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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Bruch mit Robert Guiscard
der römischen nannte. Mit Führung der Verhandlungen betraute er den
Patriarchen von Venedig. Nirgends hatte man ja ein größeres Jnter-
esse an dieser Sache als in der Stadt, die vor andern den Verkehr zwi-
schen Ost und West vermittelte. Der Patriarch muß zurückkehrend eine
Bitte um Kriegshilfe überbracht haben, denn bald sehen wir Gregor
die Grafen von Burgund, Savoyen, Toulouse, und wer sonst dem
Apostel geschworen, mit Berufung auf ihren Eid aufbieten, sich mit ihrer
Ritterschaft bereitzumachen, um im Dienst Sankt Peters den Christen
in Konstantinopel die dringend begehrte Hilfe gegen die Sarazenen zu
bringen. Dann erließ er einen Aufruf in beweglichen Worten, "an alle,
die den Christenglauben verteidigen wollen", auszuziehen zur Rettung
des christlichen Kaiserreichs und zur Befreiung der Brüder.

Die Glaubensstreiter, auf deren Zusammenströmen Gregor rechnete,
sollten unterwegs eine näher liegende Aufgabe lösen. An der Südgrenze
des Kirchenstaats war der Horizont seit kurzem verdunkelt.

Werfen wir einen Blick auf die Lage der Dinge in Unteritalien, die
Gregor bei seiner Thronbesteigung vorfand! Schon gehorchte fast das
ganze Land den Normannen. Neapel und Amalfi und der Fürst von
Salerno hielten sich noch unabhängig, doch war es nur eine Frage der
Zeit, daß auch sie sich den Eroberern würden unterwerfen müssen. Ebenso
bedroht war die Stadt Benevent, deren Fürsten seit Leo IX. die päpst-
liche Oberhoheit auf sich genommen hatten, um gegen die normännische
Gefahr Deckung zu haben. Auf Benevent, Amalfi und Salerno hatte
Herzog Robert von Apulien längst ein Auge geworfen, Neapel lag mehr
im Bereich der Wünsche des Fürsten Richard von Capua. Daß diese
Pläne nicht zur Ausführung kämen und die südliche Nachbarschaft unter
verschiedenen Machthabern geteilt bliebe, war das Jnteresse des Papstes,
desgleichen daß die Reibungen zwischen Robert und Richard nicht
aufhörten.

Mit solchen Absichten begab sich Gregor im August 1073 nach Bene-
vent, wohin er Robert zum Empfang der Belehnung geladen hatte.
Robert kam auch, doch über die Bedingungen des Lehnsvertrags wurde
man nicht einig. Ohne den Papst gesprochen zu haben, entfernte sich der
Herzog, und in hellem Zorn reiste Gregor nach Capua ab, um Richard
die Belehnung zu erteilen. Jm Bündnis mit diesem und dem Fürsten
Gisulf von Salerno glaubte er Robert die Spitze bieten zu können. Er
täuschte sich, Robert erwies sich auch bei dieser Gelegenheit als der

Bruch mit Robert Guiscard
der römiſchen nannte. Mit Führung der Verhandlungen betraute er den
Patriarchen von Venedig. Nirgends hatte man ja ein größeres Jnter-
eſſe an dieſer Sache als in der Stadt, die vor andern den Verkehr zwi-
ſchen Oſt und Weſt vermittelte. Der Patriarch muß zurückkehrend eine
Bitte um Kriegshilfe überbracht haben, denn bald ſehen wir Gregor
die Grafen von Burgund, Savoyen, Toulouſe, und wer ſonſt dem
Apoſtel geſchworen, mit Berufung auf ihren Eid aufbieten, ſich mit ihrer
Ritterſchaft bereitzumachen, um im Dienſt Sankt Peters den Chriſten
in Konſtantinopel die dringend begehrte Hilfe gegen die Sarazenen zu
bringen. Dann erließ er einen Aufruf in beweglichen Worten, „an alle,
die den Chriſtenglauben verteidigen wollen“, auszuziehen zur Rettung
des chriſtlichen Kaiſerreichs und zur Befreiung der Brüder.

Die Glaubensſtreiter, auf deren Zuſammenſtrömen Gregor rechnete,
ſollten unterwegs eine näher liegende Aufgabe löſen. An der Südgrenze
des Kirchenſtaats war der Horizont ſeit kurzem verdunkelt.

Werfen wir einen Blick auf die Lage der Dinge in Unteritalien, die
Gregor bei ſeiner Thronbeſteigung vorfand! Schon gehorchte faſt das
ganze Land den Normannen. Neapel und Amalfi und der Fürſt von
Salerno hielten ſich noch unabhängig, doch war es nur eine Frage der
Zeit, daß auch ſie ſich den Eroberern würden unterwerfen müſſen. Ebenſo
bedroht war die Stadt Benevent, deren Fürſten ſeit Leo IX. die päpſt-
liche Oberhoheit auf ſich genommen hatten, um gegen die normänniſche
Gefahr Deckung zu haben. Auf Benevent, Amalfi und Salerno hatte
Herzog Robert von Apulien längſt ein Auge geworfen, Neapel lag mehr
im Bereich der Wünſche des Fürſten Richard von Capua. Daß dieſe
Pläne nicht zur Ausführung kämen und die ſüdliche Nachbarſchaft unter
verſchiedenen Machthabern geteilt bliebe, war das Jntereſſe des Papſtes,
desgleichen daß die Reibungen zwiſchen Robert und Richard nicht
aufhörten.

Mit ſolchen Abſichten begab ſich Gregor im Auguſt 1073 nach Bene-
vent, wohin er Robert zum Empfang der Belehnung geladen hatte.
Robert kam auch, doch über die Bedingungen des Lehnsvertrags wurde
man nicht einig. Ohne den Papſt geſprochen zu haben, entfernte ſich der
Herzog, und in hellem Zorn reiſte Gregor nach Capua ab, um Richard
die Belehnung zu erteilen. Jm Bündnis mit dieſem und dem Fürſten
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[348/0357] Bruch mit Robert Guiscard der römiſchen nannte. Mit Führung der Verhandlungen betraute er den Patriarchen von Venedig. Nirgends hatte man ja ein größeres Jnter- eſſe an dieſer Sache als in der Stadt, die vor andern den Verkehr zwi- ſchen Oſt und Weſt vermittelte. Der Patriarch muß zurückkehrend eine Bitte um Kriegshilfe überbracht haben, denn bald ſehen wir Gregor die Grafen von Burgund, Savoyen, Toulouſe, und wer ſonſt dem Apoſtel geſchworen, mit Berufung auf ihren Eid aufbieten, ſich mit ihrer Ritterſchaft bereitzumachen, um im Dienſt Sankt Peters den Chriſten in Konſtantinopel die dringend begehrte Hilfe gegen die Sarazenen zu bringen. Dann erließ er einen Aufruf in beweglichen Worten, „an alle, die den Chriſtenglauben verteidigen wollen“, auszuziehen zur Rettung des chriſtlichen Kaiſerreichs und zur Befreiung der Brüder. Die Glaubensſtreiter, auf deren Zuſammenſtrömen Gregor rechnete, ſollten unterwegs eine näher liegende Aufgabe löſen. An der Südgrenze des Kirchenſtaats war der Horizont ſeit kurzem verdunkelt. Werfen wir einen Blick auf die Lage der Dinge in Unteritalien, die Gregor bei ſeiner Thronbeſteigung vorfand! Schon gehorchte faſt das ganze Land den Normannen. Neapel und Amalfi und der Fürſt von Salerno hielten ſich noch unabhängig, doch war es nur eine Frage der Zeit, daß auch ſie ſich den Eroberern würden unterwerfen müſſen. Ebenſo bedroht war die Stadt Benevent, deren Fürſten ſeit Leo IX. die päpſt- liche Oberhoheit auf ſich genommen hatten, um gegen die normänniſche Gefahr Deckung zu haben. Auf Benevent, Amalfi und Salerno hatte Herzog Robert von Apulien längſt ein Auge geworfen, Neapel lag mehr im Bereich der Wünſche des Fürſten Richard von Capua. Daß dieſe Pläne nicht zur Ausführung kämen und die ſüdliche Nachbarſchaft unter verſchiedenen Machthabern geteilt bliebe, war das Jntereſſe des Papſtes, desgleichen daß die Reibungen zwiſchen Robert und Richard nicht aufhörten. Mit ſolchen Abſichten begab ſich Gregor im Auguſt 1073 nach Bene- vent, wohin er Robert zum Empfang der Belehnung geladen hatte. Robert kam auch, doch über die Bedingungen des Lehnsvertrags wurde man nicht einig. Ohne den Papſt geſprochen zu haben, entfernte ſich der Herzog, und in hellem Zorn reiſte Gregor nach Capua ab, um Richard die Belehnung zu erteilen. Jm Bündnis mit dieſem und dem Fürſten Giſulf von Salerno glaubte er Robert die Spitze bieten zu können. Er täuſchte ſich, Robert erwies ſich auch bei dieſer Gelegenheit als der

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 348. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/357>, abgerufen am 19.09.2020.