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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unterwerfung der englischen Kirche
war gering: Stigand behauptete sich, ließ sich das Pallium von
Benedikt X., dem Gegner Nikolaus' II., geben, und die normännische
Gruppe unter den Bischöfen war nicht stark genug, sich durchzusetzen.
Daß der König sich durch Leo IX. vom Gelübde einer Wallfahrt
nach Rom ausdrücklich befreien und dies durch Nikolaus bestätigen
ließ, ist wohl ein Zeichen seiner persönlichen Ergebenheit, verschaffte
aber dem Papst keinen größeren Einfluß. Abseits vom Strom, der
die abendländische Welt ergriffen hatte, ging England seiner Wege
nach alter Art.

Das wurde mit einem Schlage anders, als Wilhelm I. in England
Herr geworden war. Sogleich ging er daran, die kirchlichen Verhält-
nisse der Jnsel denen des Festlands anzugleichen. Man braucht ihm
nicht unterzuschieben, daß ihm die Sache selbst gleichgültig gewesen sei,
aber mindestens ebenso wichtig war ihm, daß die Kirche seines neuen
Reiches ihm gehorche und als Werkzeug zur Beherrschung des Landes
diene. Unter doppeltem Gesichtspunkt betrieb er die Reform: den Klerus
zu säubern und zu heben, zugleich aber alle höheren Ämter, Bistümer
und Abteien, mit zuverlässigen Dienern zu besetzen. Dieses sollte durch
jenes erreicht werden. Auf die Sachsen war im allgemeinen kein Verlaß,
darum mußten die einheimischen Prälaten abtreten und durch solche aus
der Normandie ersetzt werden, allen voran Erzbischof Stigand von
Canterbury, die Stütze von Haralds Königtum. Eine so gründliche Um-
wälzung konnte im Rahmen des gewöhnlichen Kirchenrechts nicht durch-
geführt werden, außerordentliche Maßregeln bedurften zu ihrer Deckung
einer außerordentlichen Autorität. Darum wurde der Papst angerufen
und in seinem Namen das Werk ausgeführt. Drei Legaten kamen im
Jahr 1070 ins Land, hielten Synoden ab und vollzogen die gewünschten
Absetzungen und Ernennungen. Den Rechtsgrund bot wie überall das
Vergehen der Simonie, wenn nicht, wie bei Stigand, dem längst aus-
geschlossenen Anhänger eines Gegenpapstes, schlimmere Dinge vorlagen.
Die neuen Bischöfe, unterstützt von Mönchen der strengen Richtung,
sorgten dafür, daß die Grundsätze, nach denen schon seit zwei Jahr-
zehnten die Reform auf dem Festland von Rom aus betrieben wurde, nun
auch in der Kirche Englands sich einbürgerten. An ihrer Spitze wirkte als
neuer Primas Lanfrank, ein vornehmer Langobarde aus Pavia, der auf
unbekannten Wegen ins Kloster Bec in der Normandie geraten, dann
Abt in Caen und vertrauter Rat des Herzogs geworden war und jetzt


Unterwerfung der engliſchen Kirche
war gering: Stigand behauptete ſich, ließ ſich das Pallium von
Benedikt X., dem Gegner Nikolaus' II., geben, und die normänniſche
Gruppe unter den Biſchöfen war nicht ſtark genug, ſich durchzuſetzen.
Daß der König ſich durch Leo IX. vom Gelübde einer Wallfahrt
nach Rom ausdrücklich befreien und dies durch Nikolaus beſtätigen
ließ, iſt wohl ein Zeichen ſeiner perſönlichen Ergebenheit, verſchaffte
aber dem Papſt keinen größeren Einfluß. Abſeits vom Strom, der
die abendländiſche Welt ergriffen hatte, ging England ſeiner Wege
nach alter Art.

Das wurde mit einem Schlage anders, als Wilhelm I. in England
Herr geworden war. Sogleich ging er daran, die kirchlichen Verhält-
niſſe der Jnſel denen des Feſtlands anzugleichen. Man braucht ihm
nicht unterzuſchieben, daß ihm die Sache ſelbſt gleichgültig geweſen ſei,
aber mindeſtens ebenſo wichtig war ihm, daß die Kirche ſeines neuen
Reiches ihm gehorche und als Werkzeug zur Beherrſchung des Landes
diene. Unter doppeltem Geſichtspunkt betrieb er die Reform: den Klerus
zu ſäubern und zu heben, zugleich aber alle höheren Ämter, Bistümer
und Abteien, mit zuverläſſigen Dienern zu beſetzen. Dieſes ſollte durch
jenes erreicht werden. Auf die Sachſen war im allgemeinen kein Verlaß,
darum mußten die einheimiſchen Prälaten abtreten und durch ſolche aus
der Normandie erſetzt werden, allen voran Erzbiſchof Stigand von
Canterbury, die Stütze von Haralds Königtum. Eine ſo gründliche Um-
wälzung konnte im Rahmen des gewöhnlichen Kirchenrechts nicht durch-
geführt werden, außerordentliche Maßregeln bedurften zu ihrer Deckung
einer außerordentlichen Autorität. Darum wurde der Papſt angerufen
und in ſeinem Namen das Werk ausgeführt. Drei Legaten kamen im
Jahr 1070 ins Land, hielten Synoden ab und vollzogen die gewünſchten
Abſetzungen und Ernennungen. Den Rechtsgrund bot wie überall das
Vergehen der Simonie, wenn nicht, wie bei Stigand, dem längſt aus-
geſchloſſenen Anhänger eines Gegenpapſtes, ſchlimmere Dinge vorlagen.
Die neuen Biſchöfe, unterſtützt von Mönchen der ſtrengen Richtung,
ſorgten dafür, daß die Grundſätze, nach denen ſchon ſeit zwei Jahr-
zehnten die Reform auf dem Feſtland von Rom aus betrieben wurde, nun
auch in der Kirche Englands ſich einbürgerten. An ihrer Spitze wirkte als
neuer Primas Lanfrank, ein vornehmer Langobarde aus Pavia, der auf
unbekannten Wegen ins Kloſter Bec in der Normandie geraten, dann
Abt in Caen und vertrauter Rat des Herzogs geworden war und jetzt

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[332/0341] Unterwerfung der engliſchen Kirche war gering: Stigand behauptete ſich, ließ ſich das Pallium von Benedikt X., dem Gegner Nikolaus' II., geben, und die normänniſche Gruppe unter den Biſchöfen war nicht ſtark genug, ſich durchzuſetzen. Daß der König ſich durch Leo IX. vom Gelübde einer Wallfahrt nach Rom ausdrücklich befreien und dies durch Nikolaus beſtätigen ließ, iſt wohl ein Zeichen ſeiner perſönlichen Ergebenheit, verſchaffte aber dem Papſt keinen größeren Einfluß. Abſeits vom Strom, der die abendländiſche Welt ergriffen hatte, ging England ſeiner Wege nach alter Art. Das wurde mit einem Schlage anders, als Wilhelm I. in England Herr geworden war. Sogleich ging er daran, die kirchlichen Verhält- niſſe der Jnſel denen des Feſtlands anzugleichen. Man braucht ihm nicht unterzuſchieben, daß ihm die Sache ſelbſt gleichgültig geweſen ſei, aber mindeſtens ebenſo wichtig war ihm, daß die Kirche ſeines neuen Reiches ihm gehorche und als Werkzeug zur Beherrſchung des Landes diene. Unter doppeltem Geſichtspunkt betrieb er die Reform: den Klerus zu ſäubern und zu heben, zugleich aber alle höheren Ämter, Bistümer und Abteien, mit zuverläſſigen Dienern zu beſetzen. Dieſes ſollte durch jenes erreicht werden. Auf die Sachſen war im allgemeinen kein Verlaß, darum mußten die einheimiſchen Prälaten abtreten und durch ſolche aus der Normandie erſetzt werden, allen voran Erzbiſchof Stigand von Canterbury, die Stütze von Haralds Königtum. Eine ſo gründliche Um- wälzung konnte im Rahmen des gewöhnlichen Kirchenrechts nicht durch- geführt werden, außerordentliche Maßregeln bedurften zu ihrer Deckung einer außerordentlichen Autorität. Darum wurde der Papſt angerufen und in ſeinem Namen das Werk ausgeführt. Drei Legaten kamen im Jahr 1070 ins Land, hielten Synoden ab und vollzogen die gewünſchten Abſetzungen und Ernennungen. Den Rechtsgrund bot wie überall das Vergehen der Simonie, wenn nicht, wie bei Stigand, dem längſt aus- geſchloſſenen Anhänger eines Gegenpapſtes, ſchlimmere Dinge vorlagen. Die neuen Biſchöfe, unterſtützt von Mönchen der ſtrengen Richtung, ſorgten dafür, daß die Grundſätze, nach denen ſchon ſeit zwei Jahr- zehnten die Reform auf dem Feſtland von Rom aus betrieben wurde, nun auch in der Kirche Englands ſich einbürgerten. An ihrer Spitze wirkte als neuer Primas Lanfrank, ein vornehmer Langobarde aus Pavia, der auf unbekannten Wegen ins Kloſter Bec in der Normandie geraten, dann Abt in Caen und vertrauter Rat des Herzogs geworden war und jetzt

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 332. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/341>, abgerufen am 19.09.2020.