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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unteritalien
auf Geheiß von König und Papst den Erzstuhl von Canterbury bestieg.
Der gefeierte Gelehrte und Lehrer war am päpstlichen Hof von wieder-
holten Sendungen her wohlbekannt. Alexander II., der geborne Mai-
länder, dem er schon als Landsmann nahestand, zeichnete ihn in un-
gewöhnlicher Weise aus und hätte ihn am liebsten dauernd bei sich
behalten. Lanfrank wiederum fühlte sich innerlich von Rom abhängig.
Die römische Kirche war ihm die Gesamtkirche, alle andern ihre Teile;
was Sankt Peter gebilligt, galt ihm als Recht. Man ist an Bonifatius
erinnert, wenn man ihn in Rom um Rat und Anweisung bitten sieht
in Fällen, die er als Metropolit sehr wohl selbständig hätte entscheiden
können. Diesem Mann konnte Alexander getrost Vertretung und Voll-
macht für strittige Fälle übertragen: sein Urteil sollte gelten wie das
des Papstes selber. Unter der Herrschaft des Eroberers hatte die Kirche
Englands ihre Sonderstellung aufgegeben und schickte sich an, in die
Reihe derer einzutreten, die sich von Rom aus regieren ließen.

Wie in England, so erweiterte sich in Unteritalien durch normännische
Eroberung der Umfang päpstlichen Kirchenregiments. Jn die Zeit Alex-
anders II. fallen die entscheidenden Erfolge Robert Guiscards. Wir
haben sie hier im einzelnen nicht zu verfolgen, uns genügt das Ergebnis,
das auf dem Festland nach harten Kämpfen und manchen Rückschlägen
im Frühling 1071 erreicht wurde. Am 16. April dieses Jahres ergab
sich nach fast dreijähriger Belagerung der letzte griechisch gebliebene
größere Ort, die Hauptstadt Bari. Damit war Apulien unterworfen,
Kalabrien war es schon seit drei Jahren. Gleichzeitig hatte mit der Ein-
nahme von Messina (1061) die Eroberung Siziliens begonnen. Zunächst
mit geringen Kräften betrieben und darum nur langsam fortschreitend,
führte sie doch schon im Januar 1072 zur Einnahme von Palermo und
damit zur Beherrschung der Nordküste. Daß die ganze Jnsel nor-
männisch werden würde, war nur noch eine Frage der Zeit. Mit vollem
Recht konnte der Papst die Siege seiner Vasallen als eigene Erfolge
buchen. Denn wo immer sie die Herren wurden, da wurde er als Lehns-
herr Obereigentümer des Landes und gehörten ihm nach dem Lehns-
vertrag von 1059 Kirchen und Klöster. Großgriechenland wurde römisch.
Verschwunden war mit der staatlichen zugleich die kirchliche Oberhoheit
Konstantinopels, ungehindert konnte der Papst die Kirchen, die Bistümer
organisieren und reformieren und aus den Erzbischöfen und Bischöfen
Unteritaliens sich eine ergebene Gefolgschaft bilden. Was Hadrian I.

Unteritalien
auf Geheiß von König und Papſt den Erzſtuhl von Canterbury beſtieg.
Der gefeierte Gelehrte und Lehrer war am päpſtlichen Hof von wieder-
holten Sendungen her wohlbekannt. Alexander II., der geborne Mai-
länder, dem er ſchon als Landsmann naheſtand, zeichnete ihn in un-
gewöhnlicher Weiſe aus und hätte ihn am liebſten dauernd bei ſich
behalten. Lanfrank wiederum fühlte ſich innerlich von Rom abhängig.
Die römiſche Kirche war ihm die Geſamtkirche, alle andern ihre Teile;
was Sankt Peter gebilligt, galt ihm als Recht. Man iſt an Bonifatius
erinnert, wenn man ihn in Rom um Rat und Anweiſung bitten ſieht
in Fällen, die er als Metropolit ſehr wohl ſelbſtändig hätte entſcheiden
können. Dieſem Mann konnte Alexander getroſt Vertretung und Voll-
macht für ſtrittige Fälle übertragen: ſein Urteil ſollte gelten wie das
des Papſtes ſelber. Unter der Herrſchaft des Eroberers hatte die Kirche
Englands ihre Sonderſtellung aufgegeben und ſchickte ſich an, in die
Reihe derer einzutreten, die ſich von Rom aus regieren ließen.

Wie in England, ſo erweiterte ſich in Unteritalien durch normänniſche
Eroberung der Umfang päpſtlichen Kirchenregiments. Jn die Zeit Alex-
anders II. fallen die entſcheidenden Erfolge Robert Guiscards. Wir
haben ſie hier im einzelnen nicht zu verfolgen, uns genügt das Ergebnis,
das auf dem Feſtland nach harten Kämpfen und manchen Rückſchlägen
im Frühling 1071 erreicht wurde. Am 16. April dieſes Jahres ergab
ſich nach faſt dreijähriger Belagerung der letzte griechiſch gebliebene
größere Ort, die Hauptſtadt Bari. Damit war Apulien unterworfen,
Kalabrien war es ſchon ſeit drei Jahren. Gleichzeitig hatte mit der Ein-
nahme von Meſſina (1061) die Eroberung Siziliens begonnen. Zunächſt
mit geringen Kräften betrieben und darum nur langſam fortſchreitend,
führte ſie doch ſchon im Januar 1072 zur Einnahme von Palermo und
damit zur Beherrſchung der Nordküſte. Daß die ganze Jnſel nor-
männiſch werden würde, war nur noch eine Frage der Zeit. Mit vollem
Recht konnte der Papſt die Siege ſeiner Vaſallen als eigene Erfolge
buchen. Denn wo immer ſie die Herren wurden, da wurde er als Lehns-
herr Obereigentümer des Landes und gehörten ihm nach dem Lehns-
vertrag von 1059 Kirchen und Klöſter. Großgriechenland wurde römiſch.
Verſchwunden war mit der ſtaatlichen zugleich die kirchliche Oberhoheit
Konſtantinopels, ungehindert konnte der Papſt die Kirchen, die Bistümer
organiſieren und reformieren und aus den Erzbiſchöfen und Biſchöfen
Unteritaliens ſich eine ergebene Gefolgſchaft bilden. Was Hadrian I.

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[333/0342] Unteritalien auf Geheiß von König und Papſt den Erzſtuhl von Canterbury beſtieg. Der gefeierte Gelehrte und Lehrer war am päpſtlichen Hof von wieder- holten Sendungen her wohlbekannt. Alexander II., der geborne Mai- länder, dem er ſchon als Landsmann naheſtand, zeichnete ihn in un- gewöhnlicher Weiſe aus und hätte ihn am liebſten dauernd bei ſich behalten. Lanfrank wiederum fühlte ſich innerlich von Rom abhängig. Die römiſche Kirche war ihm die Geſamtkirche, alle andern ihre Teile; was Sankt Peter gebilligt, galt ihm als Recht. Man iſt an Bonifatius erinnert, wenn man ihn in Rom um Rat und Anweiſung bitten ſieht in Fällen, die er als Metropolit ſehr wohl ſelbſtändig hätte entſcheiden können. Dieſem Mann konnte Alexander getroſt Vertretung und Voll- macht für ſtrittige Fälle übertragen: ſein Urteil ſollte gelten wie das des Papſtes ſelber. Unter der Herrſchaft des Eroberers hatte die Kirche Englands ihre Sonderſtellung aufgegeben und ſchickte ſich an, in die Reihe derer einzutreten, die ſich von Rom aus regieren ließen. Wie in England, ſo erweiterte ſich in Unteritalien durch normänniſche Eroberung der Umfang päpſtlichen Kirchenregiments. Jn die Zeit Alex- anders II. fallen die entſcheidenden Erfolge Robert Guiscards. Wir haben ſie hier im einzelnen nicht zu verfolgen, uns genügt das Ergebnis, das auf dem Feſtland nach harten Kämpfen und manchen Rückſchlägen im Frühling 1071 erreicht wurde. Am 16. April dieſes Jahres ergab ſich nach faſt dreijähriger Belagerung der letzte griechiſch gebliebene größere Ort, die Hauptſtadt Bari. Damit war Apulien unterworfen, Kalabrien war es ſchon ſeit drei Jahren. Gleichzeitig hatte mit der Ein- nahme von Meſſina (1061) die Eroberung Siziliens begonnen. Zunächſt mit geringen Kräften betrieben und darum nur langſam fortſchreitend, führte ſie doch ſchon im Januar 1072 zur Einnahme von Palermo und damit zur Beherrſchung der Nordküſte. Daß die ganze Jnſel nor- männiſch werden würde, war nur noch eine Frage der Zeit. Mit vollem Recht konnte der Papſt die Siege ſeiner Vaſallen als eigene Erfolge buchen. Denn wo immer ſie die Herren wurden, da wurde er als Lehns- herr Obereigentümer des Landes und gehörten ihm nach dem Lehns- vertrag von 1059 Kirchen und Klöſter. Großgriechenland wurde römiſch. Verſchwunden war mit der ſtaatlichen zugleich die kirchliche Oberhoheit Konſtantinopels, ungehindert konnte der Papſt die Kirchen, die Bistümer organiſieren und reformieren und aus den Erzbiſchöfen und Biſchöfen Unteritaliens ſich eine ergebene Gefolgſchaft bilden. Was Hadrian I.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 333. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/342>, abgerufen am 19.09.2020.