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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Spanien
und Nikolaus I. und zuletzt noch Leo IX. auf dem Wege der Unter-
handlung vergeblich erstrebt hatten, war durch die Waffen der Nor-
mannen erreicht, der Primat Roms über Unteritalien wiederhergestellt.

Jn Unteritalien handelte es sich um verlorengegangenen Besitz; ein
völliges Neuland, das niemals zum kirchlichen Hoheitsbereich des Bi-
schofs von Rom gehört hatte, wurde um dieselbe Zeit gewonnen in
Spanien.

Wir sind gewohnt, von Spanien als von einer Einheit zu reden. Die
Vorstellung, schon für die Gegenwart nur bedingt richtig, wäre für das
Mittelalter und vollends für die Zeit, mit der wir es zu tun haben,
durchaus falsch. Um die Mitte des elften Jahrhunderts zeigt die Halb-
insel das Bild größter Zersplitterung. Die Einheit fehlt sowohl dem
islamischen wie dem christlichen Teil. Das Khalifat Cordova, seit 1030
erloschen, hat sich in eine Anzahl kleinerer und größerer Herrschaften
aufgelöst, die sich Königreiche nennen und durch nichts mehr zusammen-
gehalten werden. Jn dieser Hinsicht sind ihnen die christlichen Reiche
des Nordens, trotz häufiger Bruderkriege und Erbstreitigkeiten, immer-
hin überlegen. Eine unbestrittene Führung behauptet unter ihnen der
König von Leon-Kastilien, der sich als Erbe und Fortsetzer des West-
gotenreiches fühlt und sich zum Zeichen seines Vorranges mit dem
Kaisertitel schmückt. Jhm ordnen sich unter beständigen Grenzverschie-
bungen die Königreiche von Navarra und Aragon unter, zusammen-
gehalten durch die gemeinsame Aufgabe des steten Kampfes gegen die
Ungläubigen, der "Rückeroberung" (reconquista) und seit 1036 auch
durch ein gemeinsames Herrscherhaus. Abseits steht Katalonien, die von
Karl dem Großen geschaffene Spanische Mark, noch immer zum
fränkischen Reich gerechnet und von den christlichen Nachbarn auf der
Halbinsel abgesperrt durch das Berberreich von Zaragoza.

So scharf diese Staaten geographisch vom übrigen Abendland ge-
schieden waren, es fehlte doch keineswegs an Beziehungen. Über die
Pyrenäenpässe hinweg hing Katalonien mit dem Languedoc, Navarra
mit der Gascogne zusammen, dieselben Herrengeschlechter regierten dies-
seits und jenseits der Berge. Um so vollständiger war das Sonderdasein
der spanischen Kirchen. Sie hatten ihr eigenes Recht, ihre eigenen
gottesdienstlichen Formen, und mit Rom fehlte jeder Zusammenhang.
Nicht einmal von Pilgerfahrten zu den Gräbern der Apostelfürsten haben
wir aus Spanien vor dem elften Jahrhundert sichere Kunde, während

Spanien
und Nikolaus I. und zuletzt noch Leo IX. auf dem Wege der Unter-
handlung vergeblich erſtrebt hatten, war durch die Waffen der Nor-
mannen erreicht, der Primat Roms über Unteritalien wiederhergeſtellt.

Jn Unteritalien handelte es ſich um verlorengegangenen Beſitz; ein
völliges Neuland, das niemals zum kirchlichen Hoheitsbereich des Bi-
ſchofs von Rom gehört hatte, wurde um dieſelbe Zeit gewonnen in
Spanien.

Wir ſind gewohnt, von Spanien als von einer Einheit zu reden. Die
Vorſtellung, ſchon für die Gegenwart nur bedingt richtig, wäre für das
Mittelalter und vollends für die Zeit, mit der wir es zu tun haben,
durchaus falſch. Um die Mitte des elften Jahrhunderts zeigt die Halb-
inſel das Bild größter Zerſplitterung. Die Einheit fehlt ſowohl dem
iſlamiſchen wie dem chriſtlichen Teil. Das Khalifat Cordova, ſeit 1030
erloſchen, hat ſich in eine Anzahl kleinerer und größerer Herrſchaften
aufgelöſt, die ſich Königreiche nennen und durch nichts mehr zuſammen-
gehalten werden. Jn dieſer Hinſicht ſind ihnen die chriſtlichen Reiche
des Nordens, trotz häufiger Bruderkriege und Erbſtreitigkeiten, immer-
hin überlegen. Eine unbeſtrittene Führung behauptet unter ihnen der
König von Leon-Kaſtilien, der ſich als Erbe und Fortſetzer des Weſt-
gotenreiches fühlt und ſich zum Zeichen ſeines Vorranges mit dem
Kaiſertitel ſchmückt. Jhm ordnen ſich unter beſtändigen Grenzverſchie-
bungen die Königreiche von Navarra und Aragon unter, zuſammen-
gehalten durch die gemeinſame Aufgabe des ſteten Kampfes gegen die
Ungläubigen, der „Rückeroberung“ (reconquista) und ſeit 1036 auch
durch ein gemeinſames Herrſcherhaus. Abſeits ſteht Katalonien, die von
Karl dem Großen geſchaffene Spaniſche Mark, noch immer zum
fränkiſchen Reich gerechnet und von den chriſtlichen Nachbarn auf der
Halbinſel abgeſperrt durch das Berberreich von Zaragoza.

So ſcharf dieſe Staaten geographiſch vom übrigen Abendland ge-
ſchieden waren, es fehlte doch keineswegs an Beziehungen. Über die
Pyrenäenpäſſe hinweg hing Katalonien mit dem Languedoc, Navarra
mit der Gaſcogne zuſammen, dieſelben Herrengeſchlechter regierten dies-
ſeits und jenſeits der Berge. Um ſo vollſtändiger war das Sonderdaſein
der ſpaniſchen Kirchen. Sie hatten ihr eigenes Recht, ihre eigenen
gottesdienſtlichen Formen, und mit Rom fehlte jeder Zuſammenhang.
Nicht einmal von Pilgerfahrten zu den Gräbern der Apoſtelfürſten haben
wir aus Spanien vor dem elften Jahrhundert ſichere Kunde, während

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[334/0343] Spanien und Nikolaus I. und zuletzt noch Leo IX. auf dem Wege der Unter- handlung vergeblich erſtrebt hatten, war durch die Waffen der Nor- mannen erreicht, der Primat Roms über Unteritalien wiederhergeſtellt. Jn Unteritalien handelte es ſich um verlorengegangenen Beſitz; ein völliges Neuland, das niemals zum kirchlichen Hoheitsbereich des Bi- ſchofs von Rom gehört hatte, wurde um dieſelbe Zeit gewonnen in Spanien. Wir ſind gewohnt, von Spanien als von einer Einheit zu reden. Die Vorſtellung, ſchon für die Gegenwart nur bedingt richtig, wäre für das Mittelalter und vollends für die Zeit, mit der wir es zu tun haben, durchaus falſch. Um die Mitte des elften Jahrhunderts zeigt die Halb- inſel das Bild größter Zerſplitterung. Die Einheit fehlt ſowohl dem iſlamiſchen wie dem chriſtlichen Teil. Das Khalifat Cordova, ſeit 1030 erloſchen, hat ſich in eine Anzahl kleinerer und größerer Herrſchaften aufgelöſt, die ſich Königreiche nennen und durch nichts mehr zuſammen- gehalten werden. Jn dieſer Hinſicht ſind ihnen die chriſtlichen Reiche des Nordens, trotz häufiger Bruderkriege und Erbſtreitigkeiten, immer- hin überlegen. Eine unbeſtrittene Führung behauptet unter ihnen der König von Leon-Kaſtilien, der ſich als Erbe und Fortſetzer des Weſt- gotenreiches fühlt und ſich zum Zeichen ſeines Vorranges mit dem Kaiſertitel ſchmückt. Jhm ordnen ſich unter beſtändigen Grenzverſchie- bungen die Königreiche von Navarra und Aragon unter, zuſammen- gehalten durch die gemeinſame Aufgabe des ſteten Kampfes gegen die Ungläubigen, der „Rückeroberung“ (reconquista) und ſeit 1036 auch durch ein gemeinſames Herrſcherhaus. Abſeits ſteht Katalonien, die von Karl dem Großen geſchaffene Spaniſche Mark, noch immer zum fränkiſchen Reich gerechnet und von den chriſtlichen Nachbarn auf der Halbinſel abgeſperrt durch das Berberreich von Zaragoza. So ſcharf dieſe Staaten geographiſch vom übrigen Abendland ge- ſchieden waren, es fehlte doch keineswegs an Beziehungen. Über die Pyrenäenpäſſe hinweg hing Katalonien mit dem Languedoc, Navarra mit der Gaſcogne zuſammen, dieſelben Herrengeſchlechter regierten dies- ſeits und jenſeits der Berge. Um ſo vollſtändiger war das Sonderdaſein der ſpaniſchen Kirchen. Sie hatten ihr eigenes Recht, ihre eigenen gottesdienſtlichen Formen, und mit Rom fehlte jeder Zuſammenhang. Nicht einmal von Pilgerfahrten zu den Gräbern der Apoſtelfürſten haben wir aus Spanien vor dem elften Jahrhundert ſichere Kunde, während

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 334. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/343>, abgerufen am 19.09.2020.