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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Eroberung Englands
sprach, kann man sich denken. Doch es gab auch Widerspruch, und die
Beratung der Kardinäle war lebhaft. Die Rechtsfrage ließ sich ver-
schieden beantworten, selbst wenn man nicht wußte, daß Harald die Vor-
sicht begangen hatte, sich nicht vom angefochtenen Erzbischof von Canter-
bury, sondern von dem von York krönen zu lassen. Schwerer fielen in die
Wagschale die Eröffnungen, die Wilhelm machen ließ. Er versprach,
als König die englische Kirche nach römischen Grundsätzen zu refor-
mieren, die in Vergessenheit geratene jährliche Steuer, den Peters-
pfennig, regelmäßig zu entrichten und -- so wenigstens wurden die Er-
öffnungen des Gesandten verstanden -- sein Königreich vom heiligen
Petrus zu Lehen zu nehmen. Daraufhin siegte im Rat des Papstes die
Meinung, daß seinem Wunsch zu willfahren sei. Jn feierlicher Form
erklärte Alexander seinen Anspruch für gerecht und sandte ihm zum
Unterpfand dessen die geweihte Fahne des heiligen Petrus. Unter dem
Banner des Apostelfürsten ist das Heer der Normannen zur Eroberung
Englands ausgezogen, unter diesem Banner hat es bei Hastings gesiegt,
und mit dem Segen des Papstes ist Wilhelm der Eroberer König von
England geworden.

Ein Vorgang, nur von wenigen Chronisten mit kurzen Worten er-
wähnt, von der sonstigen Überlieferung fast verschwiegen und doch be-
deutungsvoll wie kaum ein zweiter. Daß der Papst sich die Befugnis
beilegte, über das Recht eines Bewerbers um eine Königskrone zu ent-
scheiden, war schlechterdings unerhört. Mehr als ein bei den Haaren
herbeigeholter Vorwand war es doch nicht, daß man sich auf den Eid-
bruch Haralds und seine angebliche Krönung durch einen exkommuni-
zierten Erzbischof bezog als auf Dinge, die dem Urteil der Kirche unter-
stehen sollten. Keinesfalls aber reichte es aus, darüber zu täuschen, daß
die Grenzen des Kirchlichen weit überschritten waren, wenn dem Herzog
der Normandie das Recht auf das Königreich zugesprochen und der Er-
oberung eine religiöse Weihe erteilt wurde. Das Rechtsgutachten, in
dem Zacharias die Entthronung des letzten Merowingers anriet, ließ
sich für den vorliegenden Fall kaum als Vorgang benutzen und lag
überdies um mehr als dreihundert Jahre zurück. Daß es eine Fahne
Sankt Peters gebe, die den Kriegern auf blutiger Walstatt blutrot
voranwehte, hatte man vor den Tagen Alexanders II. nicht gewußt.

Beim Angriff auf England wurde sie nicht zum erstenmal entrollt.
Als den Normannen Robert Guiscards auf Sizilien in der Schlacht

Eroberung Englands
ſprach, kann man ſich denken. Doch es gab auch Widerſpruch, und die
Beratung der Kardinäle war lebhaft. Die Rechtsfrage ließ ſich ver-
ſchieden beantworten, ſelbſt wenn man nicht wußte, daß Harald die Vor-
ſicht begangen hatte, ſich nicht vom angefochtenen Erzbiſchof von Canter-
bury, ſondern von dem von York krönen zu laſſen. Schwerer fielen in die
Wagſchale die Eröffnungen, die Wilhelm machen ließ. Er verſprach,
als König die engliſche Kirche nach römiſchen Grundſätzen zu refor-
mieren, die in Vergeſſenheit geratene jährliche Steuer, den Peters-
pfennig, regelmäßig zu entrichten und — ſo wenigſtens wurden die Er-
öffnungen des Geſandten verſtanden — ſein Königreich vom heiligen
Petrus zu Lehen zu nehmen. Daraufhin ſiegte im Rat des Papſtes die
Meinung, daß ſeinem Wunſch zu willfahren ſei. Jn feierlicher Form
erklärte Alexander ſeinen Anſpruch für gerecht und ſandte ihm zum
Unterpfand deſſen die geweihte Fahne des heiligen Petrus. Unter dem
Banner des Apoſtelfürſten iſt das Heer der Normannen zur Eroberung
Englands ausgezogen, unter dieſem Banner hat es bei Haſtings geſiegt,
und mit dem Segen des Papſtes iſt Wilhelm der Eroberer König von
England geworden.

Ein Vorgang, nur von wenigen Chroniſten mit kurzen Worten er-
wähnt, von der ſonſtigen Überlieferung faſt verſchwiegen und doch be-
deutungsvoll wie kaum ein zweiter. Daß der Papſt ſich die Befugnis
beilegte, über das Recht eines Bewerbers um eine Königskrone zu ent-
ſcheiden, war ſchlechterdings unerhört. Mehr als ein bei den Haaren
herbeigeholter Vorwand war es doch nicht, daß man ſich auf den Eid-
bruch Haralds und ſeine angebliche Krönung durch einen exkommuni-
zierten Erzbiſchof bezog als auf Dinge, die dem Urteil der Kirche unter-
ſtehen ſollten. Keinesfalls aber reichte es aus, darüber zu täuſchen, daß
die Grenzen des Kirchlichen weit überſchritten waren, wenn dem Herzog
der Normandie das Recht auf das Königreich zugeſprochen und der Er-
oberung eine religiöſe Weihe erteilt wurde. Das Rechtsgutachten, in
dem Zacharias die Entthronung des letzten Merowingers anriet, ließ
ſich für den vorliegenden Fall kaum als Vorgang benutzen und lag
überdies um mehr als dreihundert Jahre zurück. Daß es eine Fahne
Sankt Peters gebe, die den Kriegern auf blutiger Walſtatt blutrot
voranwehte, hatte man vor den Tagen Alexanders II. nicht gewußt.

Beim Angriff auf England wurde ſie nicht zum erſtenmal entrollt.
Als den Normannen Robert Guiscards auf Sizilien in der Schlacht

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[329/0338] Eroberung Englands ſprach, kann man ſich denken. Doch es gab auch Widerſpruch, und die Beratung der Kardinäle war lebhaft. Die Rechtsfrage ließ ſich ver- ſchieden beantworten, ſelbſt wenn man nicht wußte, daß Harald die Vor- ſicht begangen hatte, ſich nicht vom angefochtenen Erzbiſchof von Canter- bury, ſondern von dem von York krönen zu laſſen. Schwerer fielen in die Wagſchale die Eröffnungen, die Wilhelm machen ließ. Er verſprach, als König die engliſche Kirche nach römiſchen Grundſätzen zu refor- mieren, die in Vergeſſenheit geratene jährliche Steuer, den Peters- pfennig, regelmäßig zu entrichten und — ſo wenigſtens wurden die Er- öffnungen des Geſandten verſtanden — ſein Königreich vom heiligen Petrus zu Lehen zu nehmen. Daraufhin ſiegte im Rat des Papſtes die Meinung, daß ſeinem Wunſch zu willfahren ſei. Jn feierlicher Form erklärte Alexander ſeinen Anſpruch für gerecht und ſandte ihm zum Unterpfand deſſen die geweihte Fahne des heiligen Petrus. Unter dem Banner des Apoſtelfürſten iſt das Heer der Normannen zur Eroberung Englands ausgezogen, unter dieſem Banner hat es bei Haſtings geſiegt, und mit dem Segen des Papſtes iſt Wilhelm der Eroberer König von England geworden. Ein Vorgang, nur von wenigen Chroniſten mit kurzen Worten er- wähnt, von der ſonſtigen Überlieferung faſt verſchwiegen und doch be- deutungsvoll wie kaum ein zweiter. Daß der Papſt ſich die Befugnis beilegte, über das Recht eines Bewerbers um eine Königskrone zu ent- ſcheiden, war ſchlechterdings unerhört. Mehr als ein bei den Haaren herbeigeholter Vorwand war es doch nicht, daß man ſich auf den Eid- bruch Haralds und ſeine angebliche Krönung durch einen exkommuni- zierten Erzbiſchof bezog als auf Dinge, die dem Urteil der Kirche unter- ſtehen ſollten. Keinesfalls aber reichte es aus, darüber zu täuſchen, daß die Grenzen des Kirchlichen weit überſchritten waren, wenn dem Herzog der Normandie das Recht auf das Königreich zugeſprochen und der Er- oberung eine religiöſe Weihe erteilt wurde. Das Rechtsgutachten, in dem Zacharias die Entthronung des letzten Merowingers anriet, ließ ſich für den vorliegenden Fall kaum als Vorgang benutzen und lag überdies um mehr als dreihundert Jahre zurück. Daß es eine Fahne Sankt Peters gebe, die den Kriegern auf blutiger Walſtatt blutrot voranwehte, hatte man vor den Tagen Alexanders II. nicht gewußt. Beim Angriff auf England wurde ſie nicht zum erſtenmal entrollt. Als den Normannen Robert Guiscards auf Sizilien in der Schlacht

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 329. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/338>, abgerufen am 19.09.2020.