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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Mailand
war, die Jnvestitur. Es war ein Mißgriff, den der König selbst bald
bereute, denn Gotfried fand in Stadt und Land mehr Ablehnung als
Anerkennung, und Erlembald eröffnete gegen ihn den Krieg. Mit
seinen bewaffneten Anhängern belagerte er Gotfried auf seinen Burgen
und lieferte ihm Gefechte, wußte sich auch der Person Widos zu be-
mächtigen, der seine Abdankung zurücknahm, so daß die Verwirrung
kaum größer sein konnte. Widos Tod im August 1071 brachte keinen
Frieden, denn nicht seiner Person hatte der Kampf gegolten, sondern
dem Recht des Königs. Der Jnvestierte wurde verworfen, einen frei
gewählten Erzbischof forderte man. Dabei hatte man die volle Unter-
stützung des Papstes, der Gotfried sogleich samt ganzem Anhang aus-
schloß.

Doch schon beschränkte sich der Kampf nicht mehr auf Mailand.
Von Anfang an waren die römischen Reformgesetze, besonders das Ehe-
verbot, in der Lombardei auf stärksten Widerstand gestoßen, die Mehr-
zahl der Bischöfe hatte gar nicht gewagt, sie zu verkündigen, und wo es
etwa geschah, wie in Brescia, da wurde der Bischof von seinen Geist-
lichen durchgeprügelt. Dann aber hatte die Mailänder Bewegung doch
auch auf andere Städte übergegriffen. Jn Cremona verjagte das Volk
die für simonistisch gehaltenen und die verheirateten Geistlichen, in
Piacenza wurde das Beispiel nachgeahmt und der Bischof vertrieben.
Jhre Losungen erhielten die Aufständischen aus Rom. Das Schreiben,
womit Alexander II. die Cremonesen zu ihrer Tat beglückwünschte, ist
ein Schlachtruf, wie er aufreizender nicht klingen könnte. Zum Kampf
gegen die Glieder des Antichrist stellt der Papst "den Arm und Schild
der römischen Kirche" zur Verfügung, und wie er sich diesen Kampf
denkt, zeigen die anschließenden Worte: "So rufe denn jeder von euch,
gegürtet mit dem Dolch göttlicher Kraft: ,Her zu mir, wer dem Herrn
angehört' (2. Mose 32, 26), und stürze sich kampfglühend auf die
Tempelschänder, um die Tore simonistischer Käuflichkeit und geistlichen
Ehebruchs, durch die der Teufel in eure Kirche eingedrungen war, mit
den Leichen der Erschlagenen zu sperren!" Um jeden Zweifel zu besei-
tigen, wer in diesem blutigen Bürgerkrieg der oberste Kriegsherr sei,
führte Erlembald das geweihte Banner des heiligen Petrus, das ihm,
wie schon den Normannen in Sizilien und England, der Papst ver-
liehen hatte.

Durch Widos Tod war für Erlembalds Absichten die Bahn frei

Mailand
war, die Jnveſtitur. Es war ein Mißgriff, den der König ſelbſt bald
bereute, denn Gotfried fand in Stadt und Land mehr Ablehnung als
Anerkennung, und Erlembald eröffnete gegen ihn den Krieg. Mit
ſeinen bewaffneten Anhängern belagerte er Gotfried auf ſeinen Burgen
und lieferte ihm Gefechte, wußte ſich auch der Perſon Widos zu be-
mächtigen, der ſeine Abdankung zurücknahm, ſo daß die Verwirrung
kaum größer ſein konnte. Widos Tod im Auguſt 1071 brachte keinen
Frieden, denn nicht ſeiner Perſon hatte der Kampf gegolten, ſondern
dem Recht des Königs. Der Jnveſtierte wurde verworfen, einen frei
gewählten Erzbiſchof forderte man. Dabei hatte man die volle Unter-
ſtützung des Papſtes, der Gotfried ſogleich ſamt ganzem Anhang aus-
ſchloß.

Doch ſchon beſchränkte ſich der Kampf nicht mehr auf Mailand.
Von Anfang an waren die römiſchen Reformgeſetze, beſonders das Ehe-
verbot, in der Lombardei auf ſtärkſten Widerſtand geſtoßen, die Mehr-
zahl der Biſchöfe hatte gar nicht gewagt, ſie zu verkündigen, und wo es
etwa geſchah, wie in Breſcia, da wurde der Biſchof von ſeinen Geiſt-
lichen durchgeprügelt. Dann aber hatte die Mailänder Bewegung doch
auch auf andere Städte übergegriffen. Jn Cremona verjagte das Volk
die für ſimoniſtiſch gehaltenen und die verheirateten Geiſtlichen, in
Piacenza wurde das Beiſpiel nachgeahmt und der Biſchof vertrieben.
Jhre Loſungen erhielten die Aufſtändiſchen aus Rom. Das Schreiben,
womit Alexander II. die Cremoneſen zu ihrer Tat beglückwünſchte, iſt
ein Schlachtruf, wie er aufreizender nicht klingen könnte. Zum Kampf
gegen die Glieder des Antichriſt ſtellt der Papſt „den Arm und Schild
der römiſchen Kirche“ zur Verfügung, und wie er ſich dieſen Kampf
denkt, zeigen die anſchließenden Worte: „So rufe denn jeder von euch,
gegürtet mit dem Dolch göttlicher Kraft: ‚Her zu mir, wer dem Herrn
angehört‘ (2. Moſe 32, 26), und ſtürze ſich kampfglühend auf die
Tempelſchänder, um die Tore ſimoniſtiſcher Käuflichkeit und geiſtlichen
Ehebruchs, durch die der Teufel in eure Kirche eingedrungen war, mit
den Leichen der Erſchlagenen zu ſperren!“ Um jeden Zweifel zu beſei-
tigen, wer in dieſem blutigen Bürgerkrieg der oberſte Kriegsherr ſei,
führte Erlembald das geweihte Banner des heiligen Petrus, das ihm,
wie ſchon den Normannen in Sizilien und England, der Papſt ver-
liehen hatte.

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[340/0349] Mailand war, die Jnveſtitur. Es war ein Mißgriff, den der König ſelbſt bald bereute, denn Gotfried fand in Stadt und Land mehr Ablehnung als Anerkennung, und Erlembald eröffnete gegen ihn den Krieg. Mit ſeinen bewaffneten Anhängern belagerte er Gotfried auf ſeinen Burgen und lieferte ihm Gefechte, wußte ſich auch der Perſon Widos zu be- mächtigen, der ſeine Abdankung zurücknahm, ſo daß die Verwirrung kaum größer ſein konnte. Widos Tod im Auguſt 1071 brachte keinen Frieden, denn nicht ſeiner Perſon hatte der Kampf gegolten, ſondern dem Recht des Königs. Der Jnveſtierte wurde verworfen, einen frei gewählten Erzbiſchof forderte man. Dabei hatte man die volle Unter- ſtützung des Papſtes, der Gotfried ſogleich ſamt ganzem Anhang aus- ſchloß. Doch ſchon beſchränkte ſich der Kampf nicht mehr auf Mailand. Von Anfang an waren die römiſchen Reformgeſetze, beſonders das Ehe- verbot, in der Lombardei auf ſtärkſten Widerſtand geſtoßen, die Mehr- zahl der Biſchöfe hatte gar nicht gewagt, ſie zu verkündigen, und wo es etwa geſchah, wie in Breſcia, da wurde der Biſchof von ſeinen Geiſt- lichen durchgeprügelt. Dann aber hatte die Mailänder Bewegung doch auch auf andere Städte übergegriffen. Jn Cremona verjagte das Volk die für ſimoniſtiſch gehaltenen und die verheirateten Geiſtlichen, in Piacenza wurde das Beiſpiel nachgeahmt und der Biſchof vertrieben. Jhre Loſungen erhielten die Aufſtändiſchen aus Rom. Das Schreiben, womit Alexander II. die Cremoneſen zu ihrer Tat beglückwünſchte, iſt ein Schlachtruf, wie er aufreizender nicht klingen könnte. Zum Kampf gegen die Glieder des Antichriſt ſtellt der Papſt „den Arm und Schild der römiſchen Kirche“ zur Verfügung, und wie er ſich dieſen Kampf denkt, zeigen die anſchließenden Worte: „So rufe denn jeder von euch, gegürtet mit dem Dolch göttlicher Kraft: ‚Her zu mir, wer dem Herrn angehört‘ (2. Moſe 32, 26), und ſtürze ſich kampfglühend auf die Tempelſchänder, um die Tore ſimoniſtiſcher Käuflichkeit und geiſtlichen Ehebruchs, durch die der Teufel in eure Kirche eingedrungen war, mit den Leichen der Erſchlagenen zu ſperren!“ Um jeden Zweifel zu beſei- tigen, wer in dieſem blutigen Bürgerkrieg der oberſte Kriegsherr ſei, führte Erlembald das geweihte Banner des heiligen Petrus, das ihm, wie ſchon den Normannen in Sizilien und England, der Papſt ver- liehen hatte. Durch Widos Tod war für Erlembalds Abſichten die Bahn frei

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 340. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/349>, abgerufen am 19.09.2020.