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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Spanien
umgekehrt aus Jtalien und Frankreich die Reise zum Grabe des Apostels
Jakobus in Santiago de Compostela nichts Ungewöhnliches war.

Anders wurde es erst im Anfang des elften Jahrhunderts durch Ver-
mittlung von Cluny. König Sancho der Große oder der Alte von Na-
varra (1000-1035), der auch Aragon und Kastilien regierte, stand
unter dem Einfluß des Abtes Odilo und ließ durch ihn die Klöster seines
Landes reformieren. Sanchos Sohn und Erbe, Ferdinand von Kastilien,
zahlte an Cluny jährlich eine große Summe, sein Beispiel fand Nach-
ahmung beim Adel des Landes. Die französische Frömmigkeit hielt ihren
Einzug in Spanien und gewann in der Geistlichkeit Anhang und Ein-
fluß. Drei Bischöfe sind zwischen 1025 und 1065 nach Cluny gezogen,
um dort als Mönche ihr Leben zu beschließen. Auch zu Rom wurden jetzt
die Beziehungen aufgenommen. Es war ein Ereignis, daß ein Sohn
König Sanchos bei Lebzeiten des Vaters als Pilger die Ewige Stadt
aufsuchte und mit Schätzen von Heiligtümern heimkehrte. Von Unter-
werfung unter den Papst, von römischen Eingriffen in das spanische
Kirchenwesen ist freilich noch während eines ganzen Menschenalters
nichts zu spüren. Dazu wurde der Anfang erst unter Alexander II.
gemacht.

Jm Jahre 1065, als Alexander eben auf seinem Thron sich zu be-
festigen begonnen hatte, zog ein römischer Legat über die Pyrenäen, Hugo,
genannt der Weiße, Kardinalpriester vom heiligen Clemens, einer der
merkwürdigsten Männer dieser Zeit. Leo IX. hatte ihn aus dem Kloster
Remiremont in den Vogesen nach Rom mitgenommen, und hier hatte
er unter fünf Päpsten gewirkt. Bei der Spaltung des Jahres 1061 war
er zu Honorius II. übergegangen und mit diesem ausgeschlossen und
verflucht worden, hatte aber bald den Rückweg nach Rom und in die
Dienste Alexanders II. gefunden. Wie es kam, daß er den Auftrag nach
Spanien erhielt, wissen wir nicht. Wollte man ihn entfernen oder hatte
er besondere Erfolge in Aussicht zu stellen gewußt? Beides ist möglich.
Auch von seiner Tätigkeit in Spanien sind die Spuren schwach. Über
zwei Jahre hat er sich dort aufgehalten, in Navarra und Kastilien
Synoden vorgesessen, deren Ergebnis unbekannt ist, dann in Katalonien
den Gottesfrieden und die Grundsätze der Reform verkündigt -- Verbot
des Stellenkaufs, Pflicht der Ehelosigkeit -- und zuletzt Aragon besucht.
Hier endlich ward ihm ein außerordentlicher Erfolg zuteil. Unter seinem
Einfluß muß es geschehen sein, daß der König des Landes, Sancho, ein

Spanien
umgekehrt aus Jtalien und Frankreich die Reiſe zum Grabe des Apoſtels
Jakobus in Santiago de Compoſtela nichts Ungewöhnliches war.

Anders wurde es erſt im Anfang des elften Jahrhunderts durch Ver-
mittlung von Cluny. König Sancho der Große oder der Alte von Na-
varra (1000‒1035), der auch Aragon und Kaſtilien regierte, ſtand
unter dem Einfluß des Abtes Odilo und ließ durch ihn die Klöſter ſeines
Landes reformieren. Sanchos Sohn und Erbe, Ferdinand von Kaſtilien,
zahlte an Cluny jährlich eine große Summe, ſein Beiſpiel fand Nach-
ahmung beim Adel des Landes. Die franzöſiſche Frömmigkeit hielt ihren
Einzug in Spanien und gewann in der Geiſtlichkeit Anhang und Ein-
fluß. Drei Biſchöfe ſind zwiſchen 1025 und 1065 nach Cluny gezogen,
um dort als Mönche ihr Leben zu beſchließen. Auch zu Rom wurden jetzt
die Beziehungen aufgenommen. Es war ein Ereignis, daß ein Sohn
König Sanchos bei Lebzeiten des Vaters als Pilger die Ewige Stadt
aufſuchte und mit Schätzen von Heiligtümern heimkehrte. Von Unter-
werfung unter den Papſt, von römiſchen Eingriffen in das ſpaniſche
Kirchenweſen iſt freilich noch während eines ganzen Menſchenalters
nichts zu ſpüren. Dazu wurde der Anfang erſt unter Alexander II.
gemacht.

Jm Jahre 1065, als Alexander eben auf ſeinem Thron ſich zu be-
feſtigen begonnen hatte, zog ein römiſcher Legat über die Pyrenäen, Hugo,
genannt der Weiße, Kardinalprieſter vom heiligen Clemens, einer der
merkwürdigſten Männer dieſer Zeit. Leo IX. hatte ihn aus dem Kloſter
Remirémont in den Vogeſen nach Rom mitgenommen, und hier hatte
er unter fünf Päpſten gewirkt. Bei der Spaltung des Jahres 1061 war
er zu Honorius II. übergegangen und mit dieſem ausgeſchloſſen und
verflucht worden, hatte aber bald den Rückweg nach Rom und in die
Dienſte Alexanders II. gefunden. Wie es kam, daß er den Auftrag nach
Spanien erhielt, wiſſen wir nicht. Wollte man ihn entfernen oder hatte
er beſondere Erfolge in Ausſicht zu ſtellen gewußt? Beides iſt möglich.
Auch von ſeiner Tätigkeit in Spanien ſind die Spuren ſchwach. Über
zwei Jahre hat er ſich dort aufgehalten, in Navarra und Kaſtilien
Synoden vorgeſeſſen, deren Ergebnis unbekannt iſt, dann in Katalonien
den Gottesfrieden und die Grundſätze der Reform verkündigt — Verbot
des Stellenkaufs, Pflicht der Eheloſigkeit — und zuletzt Aragon beſucht.
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[335/0344] Spanien umgekehrt aus Jtalien und Frankreich die Reiſe zum Grabe des Apoſtels Jakobus in Santiago de Compoſtela nichts Ungewöhnliches war. Anders wurde es erſt im Anfang des elften Jahrhunderts durch Ver- mittlung von Cluny. König Sancho der Große oder der Alte von Na- varra (1000‒1035), der auch Aragon und Kaſtilien regierte, ſtand unter dem Einfluß des Abtes Odilo und ließ durch ihn die Klöſter ſeines Landes reformieren. Sanchos Sohn und Erbe, Ferdinand von Kaſtilien, zahlte an Cluny jährlich eine große Summe, ſein Beiſpiel fand Nach- ahmung beim Adel des Landes. Die franzöſiſche Frömmigkeit hielt ihren Einzug in Spanien und gewann in der Geiſtlichkeit Anhang und Ein- fluß. Drei Biſchöfe ſind zwiſchen 1025 und 1065 nach Cluny gezogen, um dort als Mönche ihr Leben zu beſchließen. Auch zu Rom wurden jetzt die Beziehungen aufgenommen. Es war ein Ereignis, daß ein Sohn König Sanchos bei Lebzeiten des Vaters als Pilger die Ewige Stadt aufſuchte und mit Schätzen von Heiligtümern heimkehrte. Von Unter- werfung unter den Papſt, von römiſchen Eingriffen in das ſpaniſche Kirchenweſen iſt freilich noch während eines ganzen Menſchenalters nichts zu ſpüren. Dazu wurde der Anfang erſt unter Alexander II. gemacht. Jm Jahre 1065, als Alexander eben auf ſeinem Thron ſich zu be- feſtigen begonnen hatte, zog ein römiſcher Legat über die Pyrenäen, Hugo, genannt der Weiße, Kardinalprieſter vom heiligen Clemens, einer der merkwürdigſten Männer dieſer Zeit. Leo IX. hatte ihn aus dem Kloſter Remirémont in den Vogeſen nach Rom mitgenommen, und hier hatte er unter fünf Päpſten gewirkt. Bei der Spaltung des Jahres 1061 war er zu Honorius II. übergegangen und mit dieſem ausgeſchloſſen und verflucht worden, hatte aber bald den Rückweg nach Rom und in die Dienſte Alexanders II. gefunden. Wie es kam, daß er den Auftrag nach Spanien erhielt, wiſſen wir nicht. Wollte man ihn entfernen oder hatte er beſondere Erfolge in Ausſicht zu ſtellen gewußt? Beides iſt möglich. Auch von ſeiner Tätigkeit in Spanien ſind die Spuren ſchwach. Über zwei Jahre hat er ſich dort aufgehalten, in Navarra und Kaſtilien Synoden vorgeſeſſen, deren Ergebnis unbekannt iſt, dann in Katalonien den Gottesfrieden und die Grundſätze der Reform verkündigt — Verbot des Stellenkaufs, Pflicht der Eheloſigkeit — und zuletzt Aragon beſucht. Hier endlich ward ihm ein außerordentlicher Erfolg zuteil. Unter ſeinem Einfluß muß es geſchehen ſein, daß der König des Landes, Sancho, ein

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 335. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/344>, abgerufen am 19.09.2020.