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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Persönlichkeit
falschen Dekretalen beruft er sich, wenn er auf diese Dinge zu sprechen
kommt, ja, man darf wohl sagen, daß seine Vorstellungen von dem, was
der Papst in der Kirche bedeute, zum wesentlichen Teil aus Pseudoisidor
stammen und ohne ihn nicht möglich wären. An sie glaubt er felsenfest,
sie in die Wirklichkeit zu übersetzen, sie überall zur Anerkennung zu
bringen, ist sein Streben.

Die Mittel dazu nimmt er, wo er sie findet, seine Werkzeuge wählt
er, wie jeder, dem der Zweck über alles geht, ohne Vorurteil. Gleich-
gültig gegen die Eigenschaften derer, die ihm dienten, braucht er darum
nicht gewesen zu sein, aber daß man ihm diene, genügte ihm, Gehorsam
tilgte die Schuld. Jmmerhin, die Zeitgenossen haben Anstoß daran ge-
nommen, daß er für solche Leute ein besonderes Maß hatte. Noch mehr
Anstoß nahmen sie an der Unbedenklichkeit, mit der er sich des Geldes
bediente. Es hat bei ihm von Anfang an und bis zuletzt eine fast ent-
scheidende Rolle gespielt. Persönlich war er durch die Erbschaft Gre-
gors VI. reich, bei den Erben Baruch-Benedikts fand er stets freigebige
Hilfe, und da er hauszuhalten verstand, wohl auch von dem befreundeten
Bankhaus gut beraten war, so fehlten seiner Verwaltung die Mittel
niemals in einer Zeit, wo der Schatz der Kirche so leer und ihre Ein-
künfte so geschmälert waren, daß von Clemens II. bis Alexander II.
alle Päpste ihre früheren Bistümer mindestens für den Anfang bei-
behielten, Stefan IX. sich genötigt sah, den Schatz von Montecassino
einzuziehen, und Nikolaus II. sowohl wie Alexander ihren Hofhalt
in der Hauptsache aus den Erträgnissen von Florenz und Lucca be-
stritten.

Was aber die Zeitgenossen am meisten befremdete, war die Unbe-
denklichkeit, mit der er sich für kirchliche Zwecke weltlicher Waffen
bediente. Der Grundsatz, daß die Kirche kein Blut vergieße, schien für
ihn nicht zu bestehen, ungescheut hat er Truppen geworben und Schlach-
ten schlagen lassen, um der Sache, die ihm die gerechte war, zum Siege
zu verhelfen. Darin ist er seiner ganz persönlichen Neigung gefolgt. Von
früher Jugend an hegte er für die Kriegskunst lebhafte Teilnahme,
später sah man ihn hoch zu Roß wie einen Feldherrn in glänzendem
Schmuck inmitten seiner Truppen. Daß die Sache der Kirche nicht
weniger als die Händel der Welt mit der Schärfe des Schwertes ent-
schieden werden und mit ihr verfochten werden sollen, stand für ihn fest,
mochten auch unter den Zeitgenossen viele sich daran ärgern.

Perſönlichkeit
falſchen Dekretalen beruft er ſich, wenn er auf dieſe Dinge zu ſprechen
kommt, ja, man darf wohl ſagen, daß ſeine Vorſtellungen von dem, was
der Papſt in der Kirche bedeute, zum weſentlichen Teil aus Pſeudoiſidor
ſtammen und ohne ihn nicht möglich wären. An ſie glaubt er felſenfeſt,
ſie in die Wirklichkeit zu überſetzen, ſie überall zur Anerkennung zu
bringen, iſt ſein Streben.

Die Mittel dazu nimmt er, wo er ſie findet, ſeine Werkzeuge wählt
er, wie jeder, dem der Zweck über alles geht, ohne Vorurteil. Gleich-
gültig gegen die Eigenſchaften derer, die ihm dienten, braucht er darum
nicht geweſen zu ſein, aber daß man ihm diene, genügte ihm, Gehorſam
tilgte die Schuld. Jmmerhin, die Zeitgenoſſen haben Anſtoß daran ge-
nommen, daß er für ſolche Leute ein beſonderes Maß hatte. Noch mehr
Anſtoß nahmen ſie an der Unbedenklichkeit, mit der er ſich des Geldes
bediente. Es hat bei ihm von Anfang an und bis zuletzt eine faſt ent-
ſcheidende Rolle geſpielt. Perſönlich war er durch die Erbſchaft Gre-
gors VI. reich, bei den Erben Baruch-Benedikts fand er ſtets freigebige
Hilfe, und da er hauszuhalten verſtand, wohl auch von dem befreundeten
Bankhaus gut beraten war, ſo fehlten ſeiner Verwaltung die Mittel
niemals in einer Zeit, wo der Schatz der Kirche ſo leer und ihre Ein-
künfte ſo geſchmälert waren, daß von Clemens II. bis Alexander II.
alle Päpſte ihre früheren Bistümer mindeſtens für den Anfang bei-
behielten, Stefan IX. ſich genötigt ſah, den Schatz von Montecaſſino
einzuziehen, und Nikolaus II. ſowohl wie Alexander ihren Hofhalt
in der Hauptſache aus den Erträgniſſen von Florenz und Lucca be-
ſtritten.

Was aber die Zeitgenoſſen am meiſten befremdete, war die Unbe-
denklichkeit, mit der er ſich für kirchliche Zwecke weltlicher Waffen
bediente. Der Grundſatz, daß die Kirche kein Blut vergieße, ſchien für
ihn nicht zu beſtehen, ungeſcheut hat er Truppen geworben und Schlach-
ten ſchlagen laſſen, um der Sache, die ihm die gerechte war, zum Siege
zu verhelfen. Darin iſt er ſeiner ganz perſönlichen Neigung gefolgt. Von
früher Jugend an hegte er für die Kriegskunſt lebhafte Teilnahme,
ſpäter ſah man ihn hoch zu Roß wie einen Feldherrn in glänzendem
Schmuck inmitten ſeiner Truppen. Daß die Sache der Kirche nicht
weniger als die Händel der Welt mit der Schärfe des Schwertes ent-
ſchieden werden und mit ihr verfochten werden ſollen, ſtand für ihn feſt,
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[346/0355] Perſönlichkeit falſchen Dekretalen beruft er ſich, wenn er auf dieſe Dinge zu ſprechen kommt, ja, man darf wohl ſagen, daß ſeine Vorſtellungen von dem, was der Papſt in der Kirche bedeute, zum weſentlichen Teil aus Pſeudoiſidor ſtammen und ohne ihn nicht möglich wären. An ſie glaubt er felſenfeſt, ſie in die Wirklichkeit zu überſetzen, ſie überall zur Anerkennung zu bringen, iſt ſein Streben. Die Mittel dazu nimmt er, wo er ſie findet, ſeine Werkzeuge wählt er, wie jeder, dem der Zweck über alles geht, ohne Vorurteil. Gleich- gültig gegen die Eigenſchaften derer, die ihm dienten, braucht er darum nicht geweſen zu ſein, aber daß man ihm diene, genügte ihm, Gehorſam tilgte die Schuld. Jmmerhin, die Zeitgenoſſen haben Anſtoß daran ge- nommen, daß er für ſolche Leute ein beſonderes Maß hatte. Noch mehr Anſtoß nahmen ſie an der Unbedenklichkeit, mit der er ſich des Geldes bediente. Es hat bei ihm von Anfang an und bis zuletzt eine faſt ent- ſcheidende Rolle geſpielt. Perſönlich war er durch die Erbſchaft Gre- gors VI. reich, bei den Erben Baruch-Benedikts fand er ſtets freigebige Hilfe, und da er hauszuhalten verſtand, wohl auch von dem befreundeten Bankhaus gut beraten war, ſo fehlten ſeiner Verwaltung die Mittel niemals in einer Zeit, wo der Schatz der Kirche ſo leer und ihre Ein- künfte ſo geſchmälert waren, daß von Clemens II. bis Alexander II. alle Päpſte ihre früheren Bistümer mindeſtens für den Anfang bei- behielten, Stefan IX. ſich genötigt ſah, den Schatz von Montecaſſino einzuziehen, und Nikolaus II. ſowohl wie Alexander ihren Hofhalt in der Hauptſache aus den Erträgniſſen von Florenz und Lucca be- ſtritten. Was aber die Zeitgenoſſen am meiſten befremdete, war die Unbe- denklichkeit, mit der er ſich für kirchliche Zwecke weltlicher Waffen bediente. Der Grundſatz, daß die Kirche kein Blut vergieße, ſchien für ihn nicht zu beſtehen, ungeſcheut hat er Truppen geworben und Schlach- ten ſchlagen laſſen, um der Sache, die ihm die gerechte war, zum Siege zu verhelfen. Darin iſt er ſeiner ganz perſönlichen Neigung gefolgt. Von früher Jugend an hegte er für die Kriegskunſt lebhafte Teilnahme, ſpäter ſah man ihn hoch zu Roß wie einen Feldherrn in glänzendem Schmuck inmitten ſeiner Truppen. Daß die Sache der Kirche nicht weniger als die Händel der Welt mit der Schärfe des Schwertes ent- ſchieden werden und mit ihr verfochten werden ſollen, ſtand für ihn feſt, mochten auch unter den Zeitgenoſſen viele ſich daran ärgern.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 346. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/355>, abgerufen am 19.09.2020.