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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Mailand
brachte ihr neue Kraft. An die Stelle Landulfs, der einem Lungenleiden
erlag, trat sein Bruder Erlembald, in der Gesinnung ihm gleich, im
übrigen überlegen. Seine glänzende ritterliche Persönlichkeit gewann
neue Anhänger, besonders in den obern Schichten von Adel und Bürger-
schaft. Jn die Verwaltung der Kirche griff er ein, verhinderte Maß-
regeln, die er für simonistisch erklärte, und berief sich auf Weisungen aus
Rom. Deren sind einige in der Tat vorhanden: Befehle an Klerus und
Laien, simonistischen und verheirateten Geistlichen ihre Pfründen zu
entziehen, ihren Gottesdienst zu meiden. Daraufhin begann von neuem
die Verfolgung der Geistlichen, die den Verschworenen Anstoß gaben,
und als der Erzbischof dagegen einzuschreiten versuchte, wurde er selbst
das Ziel der Angriffe. Es scheint, daß man ihm vorwerfen konnte, sich
nicht an die Ordnung zu halten, die unter Petrus Damiani im Jahr
1060 aufgestellt war. Alexander II. beobachtete zunächst Zurückhaltung.
Es ist ein Bruchstück aus einem Erlaß von ihm an die Mailänder
erhalten, worin sie angewiesen werden, ihrem Erzbischof zu gehorchen,
solange er dem heiligen Petrus gehorche. Als aber Erlembald persönlich
in Rom erschien, um gegen Wido Anklage zu erheben, hatte er Erfolg.
Er durfte mit einer Erklärung zurückkehren, daß der Mailänder Erz-
bischof als offenkundiger Simonist ausgeschlossen sei.

Das brachte das glimmende Feuer zum Auflodern. Jm Vertrauen
darauf, daß der Stolz der Bürgerschaft diesen Angriff auf die Würde
der Kirche nicht ertragen werde -- denn einen Vorgang, der die Unter-
stellung Mailands unter römisches Strafurteil erwiesen hätte, kannte
man nicht -- raffte sich Erzbischof Wido zum Widerstand auf. Am
Pfingsttag (4. Juni) 1066 erhob er vor versammelter Gemeinde im
Dom laute Beschwerde gegen den Papst. Ariald und Erlembald wider-
sprachen ihm und waren in dem ausbrechenden Tumult die Stärkeren,
der Erzbischof selbst wurde halbtot geschlagen. Tags darauf aber wandte
sich das Blatt, die Erzbischöflichen fielen über die Patarener her und
brachten ihnen eine Niederlage bei. Als Wido das Jnterdikt verhängte,
hielt Ariald selbst es für geraten, die Stadt zu verlassen und sich draußen
versteckt zu halten. Er wurde entdeckt, gefangen und grausam umgebracht.

Die folgenden Ereignisse sind schwer zu erkennen. Zunächst gehorchte
wieder die Stadt dem Erzbischof, auch Erlembald verhielt sich still.
Dann aber zeigte sich, daß die Pataria durch das Geschehene gewonnen
hatte. Sie hatte jetzt einen Märtyrer, an dessen Leiche Wunder ge-

Mailand
brachte ihr neue Kraft. An die Stelle Landulfs, der einem Lungenleiden
erlag, trat ſein Bruder Erlembald, in der Geſinnung ihm gleich, im
übrigen überlegen. Seine glänzende ritterliche Perſönlichkeit gewann
neue Anhänger, beſonders in den obern Schichten von Adel und Bürger-
ſchaft. Jn die Verwaltung der Kirche griff er ein, verhinderte Maß-
regeln, die er für ſimoniſtiſch erklärte, und berief ſich auf Weiſungen aus
Rom. Deren ſind einige in der Tat vorhanden: Befehle an Klerus und
Laien, ſimoniſtiſchen und verheirateten Geiſtlichen ihre Pfründen zu
entziehen, ihren Gottesdienſt zu meiden. Daraufhin begann von neuem
die Verfolgung der Geiſtlichen, die den Verſchworenen Anſtoß gaben,
und als der Erzbiſchof dagegen einzuſchreiten verſuchte, wurde er ſelbſt
das Ziel der Angriffe. Es ſcheint, daß man ihm vorwerfen konnte, ſich
nicht an die Ordnung zu halten, die unter Petrus Damiani im Jahr
1060 aufgeſtellt war. Alexander II. beobachtete zunächſt Zurückhaltung.
Es iſt ein Bruchſtück aus einem Erlaß von ihm an die Mailänder
erhalten, worin ſie angewieſen werden, ihrem Erzbiſchof zu gehorchen,
ſolange er dem heiligen Petrus gehorche. Als aber Erlembald perſönlich
in Rom erſchien, um gegen Wido Anklage zu erheben, hatte er Erfolg.
Er durfte mit einer Erklärung zurückkehren, daß der Mailänder Erz-
biſchof als offenkundiger Simoniſt ausgeſchloſſen ſei.

Das brachte das glimmende Feuer zum Auflodern. Jm Vertrauen
darauf, daß der Stolz der Bürgerſchaft dieſen Angriff auf die Würde
der Kirche nicht ertragen werde — denn einen Vorgang, der die Unter-
ſtellung Mailands unter römiſches Strafurteil erwieſen hätte, kannte
man nicht — raffte ſich Erzbiſchof Wido zum Widerſtand auf. Am
Pfingſttag (4. Juni) 1066 erhob er vor verſammelter Gemeinde im
Dom laute Beſchwerde gegen den Papſt. Ariald und Erlembald wider-
ſprachen ihm und waren in dem ausbrechenden Tumult die Stärkeren,
der Erzbiſchof ſelbſt wurde halbtot geſchlagen. Tags darauf aber wandte
ſich das Blatt, die Erzbiſchöflichen fielen über die Patarener her und
brachten ihnen eine Niederlage bei. Als Wido das Jnterdikt verhängte,
hielt Ariald ſelbſt es für geraten, die Stadt zu verlaſſen und ſich draußen
verſteckt zu halten. Er wurde entdeckt, gefangen und grauſam umgebracht.

Die folgenden Ereigniſſe ſind ſchwer zu erkennen. Zunächſt gehorchte
wieder die Stadt dem Erzbiſchof, auch Erlembald verhielt ſich ſtill.
Dann aber zeigte ſich, daß die Pataria durch das Geſchehene gewonnen
hatte. Sie hatte jetzt einen Märtyrer, an deſſen Leiche Wunder ge-

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[338/0347] Mailand brachte ihr neue Kraft. An die Stelle Landulfs, der einem Lungenleiden erlag, trat ſein Bruder Erlembald, in der Geſinnung ihm gleich, im übrigen überlegen. Seine glänzende ritterliche Perſönlichkeit gewann neue Anhänger, beſonders in den obern Schichten von Adel und Bürger- ſchaft. Jn die Verwaltung der Kirche griff er ein, verhinderte Maß- regeln, die er für ſimoniſtiſch erklärte, und berief ſich auf Weiſungen aus Rom. Deren ſind einige in der Tat vorhanden: Befehle an Klerus und Laien, ſimoniſtiſchen und verheirateten Geiſtlichen ihre Pfründen zu entziehen, ihren Gottesdienſt zu meiden. Daraufhin begann von neuem die Verfolgung der Geiſtlichen, die den Verſchworenen Anſtoß gaben, und als der Erzbiſchof dagegen einzuſchreiten verſuchte, wurde er ſelbſt das Ziel der Angriffe. Es ſcheint, daß man ihm vorwerfen konnte, ſich nicht an die Ordnung zu halten, die unter Petrus Damiani im Jahr 1060 aufgeſtellt war. Alexander II. beobachtete zunächſt Zurückhaltung. Es iſt ein Bruchſtück aus einem Erlaß von ihm an die Mailänder erhalten, worin ſie angewieſen werden, ihrem Erzbiſchof zu gehorchen, ſolange er dem heiligen Petrus gehorche. Als aber Erlembald perſönlich in Rom erſchien, um gegen Wido Anklage zu erheben, hatte er Erfolg. Er durfte mit einer Erklärung zurückkehren, daß der Mailänder Erz- biſchof als offenkundiger Simoniſt ausgeſchloſſen ſei. Das brachte das glimmende Feuer zum Auflodern. Jm Vertrauen darauf, daß der Stolz der Bürgerſchaft dieſen Angriff auf die Würde der Kirche nicht ertragen werde — denn einen Vorgang, der die Unter- ſtellung Mailands unter römiſches Strafurteil erwieſen hätte, kannte man nicht — raffte ſich Erzbiſchof Wido zum Widerſtand auf. Am Pfingſttag (4. Juni) 1066 erhob er vor verſammelter Gemeinde im Dom laute Beſchwerde gegen den Papſt. Ariald und Erlembald wider- ſprachen ihm und waren in dem ausbrechenden Tumult die Stärkeren, der Erzbiſchof ſelbſt wurde halbtot geſchlagen. Tags darauf aber wandte ſich das Blatt, die Erzbiſchöflichen fielen über die Patarener her und brachten ihnen eine Niederlage bei. Als Wido das Jnterdikt verhängte, hielt Ariald ſelbſt es für geraten, die Stadt zu verlaſſen und ſich draußen verſteckt zu halten. Er wurde entdeckt, gefangen und grauſam umgebracht. Die folgenden Ereigniſſe ſind ſchwer zu erkennen. Zunächſt gehorchte wieder die Stadt dem Erzbiſchof, auch Erlembald verhielt ſich ſtill. Dann aber zeigte ſich, daß die Pataria durch das Geſchehene gewonnen hatte. Sie hatte jetzt einen Märtyrer, an deſſen Leiche Wunder ge-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 338. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/347>, abgerufen am 20.09.2020.