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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kriegspläne in Spanien und im Orient

Kriegerische Unternehmungen hatten schon Alexander II. beschäftigt,
mit kriegerischen Unternehmungen hat Gregor VII. seine Regierung
eröffnet. Vorbereitet war der Feldzug gegen die Mauren in Spanien,
den der Graf von Roucy führen sollte. Gregor genügte das nicht, Kar-
dinal Hugo der Weiße wurde nach Frankreich gesandt, um weitere
Teilnehmer zu werben. Auch sie sollten, was sie erobern würden, vom
heiligen Petrus zu Lehen nehmen, denn -- so erklärte ihnen Gregor --
seit alters sei Spanien Eigentum der römischen Kirche. Ohne Zweifel
hat er dabei an die Konstantinische Schenkung gedacht, in der ja außer
Jtalien die westlichen Lande genannt sind. Mit großem Heer, wie es für
einen König zieme, soll der Graf von Roucy ausgerückt sein, was er
getan oder erlitten, meldet keine Chronik, keine Urkunde. Darf man schon
daraus auf einen gründlichen Mißerfolg schließen, so zeugt dafür auch
das Schicksal des beteiligten Kardinallegaten. Hugo der Weiße, der
Papstmacher, erscheint bald als Gegner, ja als erbitterter Feind Gregors.
Wie er es geworden, ist völlig dunkel und für Vermutungen das Feld
weit, sicher nur, daß seine Sendung diesmal keinen Erfolg hatte. Die
spanischen Dinge kamen in andere, glücklichere Hände.

Jnzwischen hatte Gregor einen andern Kriegsplan von ungleich
größerer Ausdehnung und Tragweite gefaßt. Konstantinopel, der Orient
waren das nächste Ziel, in der Ferne winkte die Befreiung Jerusalems.

Als Gregor VII. zur Regierung kam, schwebte das griechische Reich
in Lebensgefahr wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Jm gleichen Jahr
1071, wo mit Bari der letzte Platz auf dem Festland Unteritaliens an die
Normannen verlorenging, erlitt Kaiser Romanos bei Manzikert in
Armenien eine Niederlage durch die Türken, die sein Heer vernichtete
und ihn selbst die Freiheit kostete. Mit Recht hat man diese Schlacht
die Todesstunde des byzantinischen Großreichs genannt: seine militärische
Kraft war gebrochen, zur Abwehr der in Kleinasien vorrückenden türki-
schen Eroberung war es nicht mehr imstande, nur mit Mühe erwehrte
es sich der Petschenegen, die über die Donau und den Balkan bis nahe
vor die Hauptstadt eindrangen. Kaiser Michael VII., der den unglück-
lichen Romanos ablöste, dachte an Hilfe aus dem Westen und bemühte
sich deshalb zunächst um Wiederanknüpfung der kirchlichen Beziehungen,
die seit 1054 unterbrochen waren. Gregor ging sogleich darauf ein, die
Eintracht der Kirchen sei auch sein Wunsch. Wie er sich diese Eintracht
vorstellte, verriet er, indem er die Kirche von Konstantinopel die Tochter

Kriegspläne in Spanien und im Orient

Kriegeriſche Unternehmungen hatten ſchon Alexander II. beſchäftigt,
mit kriegeriſchen Unternehmungen hat Gregor VII. ſeine Regierung
eröffnet. Vorbereitet war der Feldzug gegen die Mauren in Spanien,
den der Graf von Roucy führen ſollte. Gregor genügte das nicht, Kar-
dinal Hugo der Weiße wurde nach Frankreich geſandt, um weitere
Teilnehmer zu werben. Auch ſie ſollten, was ſie erobern würden, vom
heiligen Petrus zu Lehen nehmen, denn — ſo erklärte ihnen Gregor —
ſeit alters ſei Spanien Eigentum der römiſchen Kirche. Ohne Zweifel
hat er dabei an die Konſtantiniſche Schenkung gedacht, in der ja außer
Jtalien die weſtlichen Lande genannt ſind. Mit großem Heer, wie es für
einen König zieme, ſoll der Graf von Roucy ausgerückt ſein, was er
getan oder erlitten, meldet keine Chronik, keine Urkunde. Darf man ſchon
daraus auf einen gründlichen Mißerfolg ſchließen, ſo zeugt dafür auch
das Schickſal des beteiligten Kardinallegaten. Hugo der Weiße, der
Papſtmacher, erſcheint bald als Gegner, ja als erbitterter Feind Gregors.
Wie er es geworden, iſt völlig dunkel und für Vermutungen das Feld
weit, ſicher nur, daß ſeine Sendung diesmal keinen Erfolg hatte. Die
ſpaniſchen Dinge kamen in andere, glücklichere Hände.

Jnzwiſchen hatte Gregor einen andern Kriegsplan von ungleich
größerer Ausdehnung und Tragweite gefaßt. Konſtantinopel, der Orient
waren das nächſte Ziel, in der Ferne winkte die Befreiung Jeruſalems.

Als Gregor VII. zur Regierung kam, ſchwebte das griechiſche Reich
in Lebensgefahr wie ſeit Jahrhunderten nicht mehr. Jm gleichen Jahr
1071, wo mit Bari der letzte Platz auf dem Feſtland Unteritaliens an die
Normannen verlorenging, erlitt Kaiſer Romanos bei Manzikert in
Armenien eine Niederlage durch die Türken, die ſein Heer vernichtete
und ihn ſelbſt die Freiheit koſtete. Mit Recht hat man dieſe Schlacht
die Todesſtunde des byzantiniſchen Großreichs genannt: ſeine militäriſche
Kraft war gebrochen, zur Abwehr der in Kleinaſien vorrückenden türki-
ſchen Eroberung war es nicht mehr imſtande, nur mit Mühe erwehrte
es ſich der Petſchenegen, die über die Donau und den Balkan bis nahe
vor die Hauptſtadt eindrangen. Kaiſer Michael VII., der den unglück-
lichen Romanos ablöſte, dachte an Hilfe aus dem Weſten und bemühte
ſich deshalb zunächſt um Wiederanknüpfung der kirchlichen Beziehungen,
die ſeit 1054 unterbrochen waren. Gregor ging ſogleich darauf ein, die
Eintracht der Kirchen ſei auch ſein Wunſch. Wie er ſich dieſe Eintracht
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[347/0356] Kriegspläne in Spanien und im Orient Kriegeriſche Unternehmungen hatten ſchon Alexander II. beſchäftigt, mit kriegeriſchen Unternehmungen hat Gregor VII. ſeine Regierung eröffnet. Vorbereitet war der Feldzug gegen die Mauren in Spanien, den der Graf von Roucy führen ſollte. Gregor genügte das nicht, Kar- dinal Hugo der Weiße wurde nach Frankreich geſandt, um weitere Teilnehmer zu werben. Auch ſie ſollten, was ſie erobern würden, vom heiligen Petrus zu Lehen nehmen, denn — ſo erklärte ihnen Gregor — ſeit alters ſei Spanien Eigentum der römiſchen Kirche. Ohne Zweifel hat er dabei an die Konſtantiniſche Schenkung gedacht, in der ja außer Jtalien die weſtlichen Lande genannt ſind. Mit großem Heer, wie es für einen König zieme, ſoll der Graf von Roucy ausgerückt ſein, was er getan oder erlitten, meldet keine Chronik, keine Urkunde. Darf man ſchon daraus auf einen gründlichen Mißerfolg ſchließen, ſo zeugt dafür auch das Schickſal des beteiligten Kardinallegaten. Hugo der Weiße, der Papſtmacher, erſcheint bald als Gegner, ja als erbitterter Feind Gregors. Wie er es geworden, iſt völlig dunkel und für Vermutungen das Feld weit, ſicher nur, daß ſeine Sendung diesmal keinen Erfolg hatte. Die ſpaniſchen Dinge kamen in andere, glücklichere Hände. Jnzwiſchen hatte Gregor einen andern Kriegsplan von ungleich größerer Ausdehnung und Tragweite gefaßt. Konſtantinopel, der Orient waren das nächſte Ziel, in der Ferne winkte die Befreiung Jeruſalems. Als Gregor VII. zur Regierung kam, ſchwebte das griechiſche Reich in Lebensgefahr wie ſeit Jahrhunderten nicht mehr. Jm gleichen Jahr 1071, wo mit Bari der letzte Platz auf dem Feſtland Unteritaliens an die Normannen verlorenging, erlitt Kaiſer Romanos bei Manzikert in Armenien eine Niederlage durch die Türken, die ſein Heer vernichtete und ihn ſelbſt die Freiheit koſtete. Mit Recht hat man dieſe Schlacht die Todesſtunde des byzantiniſchen Großreichs genannt: ſeine militäriſche Kraft war gebrochen, zur Abwehr der in Kleinaſien vorrückenden türki- ſchen Eroberung war es nicht mehr imſtande, nur mit Mühe erwehrte es ſich der Petſchenegen, die über die Donau und den Balkan bis nahe vor die Hauptſtadt eindrangen. Kaiſer Michael VII., der den unglück- lichen Romanos ablöſte, dachte an Hilfe aus dem Weſten und bemühte ſich deshalb zunächſt um Wiederanknüpfung der kirchlichen Beziehungen, die ſeit 1054 unterbrochen waren. Gregor ging ſogleich darauf ein, die Eintracht der Kirchen ſei auch ſein Wunſch. Wie er ſich dieſe Eintracht vorſtellte, verriet er, indem er die Kirche von Konſtantinopel die Tochter

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 347. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/356>, abgerufen am 19.09.2020.