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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Päpstliche Kriegsfahne
bei Cerami der erste größere Erfolg geglückt war (1063), legte ihr Führer,
Graf Roger, dem Papst reiche Geschenke aus der Beute zu Füßen.
Alexander aber erwiderte, indem er ihm und allen, die an der Eroberung
und Behauptung der Jnsel teilnehmen würden, Lossprechung von ihren
Sünden gewährte und dem Heer eine Fahne mit der Weihe des aposto-
lischen Stuhles verlieh, "damit sie", wie ihr Geschichtschreiber sagt,
"im Vertrauen auf den Schutz des heiligen Petrus zuversichtlicher zur
Niederwerfung der Sarazenen ausrückten". Sie kämpften gegen Un-
gläubige, deren Blut zu vergießen -- wie Alexander einmal den Erz-
bischof von Narbonne belehrt hat -- die Kirche nicht als Sünde ansah.
Einen Schritt weiter kam man, als Wilhelm von Montreuil Kampa-
nien zu erobern versuchte. Als Bannerträger des Papstes beseitigte er
nebenbei die Reste der Anhängerschaft des Gegenpapstes. Jn England
fochten zwei Christenheere gegeneinander, der Apostel war unbeteiligt,
und doch wehte seine Fahne dem Eroberer voran, "um ihn" -- es sind
Worte des normännischen Chronisten -- "durch ihre Kraft vor aller
Gefahr zu schützen". Der heilige Petrus als Schutzpatron des Krieges,
Partei ergreifend in den Händeln der Welt, fürwahr ein neues Bild,
das an eigentümlichem Reiz noch gewinnt, wenn man hört, daß die
normännischen Ritter, die bei Hastings unter seinem Banner fochten,
mit dem Schlachtruf ihrer heidnischen Vorfahren "Thor, hilf" gegen
den Feind anstürmten. Da hatte Sankt Peter den Platz und die Aufgabe
des nordischen Donnergottes eingenommen. Nur zu gut begreift man,
daß im Kreise der Kardinäle sich Widerspruch erhob gegen solche Ver-
strickung der Kirche in weltliche Händel und Blutvergießen. Der Wider-
spruch drang nicht durch, und auf der betretenen Bahn ist das Papsttum
mit raschen Schritten weitergegangen. Nicht zufrieden, andere für sich
kämpfen zu lassen, hat es immer öfter selbst Truppen geworben, Schlach-
ten geschlagen und mit dem Schwert siegen wollen, wo das Wort ver-
sagte. Zu der gründlichen Wandlung, die es durchmachte, seit die Erben
der Franken, die Franzosen, von ihm Besitz ergriffen hatten, gehört auch
dies: mit dem kriegerischen Geist, den die germanischen Völker nach
Annahme des Christentums ungebrochen sich bewahrt hatten, erfüllte
sich die römische Kirche, huldigte ihm an ihrem Teil und nährte ihn, in-
dem sie ihm Aufgaben stellte und Ziele wies. Das kriegerische Zeitalter
der abendländischen Kirche hatte begonnen, und oberster Kriegsherr der
christlichen Heerscharen war Sankt Peter, der Papst.

Päpſtliche Kriegsfahne
bei Cerami der erſte größere Erfolg geglückt war (1063), legte ihr Führer,
Graf Roger, dem Papſt reiche Geſchenke aus der Beute zu Füßen.
Alexander aber erwiderte, indem er ihm und allen, die an der Eroberung
und Behauptung der Jnſel teilnehmen würden, Losſprechung von ihren
Sünden gewährte und dem Heer eine Fahne mit der Weihe des apoſto-
liſchen Stuhles verlieh, „damit ſie“, wie ihr Geſchichtſchreiber ſagt,
„im Vertrauen auf den Schutz des heiligen Petrus zuverſichtlicher zur
Niederwerfung der Sarazenen ausrückten“. Sie kämpften gegen Un-
gläubige, deren Blut zu vergießen — wie Alexander einmal den Erz-
biſchof von Narbonne belehrt hat — die Kirche nicht als Sünde anſah.
Einen Schritt weiter kam man, als Wilhelm von Montreuil Kampa-
nien zu erobern verſuchte. Als Bannerträger des Papſtes beſeitigte er
nebenbei die Reſte der Anhängerſchaft des Gegenpapſtes. Jn England
fochten zwei Chriſtenheere gegeneinander, der Apoſtel war unbeteiligt,
und doch wehte ſeine Fahne dem Eroberer voran, „um ihn“ — es ſind
Worte des normänniſchen Chroniſten — „durch ihre Kraft vor aller
Gefahr zu ſchützen“. Der heilige Petrus als Schutzpatron des Krieges,
Partei ergreifend in den Händeln der Welt, fürwahr ein neues Bild,
das an eigentümlichem Reiz noch gewinnt, wenn man hört, daß die
normänniſchen Ritter, die bei Haſtings unter ſeinem Banner fochten,
mit dem Schlachtruf ihrer heidniſchen Vorfahren „Thor, hilf“ gegen
den Feind anſtürmten. Da hatte Sankt Peter den Platz und die Aufgabe
des nordiſchen Donnergottes eingenommen. Nur zu gut begreift man,
daß im Kreiſe der Kardinäle ſich Widerſpruch erhob gegen ſolche Ver-
ſtrickung der Kirche in weltliche Händel und Blutvergießen. Der Wider-
ſpruch drang nicht durch, und auf der betretenen Bahn iſt das Papſttum
mit raſchen Schritten weitergegangen. Nicht zufrieden, andere für ſich
kämpfen zu laſſen, hat es immer öfter ſelbſt Truppen geworben, Schlach-
ten geſchlagen und mit dem Schwert ſiegen wollen, wo das Wort ver-
ſagte. Zu der gründlichen Wandlung, die es durchmachte, ſeit die Erben
der Franken, die Franzoſen, von ihm Beſitz ergriffen hatten, gehört auch
dies: mit dem kriegeriſchen Geiſt, den die germaniſchen Völker nach
Annahme des Chriſtentums ungebrochen ſich bewahrt hatten, erfüllte
ſich die römiſche Kirche, huldigte ihm an ihrem Teil und nährte ihn, in-
dem ſie ihm Aufgaben ſtellte und Ziele wies. Das kriegeriſche Zeitalter
der abendländiſchen Kirche hatte begonnen, und oberſter Kriegsherr der
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[330/0339] Päpſtliche Kriegsfahne bei Cerami der erſte größere Erfolg geglückt war (1063), legte ihr Führer, Graf Roger, dem Papſt reiche Geſchenke aus der Beute zu Füßen. Alexander aber erwiderte, indem er ihm und allen, die an der Eroberung und Behauptung der Jnſel teilnehmen würden, Losſprechung von ihren Sünden gewährte und dem Heer eine Fahne mit der Weihe des apoſto- liſchen Stuhles verlieh, „damit ſie“, wie ihr Geſchichtſchreiber ſagt, „im Vertrauen auf den Schutz des heiligen Petrus zuverſichtlicher zur Niederwerfung der Sarazenen ausrückten“. Sie kämpften gegen Un- gläubige, deren Blut zu vergießen — wie Alexander einmal den Erz- biſchof von Narbonne belehrt hat — die Kirche nicht als Sünde anſah. Einen Schritt weiter kam man, als Wilhelm von Montreuil Kampa- nien zu erobern verſuchte. Als Bannerträger des Papſtes beſeitigte er nebenbei die Reſte der Anhängerſchaft des Gegenpapſtes. Jn England fochten zwei Chriſtenheere gegeneinander, der Apoſtel war unbeteiligt, und doch wehte ſeine Fahne dem Eroberer voran, „um ihn“ — es ſind Worte des normänniſchen Chroniſten — „durch ihre Kraft vor aller Gefahr zu ſchützen“. Der heilige Petrus als Schutzpatron des Krieges, Partei ergreifend in den Händeln der Welt, fürwahr ein neues Bild, das an eigentümlichem Reiz noch gewinnt, wenn man hört, daß die normänniſchen Ritter, die bei Haſtings unter ſeinem Banner fochten, mit dem Schlachtruf ihrer heidniſchen Vorfahren „Thor, hilf“ gegen den Feind anſtürmten. Da hatte Sankt Peter den Platz und die Aufgabe des nordiſchen Donnergottes eingenommen. Nur zu gut begreift man, daß im Kreiſe der Kardinäle ſich Widerſpruch erhob gegen ſolche Ver- ſtrickung der Kirche in weltliche Händel und Blutvergießen. Der Wider- ſpruch drang nicht durch, und auf der betretenen Bahn iſt das Papſttum mit raſchen Schritten weitergegangen. Nicht zufrieden, andere für ſich kämpfen zu laſſen, hat es immer öfter ſelbſt Truppen geworben, Schlach- ten geſchlagen und mit dem Schwert ſiegen wollen, wo das Wort ver- ſagte. Zu der gründlichen Wandlung, die es durchmachte, ſeit die Erben der Franken, die Franzoſen, von ihm Beſitz ergriffen hatten, gehört auch dies: mit dem kriegeriſchen Geiſt, den die germaniſchen Völker nach Annahme des Chriſtentums ungebrochen ſich bewahrt hatten, erfüllte ſich die römiſche Kirche, huldigte ihm an ihrem Teil und nährte ihn, in- dem ſie ihm Aufgaben ſtellte und Ziele wies. Das kriegeriſche Zeitalter der abendländiſchen Kirche hatte begonnen, und oberſter Kriegsherr der chriſtlichen Heerſcharen war Sankt Peter, der Papſt.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 330. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/339>, abgerufen am 19.09.2020.