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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Kriegerischer Charakter des Papsttums
geworden. Jm Januar 1072 wurde auf sein Betreiben in Gegenwart
eines Kardinallegaten ein junger Geistlicher namens Atto zum Erz-
bischof gewählt. Wie bei Parteiwahlen meist, war das Verfahren
willkürlich, es fand alsbald eine gewaltsame Antwort. Der Erwählte
wurde beim Festmahl überfallen, an Händen und Füßen in den Dom
geschleift und zu eidlichem Verzicht gezwungen. Auch dem Kardinal-
legaten ging es schlecht, mit zerfetzten Kleidern konnte er sich eben noch
retten. Aber die Herrschaft in der Stadt behauptete Erlembald dennoch.
Auf seinen Anruf erklärte der Papst den Verzichtseid für nichtig und
Attos Wahl für rechtmäßig, unterstützte diesen auch mit Geldmitteln,
während die Gegner zögerten. Erst nach Jahresfrist, indes die Pataria
sich schon nach andern Orten ausbreitete, wurde auf Befehl des Königs
die Weihe Gotfrieds vollzogen, außerhalb Mailands, in Novara. Der
Kampf zwischen altem und neuem Recht des geistlichen Standes war
zum Kampf um das Recht der Krone geworden; im Streit um das
Mailänder Erzbistum sollten Papst und König als Gegner ihre Kräfte
messen.

Wie sehr sticht doch das Papsttum Alexanders II. in seinen letzten
Zeiten von allem Früheren ab! Eine kriegführende Macht ist es ge-
worden; in Nord und Süd und West, in Sizilien, Spanien, der Lom-
bardei fechten die Anhänger unter seinem Feldzeichen, Eroberungen sind
das Ziel, und keineswegs nur solche auf geistigem Boden. Mit was für
Plänen man in Rom sich schon getragen haben mag? Es scheint, man
hat mindestens auf kriegerische Verwicklungen vorbereitet sein wollen,
in denen es gelten würde, mit eigener Macht aufzutreten. Wir sehen
den Papst im voraus Truppen anwerben, die ihm nach Bedarf zur Ver-
fügung stehen sollen, wir hören von französischen Herren, die vor Alex-
ander II. am Grabe des Apostels in feierlichster Weise, "mit zum Him-
mel erhobenen Händen" gelobt haben, für die Sache Sankt Peters zu
kämpfen, wo immer es nötig sein würde. Von den Grafen von Burgund,
von Savoyen und von St. Gilles wird es gemeldet; ob ihrer nicht mehr
waren, die diese Verpflichtung übernahmen, wissen wir nicht, und die
Absichten können wir nicht nennen. Aber das sehen wir, daß das Papst-
tum eine Zeitwende durchschreitet und das ganze Abendland mit sich fort-
zureißen beginnt, und wir kennen den Mann, der es auf diesen Weg ge-
führt und die Zügel der Leitung in die Hand genommen hat.

Kriegeriſcher Charakter des Papſttums
geworden. Jm Januar 1072 wurde auf ſein Betreiben in Gegenwart
eines Kardinallegaten ein junger Geiſtlicher namens Atto zum Erz-
biſchof gewählt. Wie bei Parteiwahlen meiſt, war das Verfahren
willkürlich, es fand alsbald eine gewaltſame Antwort. Der Erwählte
wurde beim Feſtmahl überfallen, an Händen und Füßen in den Dom
geſchleift und zu eidlichem Verzicht gezwungen. Auch dem Kardinal-
legaten ging es ſchlecht, mit zerfetzten Kleidern konnte er ſich eben noch
retten. Aber die Herrſchaft in der Stadt behauptete Erlembald dennoch.
Auf ſeinen Anruf erklärte der Papſt den Verzichtseid für nichtig und
Attos Wahl für rechtmäßig, unterſtützte dieſen auch mit Geldmitteln,
während die Gegner zögerten. Erſt nach Jahresfriſt, indes die Pataria
ſich ſchon nach andern Orten ausbreitete, wurde auf Befehl des Königs
die Weihe Gotfrieds vollzogen, außerhalb Mailands, in Novara. Der
Kampf zwiſchen altem und neuem Recht des geiſtlichen Standes war
zum Kampf um das Recht der Krone geworden; im Streit um das
Mailänder Erzbistum ſollten Papſt und König als Gegner ihre Kräfte
meſſen.

Wie ſehr ſticht doch das Papſttum Alexanders II. in ſeinen letzten
Zeiten von allem Früheren ab! Eine kriegführende Macht iſt es ge-
worden; in Nord und Süd und Weſt, in Sizilien, Spanien, der Lom-
bardei fechten die Anhänger unter ſeinem Feldzeichen, Eroberungen ſind
das Ziel, und keineswegs nur ſolche auf geiſtigem Boden. Mit was für
Plänen man in Rom ſich ſchon getragen haben mag? Es ſcheint, man
hat mindeſtens auf kriegeriſche Verwicklungen vorbereitet ſein wollen,
in denen es gelten würde, mit eigener Macht aufzutreten. Wir ſehen
den Papſt im voraus Truppen anwerben, die ihm nach Bedarf zur Ver-
fügung ſtehen ſollen, wir hören von franzöſiſchen Herren, die vor Alex-
ander II. am Grabe des Apoſtels in feierlichſter Weiſe, „mit zum Him-
mel erhobenen Händen“ gelobt haben, für die Sache Sankt Peters zu
kämpfen, wo immer es nötig ſein würde. Von den Grafen von Burgund,
von Savoyen und von St. Gilles wird es gemeldet; ob ihrer nicht mehr
waren, die dieſe Verpflichtung übernahmen, wiſſen wir nicht, und die
Abſichten können wir nicht nennen. Aber das ſehen wir, daß das Papſt-
tum eine Zeitwende durchſchreitet und das ganze Abendland mit ſich fort-
zureißen beginnt, und wir kennen den Mann, der es auf dieſen Weg ge-
führt und die Zügel der Leitung in die Hand genommen hat.

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[341/0350] Kriegeriſcher Charakter des Papſttums geworden. Jm Januar 1072 wurde auf ſein Betreiben in Gegenwart eines Kardinallegaten ein junger Geiſtlicher namens Atto zum Erz- biſchof gewählt. Wie bei Parteiwahlen meiſt, war das Verfahren willkürlich, es fand alsbald eine gewaltſame Antwort. Der Erwählte wurde beim Feſtmahl überfallen, an Händen und Füßen in den Dom geſchleift und zu eidlichem Verzicht gezwungen. Auch dem Kardinal- legaten ging es ſchlecht, mit zerfetzten Kleidern konnte er ſich eben noch retten. Aber die Herrſchaft in der Stadt behauptete Erlembald dennoch. Auf ſeinen Anruf erklärte der Papſt den Verzichtseid für nichtig und Attos Wahl für rechtmäßig, unterſtützte dieſen auch mit Geldmitteln, während die Gegner zögerten. Erſt nach Jahresfriſt, indes die Pataria ſich ſchon nach andern Orten ausbreitete, wurde auf Befehl des Königs die Weihe Gotfrieds vollzogen, außerhalb Mailands, in Novara. Der Kampf zwiſchen altem und neuem Recht des geiſtlichen Standes war zum Kampf um das Recht der Krone geworden; im Streit um das Mailänder Erzbistum ſollten Papſt und König als Gegner ihre Kräfte meſſen. Wie ſehr ſticht doch das Papſttum Alexanders II. in ſeinen letzten Zeiten von allem Früheren ab! Eine kriegführende Macht iſt es ge- worden; in Nord und Süd und Weſt, in Sizilien, Spanien, der Lom- bardei fechten die Anhänger unter ſeinem Feldzeichen, Eroberungen ſind das Ziel, und keineswegs nur ſolche auf geiſtigem Boden. Mit was für Plänen man in Rom ſich ſchon getragen haben mag? Es ſcheint, man hat mindeſtens auf kriegeriſche Verwicklungen vorbereitet ſein wollen, in denen es gelten würde, mit eigener Macht aufzutreten. Wir ſehen den Papſt im voraus Truppen anwerben, die ihm nach Bedarf zur Ver- fügung ſtehen ſollen, wir hören von franzöſiſchen Herren, die vor Alex- ander II. am Grabe des Apoſtels in feierlichſter Weiſe, „mit zum Him- mel erhobenen Händen“ gelobt haben, für die Sache Sankt Peters zu kämpfen, wo immer es nötig ſein würde. Von den Grafen von Burgund, von Savoyen und von St. Gilles wird es gemeldet; ob ihrer nicht mehr waren, die dieſe Verpflichtung übernahmen, wiſſen wir nicht, und die Abſichten können wir nicht nennen. Aber das ſehen wir, daß das Papſt- tum eine Zeitwende durchſchreitet und das ganze Abendland mit ſich fort- zureißen beginnt, und wir kennen den Mann, der es auf dieſen Weg ge- führt und die Zügel der Leitung in die Hand genommen hat.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 341. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/350>, abgerufen am 19.09.2020.