchritten worden, aber an eine Säuberung des Prälatenſtandes im ganzen
hatte man nicht gedacht. Kein Legat war, wie in Frankreich und Bur-
gund, in England und ſogar in Spanien, erſchienen, um, ſei es auch nur
in begrenztem Umkreis, Synoden zu berufen, Gericht zu halten und die

Haller, Das Papſttum II1 23
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[353/0362] Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland ben, von dem Gregor mit Recht ſagen durfte, noch nie habe ein deutſcher König ſo an einen Papſt geſchrieben, bekannte er ſich ſchuldig, dem Prieſterſtand nicht immer ſein Recht und gebührende Ehre gegeben, ſein Richterſchwert nicht immer gegen die Schuldigen geführt zu haben. Jn mehr als demütiger Sprache bat er um Losſprechung von den Sünden, zu denen ihn Jugend und Übermut oder ſchlechte Ratſchläge verführt hätten. „Wir haben geſündigt wider den Himmel und wider Euch, nicht wert ſind wir mehr Eurer Kindſchaft. Denn nicht nur haben wir der Kirche Gut angetaſtet, wir haben Unwürdigen, von der Galle der Simo- nie vergifteten, die nicht durch die Tür eintraten, die Kirchen ſelbſt ver- kauft, ſtatt ſie zu ſchützen, wie wir ſollten.“ Zur Beſſerung erbat er Rat und Hilfe vom Papſt und verſprach, ſeinem Befehl zu folgen, in erſter Linie betreffs der Kirche von Mailand, an deren Verirrung er ſich ſelbſt die Schuld zuſchrieb. Bekenntnis und Bitte wurden in einem zweiten Brief wiederholt. Ohne Zögern griff Gregor zu. Zwiſchen dem König und den Auf- ſtändiſchen nahm er die Entſcheidung für ſich in Anſpruch und gebot bis dahin Waffenruhe. Zu Trägern der Sendung erſah er die Biſchöfe von Paleſtrina und Oſtia neben der Kaiſerin Agnes, die ſich meiſt in Rom aufhielt und ihm völlig ergeben war. Um Weihnachten machten ſie ſich auf, Ende April 1074 in Nürnberg trafen ſie den König. Zur Friedensvermittlung hatten ſie keine Gelegenheit mehr, notgedrungen hatte Heinrich bereits die Forderungen der Aufſtändiſchen bewilligt. Aber noch erlaubte ſeine Lage ihm nicht, Schwierigkeiten zu machen, allen Forderungen des Papſtes unterwarf er ſich, wiederholte ſeine ſchrift- lich gegebenen Verſprechungen und ſchwor auf die Reliquien, die Be- ſeitigung der Simoniſten unterſtützen zu wollen. Desgleichen verſprachen ſeine Räte eidlich, den unrechten Gewinn, den ſie aus Bistumsver- leihungen gezogen hätten, zurückzugeben. Auf Widerſtand ſtießen die Legaten erſt, als ſie darangingen, die Reform der deutſchen Kirche in die Hand zu nehmen. An einem durch- greifenden Verſuch hierzu hatte es ſeit den Tagen Leos IX. gefehlt. Wohl war in einzelnen Fällen auf Grund des Simonieverbots einge- ſchritten worden, aber an eine Säuberung des Prälatenſtandes im ganzen hatte man nicht gedacht. Kein Legat war, wie in Frankreich und Bur- gund, in England und ſogar in Spanien, erſchienen, um, ſei es auch nur in begrenztem Umkreis, Synoden zu berufen, Gericht zu halten und die Haller, Das Papſttum II1 23

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 353. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/362>, abgerufen am 19.09.2020.