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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Unterwerfung der englischen Kirche

Die glückliche Eroberung Englands war mehr als ein moralischer Er-
folg des Papstes, sie brachte ihm die Unterwerfung der englischen Kirche.
Nicht als ob seine Autorität auf der Jnsel vor 1066 nicht mehr aner-
kannt worden wäre. An Beweisen der Ergebenheit haben die angel-
sächsisch-dänischen Könige es niemals fehlen lassen. Wie von jeher, so
hat man dort bis zuletzt im Papst das geistliche Oberhaupt gesehen, haben
die Erzbischöfe von Canterbury und York das Pallium aus Rom erbeten
und erhalten, haben Bistümer und Klöster sich Rechte bestätigen und
Vorrechte verleihen lassen, nicht zu reden von dem Strom der Pilger,
der sich zu allen Zeiten nach Rom ergoß. Unter ihnen sah man dort eines
Tages (1026) den König Knut selber, den dänischen Eroberer, der die
Verbindung mit Rom wieder enger zu knüpfen suchte, indem er sich und
sein Reich dem besondern Schutz des heiligen Petrus empfahl. Es klingt
wie ein Nachhall aus den Zeiten der Bekehrung, wenn man ihn diesen
Schritt begründen hört: "Jch habe von den Weisen gelernt, daß Sankt
Peter von Gott große Gewalt empfangen hat, zu lösen und zu binden,
und daß er Schlüsselwart des Himmelreichs ist." Aber auf die inner-
kirchlichen Verhältnisse hatte das keinen erkennbaren Einfluß. Wenn
man sich in der Jdee noch so abhängig von Sankt Peter und dem Papst
bekannte, so brachten doch Entfernung und Besonderheiten in den Zu-
ständen des Landes es mit sich, daß die angelsächsische Kirche tatsächlich
in größerer Unabhängigkeit von Rom dahinlebte als die deutsche oder
französische. Jhre Verfassung, ihr Recht, ihre Bräuche wichen von den
festländischen ab, und von Einmischungen in ihr inneres Leben war,
solange in Rom das Stadtpapsttum herrschte, noch weniger als anders-
wo die Rede. Jn mehr als zweihundert Jahren hat England nur ein-
mal (990/991) einen römischen Legaten empfangen, und da lediglich
zur Vermittlung des Friedens mit der Normandie. Auch als das refor-
mierte Papsttum selbst reformierend überall einzugreifen begann, ward
England davon zunächst nur wenig berührt. Wohl brachte Edward III.,
in der Normandie erzogen, bei seiner Thronbesteigung französische Geist-
liche mit, deren mehrere zu Bischöfen erhoben wurden, darunter sogar
der Primas Robert von Canterbury. Aber vor der Auflehnung des säch-
sischen Selbstgefühls mußte Robert weichen, Stigand nahm seine
Stelle ein. Die Beschwerde des Vertriebenen führte nach langer Zeit
wieder einmal zum Eingreifen des Papstes: Leo IX. schloß Stigand
aus, und seine Nachfolger wiederholten die Strafe. Aber der Erfolg

Unterwerfung der engliſchen Kirche

Die glückliche Eroberung Englands war mehr als ein moraliſcher Er-
folg des Papſtes, ſie brachte ihm die Unterwerfung der engliſchen Kirche.
Nicht als ob ſeine Autorität auf der Jnſel vor 1066 nicht mehr aner-
kannt worden wäre. An Beweiſen der Ergebenheit haben die angel-
ſächſiſch-däniſchen Könige es niemals fehlen laſſen. Wie von jeher, ſo
hat man dort bis zuletzt im Papſt das geiſtliche Oberhaupt geſehen, haben
die Erzbiſchöfe von Canterbury und York das Pallium aus Rom erbeten
und erhalten, haben Bistümer und Klöſter ſich Rechte beſtätigen und
Vorrechte verleihen laſſen, nicht zu reden von dem Strom der Pilger,
der ſich zu allen Zeiten nach Rom ergoß. Unter ihnen ſah man dort eines
Tages (1026) den König Knut ſelber, den däniſchen Eroberer, der die
Verbindung mit Rom wieder enger zu knüpfen ſuchte, indem er ſich und
ſein Reich dem beſondern Schutz des heiligen Petrus empfahl. Es klingt
wie ein Nachhall aus den Zeiten der Bekehrung, wenn man ihn dieſen
Schritt begründen hört: „Jch habe von den Weiſen gelernt, daß Sankt
Peter von Gott große Gewalt empfangen hat, zu löſen und zu binden,
und daß er Schlüſſelwart des Himmelreichs iſt.“ Aber auf die inner-
kirchlichen Verhältniſſe hatte das keinen erkennbaren Einfluß. Wenn
man ſich in der Jdee noch ſo abhängig von Sankt Peter und dem Papſt
bekannte, ſo brachten doch Entfernung und Beſonderheiten in den Zu-
ſtänden des Landes es mit ſich, daß die angelſächſiſche Kirche tatſächlich
in größerer Unabhängigkeit von Rom dahinlebte als die deutſche oder
franzöſiſche. Jhre Verfaſſung, ihr Recht, ihre Bräuche wichen von den
feſtländiſchen ab, und von Einmiſchungen in ihr inneres Leben war,
ſolange in Rom das Stadtpapſttum herrſchte, noch weniger als anders-
wo die Rede. Jn mehr als zweihundert Jahren hat England nur ein-
mal (990/991) einen römiſchen Legaten empfangen, und da lediglich
zur Vermittlung des Friedens mit der Normandie. Auch als das refor-
mierte Papſttum ſelbſt reformierend überall einzugreifen begann, ward
England davon zunächſt nur wenig berührt. Wohl brachte Edward III.,
in der Normandie erzogen, bei ſeiner Thronbeſteigung franzöſiſche Geiſt-
liche mit, deren mehrere zu Biſchöfen erhoben wurden, darunter ſogar
der Primas Robert von Canterbury. Aber vor der Auflehnung des ſäch-
ſiſchen Selbſtgefühls mußte Robert weichen, Stigand nahm ſeine
Stelle ein. Die Beſchwerde des Vertriebenen führte nach langer Zeit
wieder einmal zum Eingreifen des Papſtes: Leo IX. ſchloß Stigand
aus, und ſeine Nachfolger wiederholten die Strafe. Aber der Erfolg

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[331/0340] Unterwerfung der engliſchen Kirche Die glückliche Eroberung Englands war mehr als ein moraliſcher Er- folg des Papſtes, ſie brachte ihm die Unterwerfung der engliſchen Kirche. Nicht als ob ſeine Autorität auf der Jnſel vor 1066 nicht mehr aner- kannt worden wäre. An Beweiſen der Ergebenheit haben die angel- ſächſiſch-däniſchen Könige es niemals fehlen laſſen. Wie von jeher, ſo hat man dort bis zuletzt im Papſt das geiſtliche Oberhaupt geſehen, haben die Erzbiſchöfe von Canterbury und York das Pallium aus Rom erbeten und erhalten, haben Bistümer und Klöſter ſich Rechte beſtätigen und Vorrechte verleihen laſſen, nicht zu reden von dem Strom der Pilger, der ſich zu allen Zeiten nach Rom ergoß. Unter ihnen ſah man dort eines Tages (1026) den König Knut ſelber, den däniſchen Eroberer, der die Verbindung mit Rom wieder enger zu knüpfen ſuchte, indem er ſich und ſein Reich dem beſondern Schutz des heiligen Petrus empfahl. Es klingt wie ein Nachhall aus den Zeiten der Bekehrung, wenn man ihn dieſen Schritt begründen hört: „Jch habe von den Weiſen gelernt, daß Sankt Peter von Gott große Gewalt empfangen hat, zu löſen und zu binden, und daß er Schlüſſelwart des Himmelreichs iſt.“ Aber auf die inner- kirchlichen Verhältniſſe hatte das keinen erkennbaren Einfluß. Wenn man ſich in der Jdee noch ſo abhängig von Sankt Peter und dem Papſt bekannte, ſo brachten doch Entfernung und Beſonderheiten in den Zu- ſtänden des Landes es mit ſich, daß die angelſächſiſche Kirche tatſächlich in größerer Unabhängigkeit von Rom dahinlebte als die deutſche oder franzöſiſche. Jhre Verfaſſung, ihr Recht, ihre Bräuche wichen von den feſtländiſchen ab, und von Einmiſchungen in ihr inneres Leben war, ſolange in Rom das Stadtpapſttum herrſchte, noch weniger als anders- wo die Rede. Jn mehr als zweihundert Jahren hat England nur ein- mal (990/991) einen römiſchen Legaten empfangen, und da lediglich zur Vermittlung des Friedens mit der Normandie. Auch als das refor- mierte Papſttum ſelbſt reformierend überall einzugreifen begann, ward England davon zunächſt nur wenig berührt. Wohl brachte Edward III., in der Normandie erzogen, bei ſeiner Thronbeſteigung franzöſiſche Geiſt- liche mit, deren mehrere zu Biſchöfen erhoben wurden, darunter ſogar der Primas Robert von Canterbury. Aber vor der Auflehnung des ſäch- ſiſchen Selbſtgefühls mußte Robert weichen, Stigand nahm ſeine Stelle ein. Die Beſchwerde des Vertriebenen führte nach langer Zeit wieder einmal zum Eingreifen des Papſtes: Leo IX. ſchloß Stigand aus, und ſeine Nachfolger wiederholten die Strafe. Aber der Erfolg

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 331. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/340>, abgerufen am 19.09.2020.