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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Hildebrands Einfluß

Es ist nicht Alexander II., nicht der Papst, sondern sein Archidiakonus
Hildebrand. Daß er der wirkliche Lenker der römischen Kirche war,
haben die Zeitgenossen gewußt und mit Wort und Tat bezeugt. An ihn
wandte man sich mit besonderen Wünschen, ihm schmeichelte man, in
ihm besang man den Mann, der mit einem Wort mehr ausrichte als
Marius und Cäsar mit Strömen von Blut und an wohlverdientem
Ruhm alle Römer des Altertums übertreffe. Jhn nannte man gelegent-
lich sogar in der Datierung: "unter Papst Alexander in seinem neunten
Jahr und unter Hildebrand dem Archidiakon" heißt es in einer Urkunde
aus der Provence. Am unverblümtesten spricht sich Petrus Damiani aus,
in einigen bitter ironischen Versen redet er ihn an:
Ehr' ich geziemend den Papst, so lieg' ich vor Dir in Anbetung.
Du erhebst jenen zum Herrn, er sieht in Dir seinen Gott.

Ein andermal:
Willst Du leben in Rom, so bekenne mit schallender Stimme:
Mehr noch als den Herrn Papst ehr' ich den Herrn überm Papst.

Hildebrandt selbst scheute sich nicht, dieses Verhältnis zur Schau zu
tragen. Es kam vor, daß er ein Gesuch im eigenen Namen abschlug und
von "unsern Legaten" sprach. Kein Zweifel, daß er den Papst beherrscht
hat, soweit ein Diener seinen Herrn beherrschen kann. Man munkelte,
Alexander ertrage ihn ungern, aber davon merkte die Welt nichts.
Nicht immer mag geschehen sein, was Hildebrand wollte -- Unterlas-
sungen Alexanders zu rügen hat er sich später nicht gescheut -- aber
nichts geschah gegen seinen Willen, und der päpstlichen Politik gab er
die Richtung.

Am 21. April 1073 starb Alexander II. nach längerer Krankheit.
Tags darauf trat ein, was schwerlich jemanden überrascht haben wird:
Hildebrand war Papst -- Gregor VII.


Hildebrands Einfluß

Es iſt nicht Alexander II., nicht der Papſt, ſondern ſein Archidiakonus
Hildebrand. Daß er der wirkliche Lenker der römiſchen Kirche war,
haben die Zeitgenoſſen gewußt und mit Wort und Tat bezeugt. An ihn
wandte man ſich mit beſonderen Wünſchen, ihm ſchmeichelte man, in
ihm beſang man den Mann, der mit einem Wort mehr ausrichte als
Marius und Cäſar mit Strömen von Blut und an wohlverdientem
Ruhm alle Römer des Altertums übertreffe. Jhn nannte man gelegent-
lich ſogar in der Datierung: „unter Papſt Alexander in ſeinem neunten
Jahr und unter Hildebrand dem Archidiakon“ heißt es in einer Urkunde
aus der Provence. Am unverblümteſten ſpricht ſich Petrus Damiani aus,
in einigen bitter ironiſchen Verſen redet er ihn an:
Ehr' ich geziemend den Papſt, ſo lieg' ich vor Dir in Anbetung.
Du erhebſt jenen zum Herrn, er ſieht in Dir ſeinen Gott.

Ein andermal:
Willſt Du leben in Rom, ſo bekenne mit ſchallender Stimme:
Mehr noch als den Herrn Papſt ehr' ich den Herrn überm Papſt.

Hildebrandt ſelbſt ſcheute ſich nicht, dieſes Verhältnis zur Schau zu
tragen. Es kam vor, daß er ein Geſuch im eigenen Namen abſchlug und
von „unſern Legaten“ ſprach. Kein Zweifel, daß er den Papſt beherrſcht
hat, ſoweit ein Diener ſeinen Herrn beherrſchen kann. Man munkelte,
Alexander ertrage ihn ungern, aber davon merkte die Welt nichts.
Nicht immer mag geſchehen ſein, was Hildebrand wollte — Unterlaſ-
ſungen Alexanders zu rügen hat er ſich ſpäter nicht geſcheut — aber
nichts geſchah gegen ſeinen Willen, und der päpſtlichen Politik gab er
die Richtung.

Am 21. April 1073 ſtarb Alexander II. nach längerer Krankheit.
Tags darauf trat ein, was ſchwerlich jemanden überraſcht haben wird:
Hildebrand war Papſt — Gregor VII.

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[342/0351] Hildebrands Einfluß Es iſt nicht Alexander II., nicht der Papſt, ſondern ſein Archidiakonus Hildebrand. Daß er der wirkliche Lenker der römiſchen Kirche war, haben die Zeitgenoſſen gewußt und mit Wort und Tat bezeugt. An ihn wandte man ſich mit beſonderen Wünſchen, ihm ſchmeichelte man, in ihm beſang man den Mann, der mit einem Wort mehr ausrichte als Marius und Cäſar mit Strömen von Blut und an wohlverdientem Ruhm alle Römer des Altertums übertreffe. Jhn nannte man gelegent- lich ſogar in der Datierung: „unter Papſt Alexander in ſeinem neunten Jahr und unter Hildebrand dem Archidiakon“ heißt es in einer Urkunde aus der Provence. Am unverblümteſten ſpricht ſich Petrus Damiani aus, in einigen bitter ironiſchen Verſen redet er ihn an: Ehr' ich geziemend den Papſt, ſo lieg' ich vor Dir in Anbetung. Du erhebſt jenen zum Herrn, er ſieht in Dir ſeinen Gott. Ein andermal: Willſt Du leben in Rom, ſo bekenne mit ſchallender Stimme: Mehr noch als den Herrn Papſt ehr' ich den Herrn überm Papſt. Hildebrandt ſelbſt ſcheute ſich nicht, dieſes Verhältnis zur Schau zu tragen. Es kam vor, daß er ein Geſuch im eigenen Namen abſchlug und von „unſern Legaten“ ſprach. Kein Zweifel, daß er den Papſt beherrſcht hat, ſoweit ein Diener ſeinen Herrn beherrſchen kann. Man munkelte, Alexander ertrage ihn ungern, aber davon merkte die Welt nichts. Nicht immer mag geſchehen ſein, was Hildebrand wollte — Unterlaſ- ſungen Alexanders zu rügen hat er ſich ſpäter nicht geſcheut — aber nichts geſchah gegen ſeinen Willen, und der päpſtlichen Politik gab er die Richtung. Am 21. April 1073 ſtarb Alexander II. nach längerer Krankheit. Tags darauf trat ein, was ſchwerlich jemanden überraſcht haben wird: Hildebrand war Papſt — Gregor VII.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 342. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/351>, abgerufen am 19.09.2020.