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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Anfängliche Beziehungen zu Deutschland
bar wie die heidnischen Kaiser der Verfolgungszeit. Die Ausdrücke, mit
denen Gregor den König belegt, lassen an Schärfe nichts zu wünschen
übrig: nicht König, sondern Tyrann, leihe er dem Teufel sein Ohr,
beflecke sich mit Schandtaten, gebe seinen Untertanen das Beispiel des
Lasters durch Zerrüttung der Kirchen, Ehebruch, Raub, Meineid und
Betrug. Aber auch die Bischöfe erhalten ihr Teil: fast als Mitschuldige
werden sie behandelt und mit Amtsverlust bedroht, "Hunde, die nicht zu
bellen wagen". Sie müssen gleichwohl gezögert haben, denn der Papst
beschloß, selber Hand ans Werk zu legen. Da die früheren Legaten
mittlerweile nach Spanien gegangen waren, von wo sie bald Gutes
melden konnten, so faßte Gregor die Sendung neuer Vertreter ins
Auge, die bis zum Herbst in Frankreich sein sollten. Wenn ihnen der
König für Genugtuung und Besserung keine Bürgschaft gebe, sollte er
für ausgeschlossen aus der Gemeinschaft gelten.

So weit waren die französischen Angelegenheiten im Frühjahr 1075
gediehen; da schlug der Wind plötzlich um: die Fanfarentöne verstumm-
ten und der drohende Streit kam nicht zum Ausbruch. Philipp I. muß
es nicht schwer gefunden haben, den zürnenden Papst zu beschwichtigen,
denn dieser hatte inzwischen die Front gegen einen andern, größeren
Feind genommen.

Zu Deutschland hatte Gregor von seinem Vorgänger gespannte Be-
ziehungen geerbt, deren Ursache in Mailand zu suchen war. Anderes
mag hinzugekommen sein, so daß Alexander auf der Jahressynode im
Frühjahr 1073 gegen den Königshof den ersten Schlag führte: Heinrich
selbst ließ er unangetastet, aber einige seiner Räte schloß er aus der
Gemeinschaft aus. Daß bei der Erhebung Gregors keinerlei Rücksicht
auf den Herrscher genommen wurde, ist danach nicht befremdlich. Nicht
einmal eine Anzeige der Thronbesteigung erhielt der König, die Be-
ziehungen waren unterbrochen. Jn seinen Äußerungen gegenüber dritten
Personen behandelte Gregor Heinrich als einen Verirrten, für den er
schon in Erinnerung an seinen unvergeßlichen Vater das größte Wohl-
wollen hege, der aber durch väterliche Vermahnung von seinen kindischen
Neigungen auf den rechten Weg zurückgeführt werden müsse, um die
Kaiserkrone in gebührender Form zu empfangen. Da geschah es, daß
Heinrich, durch den Aufstand der Sachsen in Gefahr gebracht, die Krone
zu verlieren, sich dem Papst förmlich zu Füßen warf. Jn einem Schrei-

Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland
bar wie die heidniſchen Kaiſer der Verfolgungszeit. Die Ausdrücke, mit
denen Gregor den König belegt, laſſen an Schärfe nichts zu wünſchen
übrig: nicht König, ſondern Tyrann, leihe er dem Teufel ſein Ohr,
beflecke ſich mit Schandtaten, gebe ſeinen Untertanen das Beiſpiel des
Laſters durch Zerrüttung der Kirchen, Ehebruch, Raub, Meineid und
Betrug. Aber auch die Biſchöfe erhalten ihr Teil: faſt als Mitſchuldige
werden ſie behandelt und mit Amtsverluſt bedroht, „Hunde, die nicht zu
bellen wagen“. Sie müſſen gleichwohl gezögert haben, denn der Papſt
beſchloß, ſelber Hand ans Werk zu legen. Da die früheren Legaten
mittlerweile nach Spanien gegangen waren, von wo ſie bald Gutes
melden konnten, ſo faßte Gregor die Sendung neuer Vertreter ins
Auge, die bis zum Herbſt in Frankreich ſein ſollten. Wenn ihnen der
König für Genugtuung und Beſſerung keine Bürgſchaft gebe, ſollte er
für ausgeſchloſſen aus der Gemeinſchaft gelten.

So weit waren die franzöſiſchen Angelegenheiten im Frühjahr 1075
gediehen; da ſchlug der Wind plötzlich um: die Fanfarentöne verſtumm-
ten und der drohende Streit kam nicht zum Ausbruch. Philipp I. muß
es nicht ſchwer gefunden haben, den zürnenden Papſt zu beſchwichtigen,
denn dieſer hatte inzwiſchen die Front gegen einen andern, größeren
Feind genommen.

Zu Deutſchland hatte Gregor von ſeinem Vorgänger geſpannte Be-
ziehungen geerbt, deren Urſache in Mailand zu ſuchen war. Anderes
mag hinzugekommen ſein, ſo daß Alexander auf der Jahresſynode im
Frühjahr 1073 gegen den Königshof den erſten Schlag führte: Heinrich
ſelbſt ließ er unangetaſtet, aber einige ſeiner Räte ſchloß er aus der
Gemeinſchaft aus. Daß bei der Erhebung Gregors keinerlei Rückſicht
auf den Herrſcher genommen wurde, iſt danach nicht befremdlich. Nicht
einmal eine Anzeige der Thronbeſteigung erhielt der König, die Be-
ziehungen waren unterbrochen. Jn ſeinen Äußerungen gegenüber dritten
Perſonen behandelte Gregor Heinrich als einen Verirrten, für den er
ſchon in Erinnerung an ſeinen unvergeßlichen Vater das größte Wohl-
wollen hege, der aber durch väterliche Vermahnung von ſeinen kindiſchen
Neigungen auf den rechten Weg zurückgeführt werden müſſe, um die
Kaiſerkrone in gebührender Form zu empfangen. Da geſchah es, daß
Heinrich, durch den Aufſtand der Sachſen in Gefahr gebracht, die Krone
zu verlieren, ſich dem Papſt förmlich zu Füßen warf. Jn einem Schrei-

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[352/0361] Anfängliche Beziehungen zu Deutſchland bar wie die heidniſchen Kaiſer der Verfolgungszeit. Die Ausdrücke, mit denen Gregor den König belegt, laſſen an Schärfe nichts zu wünſchen übrig: nicht König, ſondern Tyrann, leihe er dem Teufel ſein Ohr, beflecke ſich mit Schandtaten, gebe ſeinen Untertanen das Beiſpiel des Laſters durch Zerrüttung der Kirchen, Ehebruch, Raub, Meineid und Betrug. Aber auch die Biſchöfe erhalten ihr Teil: faſt als Mitſchuldige werden ſie behandelt und mit Amtsverluſt bedroht, „Hunde, die nicht zu bellen wagen“. Sie müſſen gleichwohl gezögert haben, denn der Papſt beſchloß, ſelber Hand ans Werk zu legen. Da die früheren Legaten mittlerweile nach Spanien gegangen waren, von wo ſie bald Gutes melden konnten, ſo faßte Gregor die Sendung neuer Vertreter ins Auge, die bis zum Herbſt in Frankreich ſein ſollten. Wenn ihnen der König für Genugtuung und Beſſerung keine Bürgſchaft gebe, ſollte er für ausgeſchloſſen aus der Gemeinſchaft gelten. So weit waren die franzöſiſchen Angelegenheiten im Frühjahr 1075 gediehen; da ſchlug der Wind plötzlich um: die Fanfarentöne verſtumm- ten und der drohende Streit kam nicht zum Ausbruch. Philipp I. muß es nicht ſchwer gefunden haben, den zürnenden Papſt zu beſchwichtigen, denn dieſer hatte inzwiſchen die Front gegen einen andern, größeren Feind genommen. Zu Deutſchland hatte Gregor von ſeinem Vorgänger geſpannte Be- ziehungen geerbt, deren Urſache in Mailand zu ſuchen war. Anderes mag hinzugekommen ſein, ſo daß Alexander auf der Jahresſynode im Frühjahr 1073 gegen den Königshof den erſten Schlag führte: Heinrich ſelbſt ließ er unangetaſtet, aber einige ſeiner Räte ſchloß er aus der Gemeinſchaft aus. Daß bei der Erhebung Gregors keinerlei Rückſicht auf den Herrſcher genommen wurde, iſt danach nicht befremdlich. Nicht einmal eine Anzeige der Thronbeſteigung erhielt der König, die Be- ziehungen waren unterbrochen. Jn ſeinen Äußerungen gegenüber dritten Perſonen behandelte Gregor Heinrich als einen Verirrten, für den er ſchon in Erinnerung an ſeinen unvergeßlichen Vater das größte Wohl- wollen hege, der aber durch väterliche Vermahnung von ſeinen kindiſchen Neigungen auf den rechten Weg zurückgeführt werden müſſe, um die Kaiſerkrone in gebührender Form zu empfangen. Da geſchah es, daß Heinrich, durch den Aufſtand der Sachſen in Gefahr gebracht, die Krone zu verlieren, ſich dem Papſt förmlich zu Füßen warf. Jn einem Schrei-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 352. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/361>, abgerufen am 19.09.2020.