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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Spanien. -- Mailand
Bewegung setzen. Schon hatten die Losung des Glaubenskampfes und
die Aussicht auf Beute ihre verlockende Wirkung auf den abenteuernden
Sinn französischer Ritter zu üben begonnen. Mit Unterstützung einer
herbeigekommenen Schar, an der wiederum die Normannen in erster
Reihe beteiligt waren, glückte im Jahr 1064 die Einnahme der wichtigen
Festungsstadt Barbastro. Sie ging freilich dank der Zuchtlosigkeit der
Eroberer bald wieder verloren, aber der Gedanke, ein Christenheer
zum Kampf gegen die Ungläubigen nach Spanien aufzubieten, war da-
mit nicht abgetan, die Erfolge des Papstes auf kirchlichem Gebiet gaben
ihm neue Nahrung, und im Jahre 1072 nahm er feste Gestalt an. Ein
ehrgeiziger Herr aus der Champagne, der Graf von Roucy, dessen
Schwester die Gemahlin Sanchos von Aragon war, faßte den Plan
oder ließ sich für ihn gewinnen, mit bewaffneter Macht seinem Schwa-
ger zu Hilfe zu eilen. Der Papst zögerte nicht, jedem, der sich am Zuge
beteiligen würde und gebeichtet hätte, die Buße zu erlassen und Ver-
gebung der Sünden zu erteilen. Mit dem Grafen kam außerdem, ver-
mutlich im geheimen, ein Vertrag zustande, wonach er alles, was er
vom Lande der Ungläubigen erobern würde, als Lehen des heiligen
Petrus besitzen sollte. Da konnte also auf spanischem Boden ein päpst-
licher Lehnsstaat entstehen, ähnlich denen, die in Unteritalien bereits
bestanden. Weiteres hat Alexander II. nicht mehr erlebt, zur Erbschaft,
die er dem Nachfolger hinterließ, gehörte mit vielem andern das
spanische Unternehmen.

Einen schwierigen Teil dieser Erbschaft bildete die Mailänder An-
gelegenheit. Jhr kommt für die weitere Entwicklung der Dinge größte
Bedeutung zu. Wir werden sie daher zurückgreifend näher kennenzu-
lernen haben.

Der Friede, den Erzbischof Wido sich durch Unterwerfung unter
Rom erkauft hatte*), konnte nicht von langer Dauer sein. Die Pataria
war gedämpft, aber erloschen war sie nicht. Jn den Jahren, da zwischen
Alexander II. und Honorius II. die Wage schwankte, scheint der Erz-
bischof die Oberhand gehabt zu haben; als die Entscheidung über das
Papsttum gefallen war, lebte die revolutionäre Bewegung wieder auf.
Daß sie von Rom aus geschürt wurde, wie die mailändische Über-
lieferung meldet, ist kaum zu bezweifeln. Ein Wechsel in der Führung

*) Siehe oben S. 309 f.
Haller, Das Papsttum II1 22

Spanien. — Mailand
Bewegung ſetzen. Schon hatten die Loſung des Glaubenskampfes und
die Ausſicht auf Beute ihre verlockende Wirkung auf den abenteuernden
Sinn franzöſiſcher Ritter zu üben begonnen. Mit Unterſtützung einer
herbeigekommenen Schar, an der wiederum die Normannen in erſter
Reihe beteiligt waren, glückte im Jahr 1064 die Einnahme der wichtigen
Feſtungsſtadt Barbaſtro. Sie ging freilich dank der Zuchtloſigkeit der
Eroberer bald wieder verloren, aber der Gedanke, ein Chriſtenheer
zum Kampf gegen die Ungläubigen nach Spanien aufzubieten, war da-
mit nicht abgetan, die Erfolge des Papſtes auf kirchlichem Gebiet gaben
ihm neue Nahrung, und im Jahre 1072 nahm er feſte Geſtalt an. Ein
ehrgeiziger Herr aus der Champagne, der Graf von Roucy, deſſen
Schweſter die Gemahlin Sanchos von Aragon war, faßte den Plan
oder ließ ſich für ihn gewinnen, mit bewaffneter Macht ſeinem Schwa-
ger zu Hilfe zu eilen. Der Papſt zögerte nicht, jedem, der ſich am Zuge
beteiligen würde und gebeichtet hätte, die Buße zu erlaſſen und Ver-
gebung der Sünden zu erteilen. Mit dem Grafen kam außerdem, ver-
mutlich im geheimen, ein Vertrag zuſtande, wonach er alles, was er
vom Lande der Ungläubigen erobern würde, als Lehen des heiligen
Petrus beſitzen ſollte. Da konnte alſo auf ſpaniſchem Boden ein päpſt-
licher Lehnsſtaat entſtehen, ähnlich denen, die in Unteritalien bereits
beſtanden. Weiteres hat Alexander II. nicht mehr erlebt, zur Erbſchaft,
die er dem Nachfolger hinterließ, gehörte mit vielem andern das
ſpaniſche Unternehmen.

Einen ſchwierigen Teil dieſer Erbſchaft bildete die Mailänder An-
gelegenheit. Jhr kommt für die weitere Entwicklung der Dinge größte
Bedeutung zu. Wir werden ſie daher zurückgreifend näher kennenzu-
lernen haben.

Der Friede, den Erzbiſchof Wido ſich durch Unterwerfung unter
Rom erkauft hatte*), konnte nicht von langer Dauer ſein. Die Pataria
war gedämpft, aber erloſchen war ſie nicht. Jn den Jahren, da zwiſchen
Alexander II. und Honorius II. die Wage ſchwankte, ſcheint der Erz-
biſchof die Oberhand gehabt zu haben; als die Entſcheidung über das
Papſttum gefallen war, lebte die revolutionäre Bewegung wieder auf.
Daß ſie von Rom aus geſchürt wurde, wie die mailändiſche Über-
lieferung meldet, iſt kaum zu bezweifeln. Ein Wechſel in der Führung

*) Siehe oben S. 309 f.
Haller, Das Papſttum II1 22
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[337/0346] Spanien. — Mailand Bewegung ſetzen. Schon hatten die Loſung des Glaubenskampfes und die Ausſicht auf Beute ihre verlockende Wirkung auf den abenteuernden Sinn franzöſiſcher Ritter zu üben begonnen. Mit Unterſtützung einer herbeigekommenen Schar, an der wiederum die Normannen in erſter Reihe beteiligt waren, glückte im Jahr 1064 die Einnahme der wichtigen Feſtungsſtadt Barbaſtro. Sie ging freilich dank der Zuchtloſigkeit der Eroberer bald wieder verloren, aber der Gedanke, ein Chriſtenheer zum Kampf gegen die Ungläubigen nach Spanien aufzubieten, war da- mit nicht abgetan, die Erfolge des Papſtes auf kirchlichem Gebiet gaben ihm neue Nahrung, und im Jahre 1072 nahm er feſte Geſtalt an. Ein ehrgeiziger Herr aus der Champagne, der Graf von Roucy, deſſen Schweſter die Gemahlin Sanchos von Aragon war, faßte den Plan oder ließ ſich für ihn gewinnen, mit bewaffneter Macht ſeinem Schwa- ger zu Hilfe zu eilen. Der Papſt zögerte nicht, jedem, der ſich am Zuge beteiligen würde und gebeichtet hätte, die Buße zu erlaſſen und Ver- gebung der Sünden zu erteilen. Mit dem Grafen kam außerdem, ver- mutlich im geheimen, ein Vertrag zuſtande, wonach er alles, was er vom Lande der Ungläubigen erobern würde, als Lehen des heiligen Petrus beſitzen ſollte. Da konnte alſo auf ſpaniſchem Boden ein päpſt- licher Lehnsſtaat entſtehen, ähnlich denen, die in Unteritalien bereits beſtanden. Weiteres hat Alexander II. nicht mehr erlebt, zur Erbſchaft, die er dem Nachfolger hinterließ, gehörte mit vielem andern das ſpaniſche Unternehmen. Einen ſchwierigen Teil dieſer Erbſchaft bildete die Mailänder An- gelegenheit. Jhr kommt für die weitere Entwicklung der Dinge größte Bedeutung zu. Wir werden ſie daher zurückgreifend näher kennenzu- lernen haben. Der Friede, den Erzbiſchof Wido ſich durch Unterwerfung unter Rom erkauft hatte *), konnte nicht von langer Dauer ſein. Die Pataria war gedämpft, aber erloſchen war ſie nicht. Jn den Jahren, da zwiſchen Alexander II. und Honorius II. die Wage ſchwankte, ſcheint der Erz- biſchof die Oberhand gehabt zu haben; als die Entſcheidung über das Papſttum gefallen war, lebte die revolutionäre Bewegung wieder auf. Daß ſie von Rom aus geſchürt wurde, wie die mailändiſche Über- lieferung meldet, iſt kaum zu bezweifeln. Ein Wechſel in der Führung *) Siehe oben S. 309 f. Haller, Das Papſttum II1 22

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 337. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/346>, abgerufen am 19.09.2020.