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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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gegen. Zumal in den südlichen Provinzen und im angrenzenden burgundi-
schen Königreich. Dort wirkten schon seit Alexanders II. letzter Zeit als
Legaten der Bischof Gerald von Ostia und ein Kardinal. Man findet
ihre Spur im Burgundischen und in der Gascogne, wo sie Bischöfe ab-
setzen und ausschließen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Wird ihr Urteil
angefochten, so erfolgt Berufung an den Papst. Anders im Norden,
wo die Kirchen dem König gehörten. Philipp I. erwies sich den Forde-
rungen des Papstes wenig zugänglich, versprach mitunter wohl, sich zu
fügen, hielt aber nicht Wort, so daß Gregor in ihm den schlimmsten
Bedrücker der Kirche sah. Jn Macon verweigerte er die Einsetzung
eines Gewählten, den zu weihen der Erzbischof von Lyon darum trotz
päpstlichen Befehls nicht wagte, so daß Gregor schließlich die Weihe
selbst vollzog, aber ohne damit seinem Mann zum Besitz verhelfen zu
können. Den Bischof von Beauvais hatte der König durch die Gemeinde
vertreiben lassen, den von Orleans hielt er gegen die Strafen, die schon
Alexander verhängt hatte. Weder Mahnungen noch Drohungen wirk-
ten, so daß Gregor entschlossen war, zum Äußersten zu schreiten.

Der Anlaß ist bezeichnend dafür, wie er sein Verhältnis zum welt-
lichen Herrscher auffaßte. Kaufleute aus Jtalien, die die französischen
Märkte besuchten, hatten durch den König Verluste erlitten*) Es mag
sich entweder um unbillig erhöhte Zollabgaben oder um Gegenmaß-
nahmen gehandelt haben, wie sie im Mittelalter üblich waren, Gregor
aber sprach von Beraubung und von ungeheuren Summen und gab den
französischen Bischöfen Befehl, in seinem Namen den König zur Ent-
schädigung der Kaufleute und im allgemeinen zur Besserung seines Re-
giments zu mahnen. Weigere er sich, so sollte im ganzen Lande der
Gottesdienst verboten werden. Erweise der König sich auch dagegen un-
verbesserlich, so sollte jedermann wissen, daß der Papst entschlossen sei,
ihm sein Reich mit Gottes Hilfe zu entreißen. Den Anfang dazu machte
Gregor alsbald, indem er den Grafen Wilhelm von Poitou, den größten
der französischen Fürsten nächst Wilhelm von England, ins Vertrauen
zog: im Verein mit andern sollte er den König zur Besserung mahnen
und ihm mit Ausschluß aus der Kirche und Absetzung drohen. Lange
genug habe die Kirche Geduld mit ihm gehabt, jetzt aber sei seine Ver-
derbtheit nicht mehr zu ertragen, und wäre er selbst so mächtig und furcht-

*) Die Entrüstung, mit der Gregor sich ihrer annahm, berechtigt zur Vermutung, daß
sie zu dem römischen Bankhaus gehörten, das Gregor nahe stand.

Frankreich
gegen. Zumal in den ſüdlichen Provinzen und im angrenzenden burgundi-
ſchen Königreich. Dort wirkten ſchon ſeit Alexanders II. letzter Zeit als
Legaten der Biſchof Gerald von Oſtia und ein Kardinal. Man findet
ihre Spur im Burgundiſchen und in der Gascogne, wo ſie Biſchöfe ab-
ſetzen und ausſchließen, ohne auf Widerſtand zu ſtoßen. Wird ihr Urteil
angefochten, ſo erfolgt Berufung an den Papſt. Anders im Norden,
wo die Kirchen dem König gehörten. Philipp I. erwies ſich den Forde-
rungen des Papſtes wenig zugänglich, verſprach mitunter wohl, ſich zu
fügen, hielt aber nicht Wort, ſo daß Gregor in ihm den ſchlimmſten
Bedrücker der Kirche ſah. Jn Mâcon verweigerte er die Einſetzung
eines Gewählten, den zu weihen der Erzbiſchof von Lyon darum trotz
päpſtlichen Befehls nicht wagte, ſo daß Gregor ſchließlich die Weihe
ſelbſt vollzog, aber ohne damit ſeinem Mann zum Beſitz verhelfen zu
können. Den Biſchof von Beauvais hatte der König durch die Gemeinde
vertreiben laſſen, den von Orleans hielt er gegen die Strafen, die ſchon
Alexander verhängt hatte. Weder Mahnungen noch Drohungen wirk-
ten, ſo daß Gregor entſchloſſen war, zum Äußerſten zu ſchreiten.

Der Anlaß iſt bezeichnend dafür, wie er ſein Verhältnis zum welt-
lichen Herrſcher auffaßte. Kaufleute aus Jtalien, die die franzöſiſchen
Märkte beſuchten, hatten durch den König Verluſte erlitten*) Es mag
ſich entweder um unbillig erhöhte Zollabgaben oder um Gegenmaß-
nahmen gehandelt haben, wie ſie im Mittelalter üblich waren, Gregor
aber ſprach von Beraubung und von ungeheuren Summen und gab den
franzöſiſchen Biſchöfen Befehl, in ſeinem Namen den König zur Ent-
ſchädigung der Kaufleute und im allgemeinen zur Beſſerung ſeines Re-
giments zu mahnen. Weigere er ſich, ſo ſollte im ganzen Lande der
Gottesdienſt verboten werden. Erweiſe der König ſich auch dagegen un-
verbeſſerlich, ſo ſollte jedermann wiſſen, daß der Papſt entſchloſſen ſei,
ihm ſein Reich mit Gottes Hilfe zu entreißen. Den Anfang dazu machte
Gregor alsbald, indem er den Grafen Wilhelm von Poitou, den größten
der franzöſiſchen Fürſten nächſt Wilhelm von England, ins Vertrauen
zog: im Verein mit andern ſollte er den König zur Beſſerung mahnen
und ihm mit Ausſchluß aus der Kirche und Abſetzung drohen. Lange
genug habe die Kirche Geduld mit ihm gehabt, jetzt aber ſei ſeine Ver-
derbtheit nicht mehr zu ertragen, und wäre er ſelbſt ſo mächtig und furcht-

*) Die Entrüſtung, mit der Gregor ſich ihrer annahm, berechtigt zur Vermutung, daß
ſie zu dem römiſchen Bankhaus gehörten, das Gregor nahe ſtand.
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[351/0360] Frankreich gegen. Zumal in den ſüdlichen Provinzen und im angrenzenden burgundi- ſchen Königreich. Dort wirkten ſchon ſeit Alexanders II. letzter Zeit als Legaten der Biſchof Gerald von Oſtia und ein Kardinal. Man findet ihre Spur im Burgundiſchen und in der Gascogne, wo ſie Biſchöfe ab- ſetzen und ausſchließen, ohne auf Widerſtand zu ſtoßen. Wird ihr Urteil angefochten, ſo erfolgt Berufung an den Papſt. Anders im Norden, wo die Kirchen dem König gehörten. Philipp I. erwies ſich den Forde- rungen des Papſtes wenig zugänglich, verſprach mitunter wohl, ſich zu fügen, hielt aber nicht Wort, ſo daß Gregor in ihm den ſchlimmſten Bedrücker der Kirche ſah. Jn Mâcon verweigerte er die Einſetzung eines Gewählten, den zu weihen der Erzbiſchof von Lyon darum trotz päpſtlichen Befehls nicht wagte, ſo daß Gregor ſchließlich die Weihe ſelbſt vollzog, aber ohne damit ſeinem Mann zum Beſitz verhelfen zu können. Den Biſchof von Beauvais hatte der König durch die Gemeinde vertreiben laſſen, den von Orleans hielt er gegen die Strafen, die ſchon Alexander verhängt hatte. Weder Mahnungen noch Drohungen wirk- ten, ſo daß Gregor entſchloſſen war, zum Äußerſten zu ſchreiten. Der Anlaß iſt bezeichnend dafür, wie er ſein Verhältnis zum welt- lichen Herrſcher auffaßte. Kaufleute aus Jtalien, die die franzöſiſchen Märkte beſuchten, hatten durch den König Verluſte erlitten *) Es mag ſich entweder um unbillig erhöhte Zollabgaben oder um Gegenmaß- nahmen gehandelt haben, wie ſie im Mittelalter üblich waren, Gregor aber ſprach von Beraubung und von ungeheuren Summen und gab den franzöſiſchen Biſchöfen Befehl, in ſeinem Namen den König zur Ent- ſchädigung der Kaufleute und im allgemeinen zur Beſſerung ſeines Re- giments zu mahnen. Weigere er ſich, ſo ſollte im ganzen Lande der Gottesdienſt verboten werden. Erweiſe der König ſich auch dagegen un- verbeſſerlich, ſo ſollte jedermann wiſſen, daß der Papſt entſchloſſen ſei, ihm ſein Reich mit Gottes Hilfe zu entreißen. Den Anfang dazu machte Gregor alsbald, indem er den Grafen Wilhelm von Poitou, den größten der franzöſiſchen Fürſten nächſt Wilhelm von England, ins Vertrauen zog: im Verein mit andern ſollte er den König zur Beſſerung mahnen und ihm mit Ausſchluß aus der Kirche und Abſetzung drohen. Lange genug habe die Kirche Geduld mit ihm gehabt, jetzt aber ſei ſeine Ver- derbtheit nicht mehr zu ertragen, und wäre er ſelbſt ſo mächtig und furcht- *) Die Entrüſtung, mit der Gregor ſich ihrer annahm, berechtigt zur Vermutung, daß ſie zu dem römiſchen Bankhaus gehörten, das Gregor nahe ſtand.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 351. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/360>, abgerufen am 19.09.2020.