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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kirchenreform
andern Ländern rechnete, und das Ziel sollte Jerusalem sein. So schrieb
er noch im Dezember 1074 dem König, den er um Rat und womöglich
Hilfe anging, und erließ alsbald einen erneuten Aufruf "an alle Getreuen
Sankt Peters, vor allem die jenseits der Alpen". Von der Gräfin Ma-
thilde erwartete er, daß sie ihn begleite. Er bewegte sich in Täuschungen:
das Heer, von dem er sprach, bestand nur in seiner tatendurstigen Vor-
stellung, und Heinrich IV. war weit davon entfernt, ihm zu helfen, selbst
wenn er es gekonnt hätte. Kein Jahr hat es gedauert, so war zwischen
ihm und Gregor der große Kampf ausgebrochen, der für beide Teile
zum Schicksal werden sollte.

Jnzwischen war Gregor in dem, was seine Hauptaufgabe war, in der
Reform der Kirche nicht müßig gewesen. Seine erste Synode, die er für
den Fastenbeginn des Jahres 1074 ansagte, sollte das unter den Vor-
gängern begonnene Werk fortsetzen. Jhre Bedeutung unterstrich er
durch Aufgebot der lombardischen Bischöfe und Einladung an den
Patriarchen von Aquileja und dessen Suffragane. Die Kirche, schrieb
er diesem, ist in den stürmischen Fluten ihrer verzweifelten Lage beinahe
schiffbrüchig untergegangen. "Denn die Richter und Fürsten dieser
Welt suchen nur das Jhre, treten alle Ehrfurcht mit Füßen und unter-
drücken und knechten die Braut Christi wie eine gemeine Magd. Die
Priester aber, und die das Regiment der Kirche empfangen haben, miß-
achten Gottes Gesetz, entziehen Gott und ihren anvertrauten Schafen
den schuldigen Dienst, erstreben mit kirchlichen Würden nur weltliche
Herrlichkeit und verzehren in hochmütigem Pomp und überflüssigem
Aufwand, was in geistlicher Verwaltung dem Nutzen und Heil vieler
dienen sollte." Trotz diesem feierlichen Aufruf war die Synode nicht
stark besucht; wir hören von fünfzig anwesenden Bischöfen, und die
Beschlüsse brachten nichts Neues. Daß die Verbote des Stellenkaufs
und der Priesterehe in der bereits bekannten Form wiederholt wurden,
verstand sich von selbst; worauf es ankam, war ihre Durchführung.

Jn dieser Beziehung war das Augenmerk des Papstes vor allem auf
Frankreich gerichtet. Hier hatte die lange Arbeit der großen Klöster den
Boden in geistlichen und Laienkreisen aufgelockert, hier war die Staats-
gewalt zersplittert, der König nur über einen kleinen Teil des Landes
Herr, die Fürsten selbständig und uneins, hier, in der Heimat der Re-
formgedanken, kamen Verhältnisse und Gesinnungen am weitesten ent-

Kirchenreform
andern Ländern rechnete, und das Ziel ſollte Jeruſalem ſein. So ſchrieb
er noch im Dezember 1074 dem König, den er um Rat und womöglich
Hilfe anging, und erließ alsbald einen erneuten Aufruf „an alle Getreuen
Sankt Peters, vor allem die jenſeits der Alpen“. Von der Gräfin Ma-
thilde erwartete er, daß ſie ihn begleite. Er bewegte ſich in Täuſchungen:
das Heer, von dem er ſprach, beſtand nur in ſeiner tatendurſtigen Vor-
ſtellung, und Heinrich IV. war weit davon entfernt, ihm zu helfen, ſelbſt
wenn er es gekonnt hätte. Kein Jahr hat es gedauert, ſo war zwiſchen
ihm und Gregor der große Kampf ausgebrochen, der für beide Teile
zum Schickſal werden ſollte.

Jnzwiſchen war Gregor in dem, was ſeine Hauptaufgabe war, in der
Reform der Kirche nicht müßig geweſen. Seine erſte Synode, die er für
den Faſtenbeginn des Jahres 1074 anſagte, ſollte das unter den Vor-
gängern begonnene Werk fortſetzen. Jhre Bedeutung unterſtrich er
durch Aufgebot der lombardiſchen Biſchöfe und Einladung an den
Patriarchen von Aquileja und deſſen Suffragane. Die Kirche, ſchrieb
er dieſem, iſt in den ſtürmiſchen Fluten ihrer verzweifelten Lage beinahe
ſchiffbrüchig untergegangen. „Denn die Richter und Fürſten dieſer
Welt ſuchen nur das Jhre, treten alle Ehrfurcht mit Füßen und unter-
drücken und knechten die Braut Chriſti wie eine gemeine Magd. Die
Prieſter aber, und die das Regiment der Kirche empfangen haben, miß-
achten Gottes Geſetz, entziehen Gott und ihren anvertrauten Schafen
den ſchuldigen Dienſt, erſtreben mit kirchlichen Würden nur weltliche
Herrlichkeit und verzehren in hochmütigem Pomp und überflüſſigem
Aufwand, was in geiſtlicher Verwaltung dem Nutzen und Heil vieler
dienen ſollte.“ Trotz dieſem feierlichen Aufruf war die Synode nicht
ſtark beſucht; wir hören von fünfzig anweſenden Biſchöfen, und die
Beſchlüſſe brachten nichts Neues. Daß die Verbote des Stellenkaufs
und der Prieſterehe in der bereits bekannten Form wiederholt wurden,
verſtand ſich von ſelbſt; worauf es ankam, war ihre Durchführung.

Jn dieſer Beziehung war das Augenmerk des Papſtes vor allem auf
Frankreich gerichtet. Hier hatte die lange Arbeit der großen Klöſter den
Boden in geiſtlichen und Laienkreiſen aufgelockert, hier war die Staats-
gewalt zerſplittert, der König nur über einen kleinen Teil des Landes
Herr, die Fürſten ſelbſtändig und uneins, hier, in der Heimat der Re-
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[350/0359] Kirchenreform andern Ländern rechnete, und das Ziel ſollte Jeruſalem ſein. So ſchrieb er noch im Dezember 1074 dem König, den er um Rat und womöglich Hilfe anging, und erließ alsbald einen erneuten Aufruf „an alle Getreuen Sankt Peters, vor allem die jenſeits der Alpen“. Von der Gräfin Ma- thilde erwartete er, daß ſie ihn begleite. Er bewegte ſich in Täuſchungen: das Heer, von dem er ſprach, beſtand nur in ſeiner tatendurſtigen Vor- ſtellung, und Heinrich IV. war weit davon entfernt, ihm zu helfen, ſelbſt wenn er es gekonnt hätte. Kein Jahr hat es gedauert, ſo war zwiſchen ihm und Gregor der große Kampf ausgebrochen, der für beide Teile zum Schickſal werden ſollte. Jnzwiſchen war Gregor in dem, was ſeine Hauptaufgabe war, in der Reform der Kirche nicht müßig geweſen. Seine erſte Synode, die er für den Faſtenbeginn des Jahres 1074 anſagte, ſollte das unter den Vor- gängern begonnene Werk fortſetzen. Jhre Bedeutung unterſtrich er durch Aufgebot der lombardiſchen Biſchöfe und Einladung an den Patriarchen von Aquileja und deſſen Suffragane. Die Kirche, ſchrieb er dieſem, iſt in den ſtürmiſchen Fluten ihrer verzweifelten Lage beinahe ſchiffbrüchig untergegangen. „Denn die Richter und Fürſten dieſer Welt ſuchen nur das Jhre, treten alle Ehrfurcht mit Füßen und unter- drücken und knechten die Braut Chriſti wie eine gemeine Magd. Die Prieſter aber, und die das Regiment der Kirche empfangen haben, miß- achten Gottes Geſetz, entziehen Gott und ihren anvertrauten Schafen den ſchuldigen Dienſt, erſtreben mit kirchlichen Würden nur weltliche Herrlichkeit und verzehren in hochmütigem Pomp und überflüſſigem Aufwand, was in geiſtlicher Verwaltung dem Nutzen und Heil vieler dienen ſollte.“ Trotz dieſem feierlichen Aufruf war die Synode nicht ſtark beſucht; wir hören von fünfzig anweſenden Biſchöfen, und die Beſchlüſſe brachten nichts Neues. Daß die Verbote des Stellenkaufs und der Prieſterehe in der bereits bekannten Form wiederholt wurden, verſtand ſich von ſelbſt; worauf es ankam, war ihre Durchführung. Jn dieſer Beziehung war das Augenmerk des Papſtes vor allem auf Frankreich gerichtet. Hier hatte die lange Arbeit der großen Klöſter den Boden in geiſtlichen und Laienkreiſen aufgelockert, hier war die Staats- gewalt zerſplittert, der König nur über einen kleinen Teil des Landes Herr, die Fürſten ſelbſtändig und uneins, hier, in der Heimat der Re- formgedanken, kamen Verhältniſſe und Geſinnungen am weiteſten ent-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 350. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/359>, abgerufen am 19.09.2020.