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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Normandie
Gebote, der Ehelosigkeit des geistlichen Standes (1055). Jn Rom wußte
man das zu würdigen. Was konnte auch wertvoller sein, als wenn der
siegreiche, vielbewunderte Fürst, der es verstanden hatte, den unbot-
mäßigen Adel seines Landes zu bändigen und sein Gebiet durch Erobe-
rung zu erweitern, wenn der unstreitig bedeutendste Herrscher seiner Zeit
offen die Partei der Reform ergriff! Jhm mußte und konnte man vieles
nachsehen, was bei andern nicht geduldet worden wäre. Gegen ein aus-
drückliches Verbot Leos IX. auf der Reimser Synode (1049) hatte er
die Schwester des Grafen von Flandern trotz naher Verwandtschaft
geheiratet, ließ sich auch nicht bewegen, die Ehe zu lösen, als der Papst
ihm und seinem ganzen Gebiet den Gottesdienst verbot. Nikolaus II.
mußte schließlich nachgeben und sich damit begnügen, daß der Herzog
als Buße zwei Klöster und einiges andere stiftete. Nachgeben mußte
ebenso Alexander II., als Wilhelm den Abt eines seiner Klöster ent-
fernte, um einen andern einzusetzen. Umsonst verschaffte der Vertriebene
sich in Rom einen Befehl zur Wiedereinsetzung. Wilhelm antwortete
mit der Drohung, jeden, der der Weisung des Papstes nachkommen
würde, aufzuhängen. Alexander, damals noch seiner Stellung nicht
sicher, nahm es hin und entschädigte den Kläger in Unteritalien.

Das war im Jahre 1063. Drei Jahre später empfing der Papst einen
Gesandten des Herzogs mit hochwichtiger Botschaft. Jn England war
der letzte König aus einheimischem Herrscherhaus, Edward III. der Be-
kenner, gestorben, über die Erbansprüche, die Herzog Wilhelm erhob,
waren die Großen hinweggegangen und hatten den Grafen Harald zum
König gewählt. Nun sollte der Papst urteilen, wem die Krone gebühre,
ob Wilhelm, den der verstorbene König zum Erben bestimmt und Harald
selbst als solchen eidlich anerkannt, oder diesem, der seinen Eid gebrochen
und die Krönung -- so wurde wenigstens behauptet -- von ungeweihter
Hand empfangen hatte. Erzbischof Stigand von Canterbury nämlich,
der sie vollzogen haben sollte, hatte seine Würde im Bürgerkrieg unter
Verdrängung des Vorgängers erlangt, war dafür schon von Leo IX.,
dann von den folgenden Päpsten ausgeschlossen worden und hatte sein
Pallium von Benedikt X., dem Gegner Nikolaus' II., erhalten. Wie
einst im Jahre 751, als die Franken zur Entthronung des letzten Mero-
wingers die Ermächtigung in Rom erbaten, wurde Alexander II. auf-
gerufen, eine politische Frage von größter Tragweite zu entscheiden.
Daß in seinen Augen von vornherein vieles zugunsten des Normannen

Normandie
Gebote, der Eheloſigkeit des geiſtlichen Standes (1055). Jn Rom wußte
man das zu würdigen. Was konnte auch wertvoller ſein, als wenn der
ſiegreiche, vielbewunderte Fürſt, der es verſtanden hatte, den unbot-
mäßigen Adel ſeines Landes zu bändigen und ſein Gebiet durch Erobe-
rung zu erweitern, wenn der unſtreitig bedeutendſte Herrſcher ſeiner Zeit
offen die Partei der Reform ergriff! Jhm mußte und konnte man vieles
nachſehen, was bei andern nicht geduldet worden wäre. Gegen ein aus-
drückliches Verbot Leos IX. auf der Reimſer Synode (1049) hatte er
die Schweſter des Grafen von Flandern trotz naher Verwandtſchaft
geheiratet, ließ ſich auch nicht bewegen, die Ehe zu löſen, als der Papſt
ihm und ſeinem ganzen Gebiet den Gottesdienſt verbot. Nikolaus II.
mußte ſchließlich nachgeben und ſich damit begnügen, daß der Herzog
als Buße zwei Klöſter und einiges andere ſtiftete. Nachgeben mußte
ebenſo Alexander II., als Wilhelm den Abt eines ſeiner Klöſter ent-
fernte, um einen andern einzuſetzen. Umſonſt verſchaffte der Vertriebene
ſich in Rom einen Befehl zur Wiedereinſetzung. Wilhelm antwortete
mit der Drohung, jeden, der der Weiſung des Papſtes nachkommen
würde, aufzuhängen. Alexander, damals noch ſeiner Stellung nicht
ſicher, nahm es hin und entſchädigte den Kläger in Unteritalien.

Das war im Jahre 1063. Drei Jahre ſpäter empfing der Papſt einen
Geſandten des Herzogs mit hochwichtiger Botſchaft. Jn England war
der letzte König aus einheimiſchem Herrſcherhaus, Edward III. der Be-
kenner, geſtorben, über die Erbanſprüche, die Herzog Wilhelm erhob,
waren die Großen hinweggegangen und hatten den Grafen Harald zum
König gewählt. Nun ſollte der Papſt urteilen, wem die Krone gebühre,
ob Wilhelm, den der verſtorbene König zum Erben beſtimmt und Harald
ſelbſt als ſolchen eidlich anerkannt, oder dieſem, der ſeinen Eid gebrochen
und die Krönung — ſo wurde wenigſtens behauptet — von ungeweihter
Hand empfangen hatte. Erzbiſchof Stigand von Canterbury nämlich,
der ſie vollzogen haben ſollte, hatte ſeine Würde im Bürgerkrieg unter
Verdrängung des Vorgängers erlangt, war dafür ſchon von Leo IX.,
dann von den folgenden Päpſten ausgeſchloſſen worden und hatte ſein
Pallium von Benedikt X., dem Gegner Nikolaus' II., erhalten. Wie
einſt im Jahre 751, als die Franken zur Entthronung des letzten Mero-
wingers die Ermächtigung in Rom erbaten, wurde Alexander II. auf-
gerufen, eine politiſche Frage von größter Tragweite zu entſcheiden.
Daß in ſeinen Augen von vornherein vieles zugunſten des Normannen

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[328/0337] Normandie Gebote, der Eheloſigkeit des geiſtlichen Standes (1055). Jn Rom wußte man das zu würdigen. Was konnte auch wertvoller ſein, als wenn der ſiegreiche, vielbewunderte Fürſt, der es verſtanden hatte, den unbot- mäßigen Adel ſeines Landes zu bändigen und ſein Gebiet durch Erobe- rung zu erweitern, wenn der unſtreitig bedeutendſte Herrſcher ſeiner Zeit offen die Partei der Reform ergriff! Jhm mußte und konnte man vieles nachſehen, was bei andern nicht geduldet worden wäre. Gegen ein aus- drückliches Verbot Leos IX. auf der Reimſer Synode (1049) hatte er die Schweſter des Grafen von Flandern trotz naher Verwandtſchaft geheiratet, ließ ſich auch nicht bewegen, die Ehe zu löſen, als der Papſt ihm und ſeinem ganzen Gebiet den Gottesdienſt verbot. Nikolaus II. mußte ſchließlich nachgeben und ſich damit begnügen, daß der Herzog als Buße zwei Klöſter und einiges andere ſtiftete. Nachgeben mußte ebenſo Alexander II., als Wilhelm den Abt eines ſeiner Klöſter ent- fernte, um einen andern einzuſetzen. Umſonſt verſchaffte der Vertriebene ſich in Rom einen Befehl zur Wiedereinſetzung. Wilhelm antwortete mit der Drohung, jeden, der der Weiſung des Papſtes nachkommen würde, aufzuhängen. Alexander, damals noch ſeiner Stellung nicht ſicher, nahm es hin und entſchädigte den Kläger in Unteritalien. Das war im Jahre 1063. Drei Jahre ſpäter empfing der Papſt einen Geſandten des Herzogs mit hochwichtiger Botſchaft. Jn England war der letzte König aus einheimiſchem Herrſcherhaus, Edward III. der Be- kenner, geſtorben, über die Erbanſprüche, die Herzog Wilhelm erhob, waren die Großen hinweggegangen und hatten den Grafen Harald zum König gewählt. Nun ſollte der Papſt urteilen, wem die Krone gebühre, ob Wilhelm, den der verſtorbene König zum Erben beſtimmt und Harald ſelbſt als ſolchen eidlich anerkannt, oder dieſem, der ſeinen Eid gebrochen und die Krönung — ſo wurde wenigſtens behauptet — von ungeweihter Hand empfangen hatte. Erzbiſchof Stigand von Canterbury nämlich, der ſie vollzogen haben ſollte, hatte ſeine Würde im Bürgerkrieg unter Verdrängung des Vorgängers erlangt, war dafür ſchon von Leo IX., dann von den folgenden Päpſten ausgeſchloſſen worden und hatte ſein Pallium von Benedikt X., dem Gegner Nikolaus' II., erhalten. Wie einſt im Jahre 751, als die Franken zur Entthronung des letzten Mero- wingers die Ermächtigung in Rom erbaten, wurde Alexander II. auf- gerufen, eine politiſche Frage von größter Tragweite zu entſcheiden. Daß in ſeinen Augen von vornherein vieles zugunſten des Normannen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 328. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/337>, abgerufen am 19.09.2020.