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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Gregor VII.

Nicht in regelmäßigen Formen nach alten und neuesten Vorschriften
ist Gregor VII. gewählt worden, eine stürmische Aufwallung der Volks-
massen hob ihn von der Leiche seines Vorgängers hinweg auf den Thron.
Sprecher der Menge und Führer war der Kardinalpriester Hugo der
Weiße, vor kurzem noch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen; die übri-
gen Kardinäle hatten nur den Volkswillen zu vollziehen, indem sie als
ihren Entschluß zu Protokoll nehmen ließen, was geschehen war. Dabei
wurde nicht einmal verschwiegen, daß die Bischöfe, im Widerspruch zur
Wahlordnung von 1059, nur als Zeugen an der Handlung teilgenommen
hatten. Vom Recht des deutschen Königs war weder damals noch später
die Rede; was die jüngste Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht
beachtet. Vom Recht des deutschen Königs war weder damals noch später
die Rede; was die jüngste Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht
beachtet. Widerspruch war nicht lautgeworden, zu Meinungsäuße-
rungen keine Gelegenheit gewesen, höhere Eingebung sollte diese wunder-
bare Einigkeit bewirkt haben. Die Einigkeit war so groß, daß die Menge
im voraus sogar den Namen kannte, den der neue Papst zu tragen
wünschte: mit dem Rufe "Papst Gregor hat der heilige Petrus erwählt"
begrüßte sie ihn. Wir dürfen darin den Beweis sehen, daß das Stück
gut vorbereitet war und gut aufgeführt wurde. Als Spielleiter hatte
Hugo der Weiße sich bewährt. Daß er gegen den Willen Hildebrands
gehandelt habe, wird niemand glauben. Hat er sich damit am Ende die
Begnadigung verdient? Was die Feinde sonst zu erzählen gewußt haben
von großen Summen Geldes, die Hildebrand unter das Volk habe ver-
teilen lassen, mag auf sich beruhen.

Gregor hat seine Bischofsweihe um zwei Monate aufgeschoben. Der
Nachfolger und Stellvertreter des Apostelfürsten wollte nicht vor dessen
Festtag geweiht werden, erst am darauffolgenden Sonntag, dem 30. Juni,
wurde die Handlung vollzogen. Es war ein Schritt von sinnbildlicher
Bedeutung, bezeichnend für den Mann und die Auffassung, die er von
seinem Amt hegte; die Übernahme der Regierung erlitt darum keinen
Verzug.

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Gregor VII.

Nicht in regelmäßigen Formen nach alten und neueſten Vorſchriften
iſt Gregor VII. gewählt worden, eine ſtürmiſche Aufwallung der Volks-
maſſen hob ihn von der Leiche ſeines Vorgängers hinweg auf den Thron.
Sprecher der Menge und Führer war der Kardinalprieſter Hugo der
Weiße, vor kurzem noch aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen; die übri-
gen Kardinäle hatten nur den Volkswillen zu vollziehen, indem ſie als
ihren Entſchluß zu Protokoll nehmen ließen, was geſchehen war. Dabei
wurde nicht einmal verſchwiegen, daß die Biſchöfe, im Widerſpruch zur
Wahlordnung von 1059, nur als Zeugen an der Handlung teilgenommen
hatten. Vom Recht des deutſchen Königs war weder damals noch ſpäter
die Rede; was die jüngſte Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht
beachtet. Vom Recht des deutſchen Königs war weder damals noch ſpäter
die Rede; was die jüngſte Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht
beachtet. Widerſpruch war nicht lautgeworden, zu Meinungsäuße-
rungen keine Gelegenheit geweſen, höhere Eingebung ſollte dieſe wunder-
bare Einigkeit bewirkt haben. Die Einigkeit war ſo groß, daß die Menge
im voraus ſogar den Namen kannte, den der neue Papſt zu tragen
wünſchte: mit dem Rufe „Papſt Gregor hat der heilige Petrus erwählt“
begrüßte ſie ihn. Wir dürfen darin den Beweis ſehen, daß das Stück
gut vorbereitet war und gut aufgeführt wurde. Als Spielleiter hatte
Hugo der Weiße ſich bewährt. Daß er gegen den Willen Hildebrands
gehandelt habe, wird niemand glauben. Hat er ſich damit am Ende die
Begnadigung verdient? Was die Feinde ſonſt zu erzählen gewußt haben
von großen Summen Geldes, die Hildebrand unter das Volk habe ver-
teilen laſſen, mag auf ſich beruhen.

Gregor hat ſeine Biſchofsweihe um zwei Monate aufgeſchoben. Der
Nachfolger und Stellvertreter des Apoſtelfürſten wollte nicht vor deſſen
Feſttag geweiht werden, erſt am darauffolgenden Sonntag, dem 30. Juni,
wurde die Handlung vollzogen. Es war ein Schritt von ſinnbildlicher
Bedeutung, bezeichnend für den Mann und die Auffaſſung, die er von
ſeinem Amt hegte; die Übernahme der Regierung erlitt darum keinen
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[[343]/0352] 3 Gregor VII. Nicht in regelmäßigen Formen nach alten und neueſten Vorſchriften iſt Gregor VII. gewählt worden, eine ſtürmiſche Aufwallung der Volks- maſſen hob ihn von der Leiche ſeines Vorgängers hinweg auf den Thron. Sprecher der Menge und Führer war der Kardinalprieſter Hugo der Weiße, vor kurzem noch aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen; die übri- gen Kardinäle hatten nur den Volkswillen zu vollziehen, indem ſie als ihren Entſchluß zu Protokoll nehmen ließen, was geſchehen war. Dabei wurde nicht einmal verſchwiegen, daß die Biſchöfe, im Widerſpruch zur Wahlordnung von 1059, nur als Zeugen an der Handlung teilgenommen hatten. Vom Recht des deutſchen Königs war weder damals noch ſpäter die Rede; was die jüngſte Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht beachtet. Vom Recht des deutſchen Königs war weder damals noch ſpäter die Rede; was die jüngſte Wahlordnung darüber enthielt, wurde nicht beachtet. Widerſpruch war nicht lautgeworden, zu Meinungsäuße- rungen keine Gelegenheit geweſen, höhere Eingebung ſollte dieſe wunder- bare Einigkeit bewirkt haben. Die Einigkeit war ſo groß, daß die Menge im voraus ſogar den Namen kannte, den der neue Papſt zu tragen wünſchte: mit dem Rufe „Papſt Gregor hat der heilige Petrus erwählt“ begrüßte ſie ihn. Wir dürfen darin den Beweis ſehen, daß das Stück gut vorbereitet war und gut aufgeführt wurde. Als Spielleiter hatte Hugo der Weiße ſich bewährt. Daß er gegen den Willen Hildebrands gehandelt habe, wird niemand glauben. Hat er ſich damit am Ende die Begnadigung verdient? Was die Feinde ſonſt zu erzählen gewußt haben von großen Summen Geldes, die Hildebrand unter das Volk habe ver- teilen laſſen, mag auf ſich beruhen. Gregor hat ſeine Biſchofsweihe um zwei Monate aufgeſchoben. Der Nachfolger und Stellvertreter des Apoſtelfürſten wollte nicht vor deſſen Feſttag geweiht werden, erſt am darauffolgenden Sonntag, dem 30. Juni, wurde die Handlung vollzogen. Es war ein Schritt von ſinnbildlicher Bedeutung, bezeichnend für den Mann und die Auffaſſung, die er von ſeinem Amt hegte; die Übernahme der Regierung erlitt darum keinen Verzug.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. [343]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/352>, abgerufen am 19.09.2020.