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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Persönlichkeit
bleibt genug, was sich nicht anzweifeln läßt. Ein Abt, der aufsässigen
Mönchen Augen und Zunge hatte ausreißen lassen, war von seinem
Obern gestraft worden. Hildebrand allein widersprach; er fand das Ver-
fahren des Abtes ganz in der Ordnung und hat den Wüterich später zum
Bischof befördert. Aber auch gegen Freunde konnte er schroff und aus-
fallend werden, keinen Augenblick waren sie vor rauhem Tadel und
kränkenden Vorwürfen sicher. Kein Wunder, daß sich mancher abge-
stoßen fühlte, der sein Freund hätte sein sollen. Petrus Damiani hat
unter seiner Gewaltsamkeit und schnöden Kälte gelitten, ihn seinen
"heiligen Satan" genannt und seinen Gefühlen in spitzen Versen Luft
gemacht:
Wer des Tigers Wut bezähmt und den blutigen Rachen des Löwen,
Mag zum Lamme den machen, der bisher Wolf mir gewesen.

Er hat ihm schließlich sein Bistum Ostia vor die Füße geworfen und
sich in seine Heimat zurückgezogen.

So war der Mann beschaffen, der nun den Apostel Christi auf Erden
vertreten sollte, eine Kampfnatur durch und durch. Von evangelischer
Milde ist nicht viel an ihm. Wenn er gehaßt worden ist, wie wenige
Menschen vor und nach ihm, so hat er geerntet, was er säte.

Manche Wandlungen hatte er durchgemacht, als er, um 1025 ge-
boren, mit etwa fünfzig Jahren Papst wurde. Jm Kloster auf dem
Aventin hatte er sich unter Lorenz von Amalfi zum Theologen ausge-
bildet, so daß Leo IX. dem jungen Subdiakonus seine Vertretung auf
einem Konzil in Tours übertragen konnte, wo es galt, in einer der
schwierigsten theologischen Fragen, in der Abendmahlslehre, eine Ent-
scheidung zu fällen. Seitdem, und vollends als er mit der Erhebung zum
Archidiakonus in die Leitung der Geschäfte berufen war, trat die Theo-
logie für ihn zurück und das Kirchenrecht in den Vordergrund. Mit ihm
muß er sich eingehend beschäftigt haben. Dabei erkannte er, daß die
gebräuchlichen Gesetzbücher den Bedürfnissen der Zeit nicht genügten,
weil in ihnen die Rechte des Papstes nicht zur Geltung kamen. Die
früher erwähnte Sammlung aus der Zeit Leos IX. ist vielleicht auf
seine Anregung entstanden. Daß die Bekanntschaft mit Pseudoisidor
ihn darauf gebracht hat, liegt auf der Hand. Er wird sie Hundert von
Moyenmoutiers verdankt haben. Seitdem hat er sich mit der Pseu-
doisidorischen Auffassung des Primates ganz durchdrungen, auf die

Perſönlichkeit
bleibt genug, was ſich nicht anzweifeln läßt. Ein Abt, der aufſäſſigen
Mönchen Augen und Zunge hatte ausreißen laſſen, war von ſeinem
Obern geſtraft worden. Hildebrand allein widerſprach; er fand das Ver-
fahren des Abtes ganz in der Ordnung und hat den Wüterich ſpäter zum
Biſchof befördert. Aber auch gegen Freunde konnte er ſchroff und aus-
fallend werden, keinen Augenblick waren ſie vor rauhem Tadel und
kränkenden Vorwürfen ſicher. Kein Wunder, daß ſich mancher abge-
ſtoßen fühlte, der ſein Freund hätte ſein ſollen. Petrus Damiani hat
unter ſeiner Gewaltſamkeit und ſchnöden Kälte gelitten, ihn ſeinen
„heiligen Satan“ genannt und ſeinen Gefühlen in ſpitzen Verſen Luft
gemacht:
Wer des Tigers Wut bezähmt und den blutigen Rachen des Löwen,
Mag zum Lamme den machen, der bisher Wolf mir geweſen.

Er hat ihm ſchließlich ſein Bistum Oſtia vor die Füße geworfen und
ſich in ſeine Heimat zurückgezogen.

So war der Mann beſchaffen, der nun den Apoſtel Chriſti auf Erden
vertreten ſollte, eine Kampfnatur durch und durch. Von evangeliſcher
Milde iſt nicht viel an ihm. Wenn er gehaßt worden iſt, wie wenige
Menſchen vor und nach ihm, ſo hat er geerntet, was er ſäte.

Manche Wandlungen hatte er durchgemacht, als er, um 1025 ge-
boren, mit etwa fünfzig Jahren Papſt wurde. Jm Kloſter auf dem
Aventin hatte er ſich unter Lorenz von Amalfi zum Theologen ausge-
bildet, ſo daß Leo IX. dem jungen Subdiakonus ſeine Vertretung auf
einem Konzil in Tours übertragen konnte, wo es galt, in einer der
ſchwierigſten theologiſchen Fragen, in der Abendmahlslehre, eine Ent-
ſcheidung zu fällen. Seitdem, und vollends als er mit der Erhebung zum
Archidiakonus in die Leitung der Geſchäfte berufen war, trat die Theo-
logie für ihn zurück und das Kirchenrecht in den Vordergrund. Mit ihm
muß er ſich eingehend beſchäftigt haben. Dabei erkannte er, daß die
gebräuchlichen Geſetzbücher den Bedürfniſſen der Zeit nicht genügten,
weil in ihnen die Rechte des Papſtes nicht zur Geltung kamen. Die
früher erwähnte Sammlung aus der Zeit Leos IX. iſt vielleicht auf
ſeine Anregung entſtanden. Daß die Bekanntſchaft mit Pſeudoiſidor
ihn darauf gebracht hat, liegt auf der Hand. Er wird ſie Hundert von
Moyenmoutiers verdankt haben. Seitdem hat er ſich mit der Pſeu-
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[345/0354] Perſönlichkeit bleibt genug, was ſich nicht anzweifeln läßt. Ein Abt, der aufſäſſigen Mönchen Augen und Zunge hatte ausreißen laſſen, war von ſeinem Obern geſtraft worden. Hildebrand allein widerſprach; er fand das Ver- fahren des Abtes ganz in der Ordnung und hat den Wüterich ſpäter zum Biſchof befördert. Aber auch gegen Freunde konnte er ſchroff und aus- fallend werden, keinen Augenblick waren ſie vor rauhem Tadel und kränkenden Vorwürfen ſicher. Kein Wunder, daß ſich mancher abge- ſtoßen fühlte, der ſein Freund hätte ſein ſollen. Petrus Damiani hat unter ſeiner Gewaltſamkeit und ſchnöden Kälte gelitten, ihn ſeinen „heiligen Satan“ genannt und ſeinen Gefühlen in ſpitzen Verſen Luft gemacht: Wer des Tigers Wut bezähmt und den blutigen Rachen des Löwen, Mag zum Lamme den machen, der bisher Wolf mir geweſen. Er hat ihm ſchließlich ſein Bistum Oſtia vor die Füße geworfen und ſich in ſeine Heimat zurückgezogen. So war der Mann beſchaffen, der nun den Apoſtel Chriſti auf Erden vertreten ſollte, eine Kampfnatur durch und durch. Von evangeliſcher Milde iſt nicht viel an ihm. Wenn er gehaßt worden iſt, wie wenige Menſchen vor und nach ihm, ſo hat er geerntet, was er ſäte. Manche Wandlungen hatte er durchgemacht, als er, um 1025 ge- boren, mit etwa fünfzig Jahren Papſt wurde. Jm Kloſter auf dem Aventin hatte er ſich unter Lorenz von Amalfi zum Theologen ausge- bildet, ſo daß Leo IX. dem jungen Subdiakonus ſeine Vertretung auf einem Konzil in Tours übertragen konnte, wo es galt, in einer der ſchwierigſten theologiſchen Fragen, in der Abendmahlslehre, eine Ent- ſcheidung zu fällen. Seitdem, und vollends als er mit der Erhebung zum Archidiakonus in die Leitung der Geſchäfte berufen war, trat die Theo- logie für ihn zurück und das Kirchenrecht in den Vordergrund. Mit ihm muß er ſich eingehend beſchäftigt haben. Dabei erkannte er, daß die gebräuchlichen Geſetzbücher den Bedürfniſſen der Zeit nicht genügten, weil in ihnen die Rechte des Papſtes nicht zur Geltung kamen. Die früher erwähnte Sammlung aus der Zeit Leos IX. iſt vielleicht auf ſeine Anregung entſtanden. Daß die Bekanntſchaft mit Pſeudoiſidor ihn darauf gebracht hat, liegt auf der Hand. Er wird ſie Hundert von Moyenmoutiers verdankt haben. Seitdem hat er ſich mit der Pſeu- doiſidoriſchen Auffaſſung des Primates ganz durchdrungen, auf die

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 345. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/354>, abgerufen am 19.09.2020.