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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Mailand
schahen, und von Rom aus kam man ihr zu Hilfe. Eine römische Synode
verhängte über den Erzbischof "wegen hochmütiger Auflehnung gegen
den apostolischen Stuhl" das Verbot der Amtsausübung. Die Maß-
regel blieb nicht ohne Wirkung, Wido räumte die Stadt, in die Er-
lembald als Sieger einzog. Er hatte seine Anhänger gesammelt und
Rache für die Ermordung Arialds schwören lassen, die er dem Erzbischof
schuld gab.

Die begleitenden Umstände, unter denen diese Vorgänge sich ab-
spielten, Plünderungen, Brand und Blutvergießen, gaben dem Papst
Gelegenheit, zum zweitenmal schlichtend einzuschreiten. Anders als vor
sieben Jahren fand er keinen Widerspruch. Am 1. August 1067 konnten
seine Legaten den Frieden diktieren. Wie er zustande gekommen ist,
wissen wir nicht, aber er trägt das Gepräge von Zugeständnissen nach
beiden Seiten. Der Erzbischof durfte sein Amt wieder übernehmen,
und das Volk wurde angewiesen, sich ihm zu unterwerfen. Wegen der
stattgehabten Untaten erfolgte keine Strafe, nur sollten sie sich nicht
wiederholen. Den Geistlichen wurden Kauf von Kirchenämtern und Zu-
sammenleben mit Frauen aufs neue gemäß früheren Verfügungen, zu-
gleich aber den Laien eigenmächtiges Vorgehen gegen Verdächtige und
Schuldige verboten; erst wenn die geistlichen Oberen versagten, sollten
sie eingreifen dürfen. Nach den vorausgegangenen schroffen Maßregeln
war das von päpstlicher Seite ein Rückzug, entschieden aber war damit
noch nichts. Die Verschwörung der Pataria blieb bestehen, die Beob-
achtung des Friedens hing vom guten Willen der Parteien ab, und an
ihren Gesinnungen hatte sich nichts geändert.

Etwas mehr als drei Jahre währte die Ruhe. Jnzwischen sammelte
Erlembald, jetzt der einzige Führer, weitere Anhänger unter Laien und
Geistlichen und festigte seine Partei. Dann begann er aufs neue zu
wühlen, nunmehr mit dem Ziel, den Erzbischof zu verdrängen und einen
anderen zu erheben, gemäß den Grundsätzen der neuen Zeit. Darüber
verständigte er sich bei einem Besuche Roms mit dem Papst, dann er-
öffnete er den Angriff auf Wido. Dieser, alt und gebrechlich und der
Kämpfe müde, willigte in die Abdankung, wahrte aber das Recht der
Krone und sandte Ring und Stab an den König. Heinrich IV. hatte bis
dahin in die Mailänder Wirren nicht in erkennbarer Weise einge-
griffen, jetzt erteilte er dem Boten des Erzbischofs, einem vornehmen
Geistlichen namens Gotfried, der auch am deutschen Hofe wohlbekannt

Mailand
ſchahen, und von Rom aus kam man ihr zu Hilfe. Eine römiſche Synode
verhängte über den Erzbiſchof „wegen hochmütiger Auflehnung gegen
den apoſtoliſchen Stuhl“ das Verbot der Amtsausübung. Die Maß-
regel blieb nicht ohne Wirkung, Wido räumte die Stadt, in die Er-
lembald als Sieger einzog. Er hatte ſeine Anhänger geſammelt und
Rache für die Ermordung Arialds ſchwören laſſen, die er dem Erzbiſchof
ſchuld gab.

Die begleitenden Umſtände, unter denen dieſe Vorgänge ſich ab-
ſpielten, Plünderungen, Brand und Blutvergießen, gaben dem Papſt
Gelegenheit, zum zweitenmal ſchlichtend einzuſchreiten. Anders als vor
ſieben Jahren fand er keinen Widerſpruch. Am 1. Auguſt 1067 konnten
ſeine Legaten den Frieden diktieren. Wie er zuſtande gekommen iſt,
wiſſen wir nicht, aber er trägt das Gepräge von Zugeſtändniſſen nach
beiden Seiten. Der Erzbiſchof durfte ſein Amt wieder übernehmen,
und das Volk wurde angewieſen, ſich ihm zu unterwerfen. Wegen der
ſtattgehabten Untaten erfolgte keine Strafe, nur ſollten ſie ſich nicht
wiederholen. Den Geiſtlichen wurden Kauf von Kirchenämtern und Zu-
ſammenleben mit Frauen aufs neue gemäß früheren Verfügungen, zu-
gleich aber den Laien eigenmächtiges Vorgehen gegen Verdächtige und
Schuldige verboten; erſt wenn die geiſtlichen Oberen verſagten, ſollten
ſie eingreifen dürfen. Nach den vorausgegangenen ſchroffen Maßregeln
war das von päpſtlicher Seite ein Rückzug, entſchieden aber war damit
noch nichts. Die Verſchwörung der Pataria blieb beſtehen, die Beob-
achtung des Friedens hing vom guten Willen der Parteien ab, und an
ihren Geſinnungen hatte ſich nichts geändert.

Etwas mehr als drei Jahre währte die Ruhe. Jnzwiſchen ſammelte
Erlembald, jetzt der einzige Führer, weitere Anhänger unter Laien und
Geiſtlichen und feſtigte ſeine Partei. Dann begann er aufs neue zu
wühlen, nunmehr mit dem Ziel, den Erzbiſchof zu verdrängen und einen
anderen zu erheben, gemäß den Grundſätzen der neuen Zeit. Darüber
verſtändigte er ſich bei einem Beſuche Roms mit dem Papſt, dann er-
öffnete er den Angriff auf Wido. Dieſer, alt und gebrechlich und der
Kämpfe müde, willigte in die Abdankung, wahrte aber das Recht der
Krone und ſandte Ring und Stab an den König. Heinrich IV. hatte bis
dahin in die Mailänder Wirren nicht in erkennbarer Weiſe einge-
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Geiſtlichen namens Gotfried, der auch am deutſchen Hofe wohlbekannt

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[339/0348] Mailand ſchahen, und von Rom aus kam man ihr zu Hilfe. Eine römiſche Synode verhängte über den Erzbiſchof „wegen hochmütiger Auflehnung gegen den apoſtoliſchen Stuhl“ das Verbot der Amtsausübung. Die Maß- regel blieb nicht ohne Wirkung, Wido räumte die Stadt, in die Er- lembald als Sieger einzog. Er hatte ſeine Anhänger geſammelt und Rache für die Ermordung Arialds ſchwören laſſen, die er dem Erzbiſchof ſchuld gab. Die begleitenden Umſtände, unter denen dieſe Vorgänge ſich ab- ſpielten, Plünderungen, Brand und Blutvergießen, gaben dem Papſt Gelegenheit, zum zweitenmal ſchlichtend einzuſchreiten. Anders als vor ſieben Jahren fand er keinen Widerſpruch. Am 1. Auguſt 1067 konnten ſeine Legaten den Frieden diktieren. Wie er zuſtande gekommen iſt, wiſſen wir nicht, aber er trägt das Gepräge von Zugeſtändniſſen nach beiden Seiten. Der Erzbiſchof durfte ſein Amt wieder übernehmen, und das Volk wurde angewieſen, ſich ihm zu unterwerfen. Wegen der ſtattgehabten Untaten erfolgte keine Strafe, nur ſollten ſie ſich nicht wiederholen. Den Geiſtlichen wurden Kauf von Kirchenämtern und Zu- ſammenleben mit Frauen aufs neue gemäß früheren Verfügungen, zu- gleich aber den Laien eigenmächtiges Vorgehen gegen Verdächtige und Schuldige verboten; erſt wenn die geiſtlichen Oberen verſagten, ſollten ſie eingreifen dürfen. Nach den vorausgegangenen ſchroffen Maßregeln war das von päpſtlicher Seite ein Rückzug, entſchieden aber war damit noch nichts. Die Verſchwörung der Pataria blieb beſtehen, die Beob- achtung des Friedens hing vom guten Willen der Parteien ab, und an ihren Geſinnungen hatte ſich nichts geändert. Etwas mehr als drei Jahre währte die Ruhe. Jnzwiſchen ſammelte Erlembald, jetzt der einzige Führer, weitere Anhänger unter Laien und Geiſtlichen und feſtigte ſeine Partei. Dann begann er aufs neue zu wühlen, nunmehr mit dem Ziel, den Erzbiſchof zu verdrängen und einen anderen zu erheben, gemäß den Grundſätzen der neuen Zeit. Darüber verſtändigte er ſich bei einem Beſuche Roms mit dem Papſt, dann er- öffnete er den Angriff auf Wido. Dieſer, alt und gebrechlich und der Kämpfe müde, willigte in die Abdankung, wahrte aber das Recht der Krone und ſandte Ring und Stab an den König. Heinrich IV. hatte bis dahin in die Mailänder Wirren nicht in erkennbarer Weiſe einge- griffen, jetzt erteilte er dem Boten des Erzbiſchofs, einem vornehmen Geiſtlichen namens Gotfried, der auch am deutſchen Hofe wohlbekannt

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 339. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/348>, abgerufen am 19.09.2020.