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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Spanien
Enkel Sanchos des Alten, sich entschloß, nach Rom zu gehen und sich und
sein Land der Schutzherrschaft des heiligen Petrus zu unterwerfen. Zu
Ostern 1068 war es, daß die Lehnshoheit des Papstes in dieser Weise
auf der Jberischen Halbinsel Fuß faßte.

Eine andere Aufgabe hatte Hugo nicht gelöst, zur Annahme des
römischen Gottesdienstes hatte er die spanischen Kirchen nicht bewegen
können. Zwei Legaten, die ihm folgten, waren nicht glücklicher, vielmehr
sandten nun die Bischöfe von Leon-Kastilien und Navarra drei aus ihrer
Mitte nach Rom, denen es nach spanischer Überlieferung gelungen sein
soll, beim Papst die ausdrückliche Billigung des alten Ritus zu erwirken.
Aragon dagegen zog die Folgerung aus seiner Unterwerfung unter Rom.
Bei einem zweiten Aufenthalt in diesem Land im Frühjahr 1071 er-
reichte Hugo der Weiße, daß hier die einheimische Liturgie abgeschafft
und die römische eingeführt wurde. Für ihn persönlich bekam der Erfolg
einen bitteren Nachgeschmack: von den Mönchen von Cluny, deren
Kreise er gestört hatte, wurde er in Rom der Käuflichkeit angeklagt
und im Frühjahr 1073 aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Seinem
Werk tat das keinen Abbruch, zwischen Rom und den spanischen Kirchen
war die Beziehung hergestellt.

Es waren Anfänge, aber sie versprachen guten Fortgang. Nirgends
war für die Predigt der Kirche der geistige Boden empfänglicher. Jm
steten Krieg gegen Araber und Berbern, der seit der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts mit wachsendem Erfolg geführt wurde, schlug im
Volk jene erhitzte, leidenschaftliche Religiosität Wurzeln, die seitdem
für Jahrhunderte einen Charakterzug der spanischen Nation gebildet
hat. Da sah man bald Könige für ihre Sünden öffentlich Buße tun,
einen von ihnen den Sohn einem Kloster übergeben, einen andern
abdanken und selber Mönch werden, einen dritten seine Reiche geist-
lichen Orden vermachen. Reichlicher als irgendwo sonst in dieser Zeit
flossen hier die Stiftungen und Schenkungen. Wie nahe mußte es
solchem Empfinden liegen, den Kampf gegen die Ungläubigen unter das
Zeichen des Heiligen und Apostels zu stellen, von dem man hörte, daß
ihn der Heiland zum Hüter am Tor des Paradieses bestellt habe! Das
bot neben der sicheren Aussicht für das Jenseits nicht zu unterschätzende
unmittelbare Vorteile: der Segen des Papstes stärkte nicht nur den
Mut der Streiter, er vermehrte unter Umständen ihre Zahl, denn er
konnte die Kräfte des Abendlands für den Krieg der "Reconquista" in

Spanien
Enkel Sanchos des Alten, ſich entſchloß, nach Rom zu gehen und ſich und
ſein Land der Schutzherrſchaft des heiligen Petrus zu unterwerfen. Zu
Oſtern 1068 war es, daß die Lehnshoheit des Papſtes in dieſer Weiſe
auf der Jberiſchen Halbinſel Fuß faßte.

Eine andere Aufgabe hatte Hugo nicht gelöſt, zur Annahme des
römiſchen Gottesdienſtes hatte er die ſpaniſchen Kirchen nicht bewegen
können. Zwei Legaten, die ihm folgten, waren nicht glücklicher, vielmehr
ſandten nun die Biſchöfe von Leon-Kaſtilien und Navarra drei aus ihrer
Mitte nach Rom, denen es nach ſpaniſcher Überlieferung gelungen ſein
ſoll, beim Papſt die ausdrückliche Billigung des alten Ritus zu erwirken.
Aragon dagegen zog die Folgerung aus ſeiner Unterwerfung unter Rom.
Bei einem zweiten Aufenthalt in dieſem Land im Frühjahr 1071 er-
reichte Hugo der Weiße, daß hier die einheimiſche Liturgie abgeſchafft
und die römiſche eingeführt wurde. Für ihn perſönlich bekam der Erfolg
einen bitteren Nachgeſchmack: von den Mönchen von Cluny, deren
Kreiſe er geſtört hatte, wurde er in Rom der Käuflichkeit angeklagt
und im Frühjahr 1073 aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen. Seinem
Werk tat das keinen Abbruch, zwiſchen Rom und den ſpaniſchen Kirchen
war die Beziehung hergeſtellt.

Es waren Anfänge, aber ſie verſprachen guten Fortgang. Nirgends
war für die Predigt der Kirche der geiſtige Boden empfänglicher. Jm
ſteten Krieg gegen Araber und Berbern, der ſeit der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts mit wachſendem Erfolg geführt wurde, ſchlug im
Volk jene erhitzte, leidenſchaftliche Religioſität Wurzeln, die ſeitdem
für Jahrhunderte einen Charakterzug der ſpaniſchen Nation gebildet
hat. Da ſah man bald Könige für ihre Sünden öffentlich Buße tun,
einen von ihnen den Sohn einem Kloſter übergeben, einen andern
abdanken und ſelber Mönch werden, einen dritten ſeine Reiche geiſt-
lichen Orden vermachen. Reichlicher als irgendwo ſonſt in dieſer Zeit
floſſen hier die Stiftungen und Schenkungen. Wie nahe mußte es
ſolchem Empfinden liegen, den Kampf gegen die Ungläubigen unter das
Zeichen des Heiligen und Apoſtels zu ſtellen, von dem man hörte, daß
ihn der Heiland zum Hüter am Tor des Paradieſes beſtellt habe! Das
bot neben der ſicheren Ausſicht für das Jenſeits nicht zu unterſchätzende
unmittelbare Vorteile: der Segen des Papſtes ſtärkte nicht nur den
Mut der Streiter, er vermehrte unter Umſtänden ihre Zahl, denn er
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[336/0345] Spanien Enkel Sanchos des Alten, ſich entſchloß, nach Rom zu gehen und ſich und ſein Land der Schutzherrſchaft des heiligen Petrus zu unterwerfen. Zu Oſtern 1068 war es, daß die Lehnshoheit des Papſtes in dieſer Weiſe auf der Jberiſchen Halbinſel Fuß faßte. Eine andere Aufgabe hatte Hugo nicht gelöſt, zur Annahme des römiſchen Gottesdienſtes hatte er die ſpaniſchen Kirchen nicht bewegen können. Zwei Legaten, die ihm folgten, waren nicht glücklicher, vielmehr ſandten nun die Biſchöfe von Leon-Kaſtilien und Navarra drei aus ihrer Mitte nach Rom, denen es nach ſpaniſcher Überlieferung gelungen ſein ſoll, beim Papſt die ausdrückliche Billigung des alten Ritus zu erwirken. Aragon dagegen zog die Folgerung aus ſeiner Unterwerfung unter Rom. Bei einem zweiten Aufenthalt in dieſem Land im Frühjahr 1071 er- reichte Hugo der Weiße, daß hier die einheimiſche Liturgie abgeſchafft und die römiſche eingeführt wurde. Für ihn perſönlich bekam der Erfolg einen bitteren Nachgeſchmack: von den Mönchen von Cluny, deren Kreiſe er geſtört hatte, wurde er in Rom der Käuflichkeit angeklagt und im Frühjahr 1073 aus der Gemeinſchaft ausgeſchloſſen. Seinem Werk tat das keinen Abbruch, zwiſchen Rom und den ſpaniſchen Kirchen war die Beziehung hergeſtellt. Es waren Anfänge, aber ſie verſprachen guten Fortgang. Nirgends war für die Predigt der Kirche der geiſtige Boden empfänglicher. Jm ſteten Krieg gegen Araber und Berbern, der ſeit der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mit wachſendem Erfolg geführt wurde, ſchlug im Volk jene erhitzte, leidenſchaftliche Religioſität Wurzeln, die ſeitdem für Jahrhunderte einen Charakterzug der ſpaniſchen Nation gebildet hat. Da ſah man bald Könige für ihre Sünden öffentlich Buße tun, einen von ihnen den Sohn einem Kloſter übergeben, einen andern abdanken und ſelber Mönch werden, einen dritten ſeine Reiche geiſt- lichen Orden vermachen. Reichlicher als irgendwo ſonſt in dieſer Zeit floſſen hier die Stiftungen und Schenkungen. Wie nahe mußte es ſolchem Empfinden liegen, den Kampf gegen die Ungläubigen unter das Zeichen des Heiligen und Apoſtels zu ſtellen, von dem man hörte, daß ihn der Heiland zum Hüter am Tor des Paradieſes beſtellt habe! Das bot neben der ſicheren Ausſicht für das Jenſeits nicht zu unterſchätzende unmittelbare Vorteile: der Segen des Papſtes ſtärkte nicht nur den Mut der Streiter, er vermehrte unter Umſtänden ihre Zahl, denn er konnte die Kräfte des Abendlands für den Krieg der „Reconquiſta“ in

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 336. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/345>, abgerufen am 19.09.2020.