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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Bruch mit Robert Guiscard
Stärkere und Geschicktere, unterwarf Amalfi, fiel ins Fürstentum Capua
ein und überschritt die Grenze des Kirchenstaats, während seine Vassallen
Teile des Herzogtums Spoleto besetzten, die seit Viktor II. von den
Päpsten in Anspruch genommen wurden. Dagegen gedachte Gregor
das Heer zu gebrauchen, das er zum Zuge nach Konstantinopel aufbot.

Er zählte dabei in erster Linie auf die Truppen von Toskana. Gotfried
der Bärtige war schon 1070 gestorben. Jn seinen letzten Jahren hatte
es Reibungen gesetzt, deren Ursachen nicht alle erkennbar sind, die aber
so weit führten, daß man in Rom die Ehe des Herzogs wegen zu naher
Verwandtschaft anfocht -- Gotfrieds und Beatrix' Urgroßväter waren
Brüder gewesen -- und die Trennung erzwang. Gotfried mußte Toskana
räumen und seiner bisherigen Gemahlin die Regierung des Landes über-
lassen. Erbin des ausgedehnten Hausguts, das sich von Mantua über
den Apennin bis nach Lucca und Siena erstreckte, war Mathilde,
Beatrix' Tochter aus ihrer ersten Ehe mit Bonifatius von Canossa, dem
Markgrafen von Toskana. Mit ihr hatte Gotfried seinen gleichnamigen
Sohn vermählt. Von diesem, von Beatrix und Mathilde erwartete Gre-
gor nun die wirksamste Unterstützung seiner Pläne. Auf der Synode, die
er in der ersten Fastenwoche 1074 (Anfang Februar) in Rom versam-
melte, erließ er die Kriegserklärung gegen Robert in Form der Exkom-
munikation, im Juni begannen seine Truppen sich nördlich von Rom zu
sammeln.

Da jedoch erlebte er die erste bittere Enttäuschung. Jn seinem Aufruf
an die Vassallen Sankt Peters hatte er geprahlt, er bedürfe ihrer nicht
gegen die Normannen, mit denen er allein fertig zu werden sich getraue.
Er wurde rasch eines Bessern belehrt. Zunächst ließ Gotfried von Loth-
ringen ihn im Stich; er blieb aus. Dann versagte Gisulf von Salerno:
er erschien wohl selbst, aber ohne das versprochene Geld. Dagegen wirkte
die Anwesenheit dieses Fürsten aufreizend auf die Pisaner im toskanischen
Heer, die an ihm frühere Übeltaten zu rächen hatten; sie drohten, ihn
umzubringen, er mußte abziehen. Als nun gar unter den Vassallen in
Toskana ein Aufstand ausbrach, der Beatrix und Mathilde abrief, löste
das ganze Heer sich auf.

Der Feldzug gegen Robert von Apulien mußte zunächst aufgegeben
werden, um so mehr hielt Gregor an seinem ursprünglichen Plane fest,
ja, er gab ihm noch größere Ausdehnung: persönlich wollte er den Zug
führen, für den er auf ein Heer von 50000 Mann aus Jtalien und

Bruch mit Robert Guiscard
Stärkere und Geſchicktere, unterwarf Amalfi, fiel ins Fürſtentum Capua
ein und überſchritt die Grenze des Kirchenſtaats, während ſeine Vaſſallen
Teile des Herzogtums Spoleto beſetzten, die ſeit Viktor II. von den
Päpſten in Anſpruch genommen wurden. Dagegen gedachte Gregor
das Heer zu gebrauchen, das er zum Zuge nach Konſtantinopel aufbot.

Er zählte dabei in erſter Linie auf die Truppen von Toskana. Gotfried
der Bärtige war ſchon 1070 geſtorben. Jn ſeinen letzten Jahren hatte
es Reibungen geſetzt, deren Urſachen nicht alle erkennbar ſind, die aber
ſo weit führten, daß man in Rom die Ehe des Herzogs wegen zu naher
Verwandtſchaft anfocht — Gotfrieds und Beatrix' Urgroßväter waren
Brüder geweſen — und die Trennung erzwang. Gotfried mußte Toskana
räumen und ſeiner bisherigen Gemahlin die Regierung des Landes über-
laſſen. Erbin des ausgedehnten Hausguts, das ſich von Mantua über
den Apennin bis nach Lucca und Siena erſtreckte, war Mathilde,
Beatrix' Tochter aus ihrer erſten Ehe mit Bonifatius von Canoſſa, dem
Markgrafen von Toskana. Mit ihr hatte Gotfried ſeinen gleichnamigen
Sohn vermählt. Von dieſem, von Beatrix und Mathilde erwartete Gre-
gor nun die wirkſamſte Unterſtützung ſeiner Pläne. Auf der Synode, die
er in der erſten Faſtenwoche 1074 (Anfang Februar) in Rom verſam-
melte, erließ er die Kriegserklärung gegen Robert in Form der Exkom-
munikation, im Juni begannen ſeine Truppen ſich nördlich von Rom zu
ſammeln.

Da jedoch erlebte er die erſte bittere Enttäuſchung. Jn ſeinem Aufruf
an die Vaſſallen Sankt Peters hatte er geprahlt, er bedürfe ihrer nicht
gegen die Normannen, mit denen er allein fertig zu werden ſich getraue.
Er wurde raſch eines Beſſern belehrt. Zunächſt ließ Gotfried von Loth-
ringen ihn im Stich; er blieb aus. Dann verſagte Giſulf von Salerno:
er erſchien wohl ſelbſt, aber ohne das verſprochene Geld. Dagegen wirkte
die Anweſenheit dieſes Fürſten aufreizend auf die Piſaner im toskaniſchen
Heer, die an ihm frühere Übeltaten zu rächen hatten; ſie drohten, ihn
umzubringen, er mußte abziehen. Als nun gar unter den Vaſſallen in
Toskana ein Aufſtand ausbrach, der Beatrix und Mathilde abrief, löſte
das ganze Heer ſich auf.

Der Feldzug gegen Robert von Apulien mußte zunächſt aufgegeben
werden, um ſo mehr hielt Gregor an ſeinem urſprünglichen Plane feſt,
ja, er gab ihm noch größere Ausdehnung: perſönlich wollte er den Zug
führen, für den er auf ein Heer von 50000 Mann aus Jtalien und

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[349/0358] Bruch mit Robert Guiscard Stärkere und Geſchicktere, unterwarf Amalfi, fiel ins Fürſtentum Capua ein und überſchritt die Grenze des Kirchenſtaats, während ſeine Vaſſallen Teile des Herzogtums Spoleto beſetzten, die ſeit Viktor II. von den Päpſten in Anſpruch genommen wurden. Dagegen gedachte Gregor das Heer zu gebrauchen, das er zum Zuge nach Konſtantinopel aufbot. Er zählte dabei in erſter Linie auf die Truppen von Toskana. Gotfried der Bärtige war ſchon 1070 geſtorben. Jn ſeinen letzten Jahren hatte es Reibungen geſetzt, deren Urſachen nicht alle erkennbar ſind, die aber ſo weit führten, daß man in Rom die Ehe des Herzogs wegen zu naher Verwandtſchaft anfocht — Gotfrieds und Beatrix' Urgroßväter waren Brüder geweſen — und die Trennung erzwang. Gotfried mußte Toskana räumen und ſeiner bisherigen Gemahlin die Regierung des Landes über- laſſen. Erbin des ausgedehnten Hausguts, das ſich von Mantua über den Apennin bis nach Lucca und Siena erſtreckte, war Mathilde, Beatrix' Tochter aus ihrer erſten Ehe mit Bonifatius von Canoſſa, dem Markgrafen von Toskana. Mit ihr hatte Gotfried ſeinen gleichnamigen Sohn vermählt. Von dieſem, von Beatrix und Mathilde erwartete Gre- gor nun die wirkſamſte Unterſtützung ſeiner Pläne. Auf der Synode, die er in der erſten Faſtenwoche 1074 (Anfang Februar) in Rom verſam- melte, erließ er die Kriegserklärung gegen Robert in Form der Exkom- munikation, im Juni begannen ſeine Truppen ſich nördlich von Rom zu ſammeln. Da jedoch erlebte er die erſte bittere Enttäuſchung. Jn ſeinem Aufruf an die Vaſſallen Sankt Peters hatte er geprahlt, er bedürfe ihrer nicht gegen die Normannen, mit denen er allein fertig zu werden ſich getraue. Er wurde raſch eines Beſſern belehrt. Zunächſt ließ Gotfried von Loth- ringen ihn im Stich; er blieb aus. Dann verſagte Giſulf von Salerno: er erſchien wohl ſelbſt, aber ohne das verſprochene Geld. Dagegen wirkte die Anweſenheit dieſes Fürſten aufreizend auf die Piſaner im toskaniſchen Heer, die an ihm frühere Übeltaten zu rächen hatten; ſie drohten, ihn umzubringen, er mußte abziehen. Als nun gar unter den Vaſſallen in Toskana ein Aufſtand ausbrach, der Beatrix und Mathilde abrief, löſte das ganze Heer ſich auf. Der Feldzug gegen Robert von Apulien mußte zunächſt aufgegeben werden, um ſo mehr hielt Gregor an ſeinem urſprünglichen Plane feſt, ja, er gab ihm noch größere Ausdehnung: perſönlich wollte er den Zug führen, für den er auf ein Heer von 50000 Mann aus Jtalien und

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 349. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/358>, abgerufen am 19.09.2020.