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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregor VII.

Gregor hatte schon als Archidiakon die Geschäfte geleitet. Aber
es ist doch etwas anderes, ob man in fremdem oder in eigenem Namen
regiert. Jetzt erst trug jeder Entschluß, jedes Wort und jedes Schreiben
den vollen Stempel seiner Persönlichkeit.

Unvergleichlich viel mehr als von irgendeinem Menschen seiner
Epoche wissen wir von ihm. Er hat die Zeitgenossen so sehr beschäftigt,
daß sie nicht müde werden, von ihm zu reden, im Bösen wie im Guten,
aber noch mehr und deutlicher redet er selbst zu uns. Ein günstiges Ge-
schick hat den größten Teil seiner Briefe auf die Nachwelt kommen
lassen; aus ihnen vor allem tritt er uns entgegen, wie er war. Er hat es
immer verschmäht, seine Gedanken zu verbergen, in Taten und Worten
trägt er die Aufrichtigkeit zur Schau, die das Kennzeichen des großen
Menschen ist. Seine Briefe sind der getreue Spiegel seines Wesens.

Was einem da auf jeder Seite auffällt, ist ein unbeugsamer Wille
und eine stürmische Leidenschaft. Hindernisse sieht er nicht, Widerstände
will er nicht kennen, sie reizen ihn nur zu verdoppelter Kraftentfaltung.
So ist auch seine Sprache: kurz angebunden, häufig schroff und barsch,
ohne Anmut, mit offenkundiger Vernachlässigung der Form. Man ahnt,
mit welcher fortreißenden Gewalt er geredet, gepredigt haben muß.
Gewiß wohnten auch in seiner Brust zwei Seelen. Verehrer rühmten
seine Liebenswürdigkeit im Umgang, und wie leicht zugänglich er sich
zeige. Die Herrschergabe, Menschen zu gewinnen und an sich zu fesseln,
hat auch er, der unansehnlich kleine und unschöne Mann, in hohem
Maß besessen und treue Anhänglichkeit, hingebende Verehrung gefun-
den bei Männern und noch mehr bei Frauen. Beim Meßopfer, das er
täglich darbrachte, zerfloß er in Tränen, und für die Last seines Amtes,
das Bewußtsein der eigenen Schwäche, das Gefühl der Einsamkeit hat
er ergreifenden Ausdruck gefunden. Aber auf sein Handeln hatte das
keinen Einfluß, und wo er Freunden gegenüber weiche Töne anzuschlagen
sich bemüht, klingt seine Sprache kalt und gemacht. Die eigentliche Ton-
art seiner Natur, die er die Welt beständig hören ließ, war eiserne
Härte. Was die Zeitgenossen ihm am meisten vorwarfen, war seine
Maßlosigkeit. Seine Unerbittlichkeit gegen Schuldige ging sogar den
nächsten Anhängern zu weit, und gegen Feinde konnte er grausam wer-
den. Die Geschichten von Hinrichtungen, Verstümmelungen und Fol-
tern, die er ohne Not befohlen habe, brauchen nicht alle wahr zu sein, es

Gregor VII.

Gregor hatte ſchon als Archidiakon die Geſchäfte geleitet. Aber
es iſt doch etwas anderes, ob man in fremdem oder in eigenem Namen
regiert. Jetzt erſt trug jeder Entſchluß, jedes Wort und jedes Schreiben
den vollen Stempel ſeiner Perſönlichkeit.

Unvergleichlich viel mehr als von irgendeinem Menſchen ſeiner
Epoche wiſſen wir von ihm. Er hat die Zeitgenoſſen ſo ſehr beſchäftigt,
daß ſie nicht müde werden, von ihm zu reden, im Böſen wie im Guten,
aber noch mehr und deutlicher redet er ſelbſt zu uns. Ein günſtiges Ge-
ſchick hat den größten Teil ſeiner Briefe auf die Nachwelt kommen
laſſen; aus ihnen vor allem tritt er uns entgegen, wie er war. Er hat es
immer verſchmäht, ſeine Gedanken zu verbergen, in Taten und Worten
trägt er die Aufrichtigkeit zur Schau, die das Kennzeichen des großen
Menſchen iſt. Seine Briefe ſind der getreue Spiegel ſeines Weſens.

Was einem da auf jeder Seite auffällt, iſt ein unbeugſamer Wille
und eine ſtürmiſche Leidenſchaft. Hinderniſſe ſieht er nicht, Widerſtände
will er nicht kennen, ſie reizen ihn nur zu verdoppelter Kraftentfaltung.
So iſt auch ſeine Sprache: kurz angebunden, häufig ſchroff und barſch,
ohne Anmut, mit offenkundiger Vernachläſſigung der Form. Man ahnt,
mit welcher fortreißenden Gewalt er geredet, gepredigt haben muß.
Gewiß wohnten auch in ſeiner Bruſt zwei Seelen. Verehrer rühmten
ſeine Liebenswürdigkeit im Umgang, und wie leicht zugänglich er ſich
zeige. Die Herrſchergabe, Menſchen zu gewinnen und an ſich zu feſſeln,
hat auch er, der unanſehnlich kleine und unſchöne Mann, in hohem
Maß beſeſſen und treue Anhänglichkeit, hingebende Verehrung gefun-
den bei Männern und noch mehr bei Frauen. Beim Meßopfer, das er
täglich darbrachte, zerfloß er in Tränen, und für die Laſt ſeines Amtes,
das Bewußtſein der eigenen Schwäche, das Gefühl der Einſamkeit hat
er ergreifenden Ausdruck gefunden. Aber auf ſein Handeln hatte das
keinen Einfluß, und wo er Freunden gegenüber weiche Töne anzuſchlagen
ſich bemüht, klingt ſeine Sprache kalt und gemacht. Die eigentliche Ton-
art ſeiner Natur, die er die Welt beſtändig hören ließ, war eiſerne
Härte. Was die Zeitgenoſſen ihm am meiſten vorwarfen, war ſeine
Maßloſigkeit. Seine Unerbittlichkeit gegen Schuldige ging ſogar den
nächſten Anhängern zu weit, und gegen Feinde konnte er grauſam wer-
den. Die Geſchichten von Hinrichtungen, Verſtümmelungen und Fol-
tern, die er ohne Not befohlen habe, brauchen nicht alle wahr zu ſein, es

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[344/0353] Gregor VII. Gregor hatte ſchon als Archidiakon die Geſchäfte geleitet. Aber es iſt doch etwas anderes, ob man in fremdem oder in eigenem Namen regiert. Jetzt erſt trug jeder Entſchluß, jedes Wort und jedes Schreiben den vollen Stempel ſeiner Perſönlichkeit. Unvergleichlich viel mehr als von irgendeinem Menſchen ſeiner Epoche wiſſen wir von ihm. Er hat die Zeitgenoſſen ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie nicht müde werden, von ihm zu reden, im Böſen wie im Guten, aber noch mehr und deutlicher redet er ſelbſt zu uns. Ein günſtiges Ge- ſchick hat den größten Teil ſeiner Briefe auf die Nachwelt kommen laſſen; aus ihnen vor allem tritt er uns entgegen, wie er war. Er hat es immer verſchmäht, ſeine Gedanken zu verbergen, in Taten und Worten trägt er die Aufrichtigkeit zur Schau, die das Kennzeichen des großen Menſchen iſt. Seine Briefe ſind der getreue Spiegel ſeines Weſens. Was einem da auf jeder Seite auffällt, iſt ein unbeugſamer Wille und eine ſtürmiſche Leidenſchaft. Hinderniſſe ſieht er nicht, Widerſtände will er nicht kennen, ſie reizen ihn nur zu verdoppelter Kraftentfaltung. So iſt auch ſeine Sprache: kurz angebunden, häufig ſchroff und barſch, ohne Anmut, mit offenkundiger Vernachläſſigung der Form. Man ahnt, mit welcher fortreißenden Gewalt er geredet, gepredigt haben muß. Gewiß wohnten auch in ſeiner Bruſt zwei Seelen. Verehrer rühmten ſeine Liebenswürdigkeit im Umgang, und wie leicht zugänglich er ſich zeige. Die Herrſchergabe, Menſchen zu gewinnen und an ſich zu feſſeln, hat auch er, der unanſehnlich kleine und unſchöne Mann, in hohem Maß beſeſſen und treue Anhänglichkeit, hingebende Verehrung gefun- den bei Männern und noch mehr bei Frauen. Beim Meßopfer, das er täglich darbrachte, zerfloß er in Tränen, und für die Laſt ſeines Amtes, das Bewußtſein der eigenen Schwäche, das Gefühl der Einſamkeit hat er ergreifenden Ausdruck gefunden. Aber auf ſein Handeln hatte das keinen Einfluß, und wo er Freunden gegenüber weiche Töne anzuſchlagen ſich bemüht, klingt ſeine Sprache kalt und gemacht. Die eigentliche Ton- art ſeiner Natur, die er die Welt beſtändig hören ließ, war eiſerne Härte. Was die Zeitgenoſſen ihm am meiſten vorwarfen, war ſeine Maßloſigkeit. Seine Unerbittlichkeit gegen Schuldige ging ſogar den nächſten Anhängern zu weit, und gegen Feinde konnte er grauſam wer- den. Die Geſchichten von Hinrichtungen, Verſtümmelungen und Fol- tern, die er ohne Not befohlen habe, brauchen nicht alle wahr zu ſein, es

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 344. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/353>, abgerufen am 19.09.2020.