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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Normandie
seinen Kandidaten gegen römischen Einspruch zu halten, und die Rund-
reise eines Legaten, des Bischofs Gerald von Ostia (1072), hat deutliche
Spuren nur im Süden hinterlassen, wo der Erzbischof von Auch und der
Bischof von Tarbes abgesetzt wurden. Ob darin der Anfang einer ver-
änderten Haltung der Krone gegenüber römischen Ansprüchen zu er-
blicken sei, mußte die Zukunft lehren. Leicht konnte das Einlenken in
andere Bahnen nicht sein, nachdem die Jahre der Vormundschaft die
hohe Geistlichkeit Frankreichs mit dem Gedanken vertraut gemacht
hatten, daß sie im Papst nicht nur ihr Haupt, sondern auch ihren Herrn
zu sehen habe.

Eine besondere Stellung behauptete unter den französischen Land-
schaften das Herzogtum der Normandie. Entstanden im Jahre 911
durch Ansiedlung der Dänen und Belehnung ihres Führers Rolf, war es
nach Umfang und innerer Kraft von allen Fürstentümern das bedeu-
tendste und der Krone gegenüber das unabhängigste. Auch kirchlich zeigte
es ein eigenes Bild, insofern hier seit dem Beginn des Jahrhunderts
gründlicher als irgendwo sonst das reformierte Mönchtum der loth-
ringisch-burgundischen Richtung zur Herrschaft gelangt war. Es füllte
und leitete die Klöster des Landes, erzog den Nachwuchs der Geistlichkeit
und besetzte bald auch mehrere Bistümer mit seinen Angehörigen und
Schülern. So kam es, daß schon im Jahre 1042 der Gottesfrieden für
die ganze Provinz verkündigt und um dieselbe Zeit, früher als sonst
irgendwo, ein Verbot der Simonie erlassen wurde. Ohne die Gunst der
Herzöge wäre das nicht möglich gewesen. Sie haben bald erkannt,
welches Mittel zur Beherrschung der Kirche die Reform der Geistlich-
keit darbot, wenn sie im Einvernehmen mit dem Landesherrn betrieben
wurde, und haben darum den strengen Mönchen jeden Vorschub geleistet.
Als seit 1049 die Losung der Reform durch das Papsttum für das ge-
samte Abendland ausgegeben wurde, fiel sie nirgends auf fruchtbareren
Boden als in der Normandie. Herzog Wilhelm, genannt der Bastard,
streng kirchlich gesinnt in der Weise seiner Zeit, dem reformierten
Mönchtum innerlich zugetan, in der Erfüllung gottesdienstlicher Pflich-
ten von vorbildlicher Gewissenhaftigkeit, ging sofort auf die Absichten
Leos IX. ein, beschickte das Konzil des Papstes in Reims (1049), das der
König zu verhindern suchte, mit fünfen seiner Bischöfe und öffnete einem
päpstlichen Legaten sein Land zur Verkündigung des schwersten aller

Normandie
ſeinen Kandidaten gegen römiſchen Einſpruch zu halten, und die Rund-
reiſe eines Legaten, des Biſchofs Gerald von Oſtia (1072), hat deutliche
Spuren nur im Süden hinterlaſſen, wo der Erzbiſchof von Auch und der
Biſchof von Tarbes abgeſetzt wurden. Ob darin der Anfang einer ver-
änderten Haltung der Krone gegenüber römiſchen Anſprüchen zu er-
blicken ſei, mußte die Zukunft lehren. Leicht konnte das Einlenken in
andere Bahnen nicht ſein, nachdem die Jahre der Vormundſchaft die
hohe Geiſtlichkeit Frankreichs mit dem Gedanken vertraut gemacht
hatten, daß ſie im Papſt nicht nur ihr Haupt, ſondern auch ihren Herrn
zu ſehen habe.

Eine beſondere Stellung behauptete unter den franzöſiſchen Land-
ſchaften das Herzogtum der Normandie. Entſtanden im Jahre 911
durch Anſiedlung der Dänen und Belehnung ihres Führers Rolf, war es
nach Umfang und innerer Kraft von allen Fürſtentümern das bedeu-
tendſte und der Krone gegenüber das unabhängigſte. Auch kirchlich zeigte
es ein eigenes Bild, inſofern hier ſeit dem Beginn des Jahrhunderts
gründlicher als irgendwo ſonſt das reformierte Mönchtum der loth-
ringiſch-burgundiſchen Richtung zur Herrſchaft gelangt war. Es füllte
und leitete die Klöſter des Landes, erzog den Nachwuchs der Geiſtlichkeit
und beſetzte bald auch mehrere Bistümer mit ſeinen Angehörigen und
Schülern. So kam es, daß ſchon im Jahre 1042 der Gottesfrieden für
die ganze Provinz verkündigt und um dieſelbe Zeit, früher als ſonſt
irgendwo, ein Verbot der Simonie erlaſſen wurde. Ohne die Gunſt der
Herzöge wäre das nicht möglich geweſen. Sie haben bald erkannt,
welches Mittel zur Beherrſchung der Kirche die Reform der Geiſtlich-
keit darbot, wenn ſie im Einvernehmen mit dem Landesherrn betrieben
wurde, und haben darum den ſtrengen Mönchen jeden Vorſchub geleiſtet.
Als ſeit 1049 die Loſung der Reform durch das Papſttum für das ge-
ſamte Abendland ausgegeben wurde, fiel ſie nirgends auf fruchtbareren
Boden als in der Normandie. Herzog Wilhelm, genannt der Baſtard,
ſtreng kirchlich geſinnt in der Weiſe ſeiner Zeit, dem reformierten
Mönchtum innerlich zugetan, in der Erfüllung gottesdienſtlicher Pflich-
ten von vorbildlicher Gewiſſenhaftigkeit, ging ſofort auf die Abſichten
Leos IX. ein, beſchickte das Konzil des Papſtes in Reims (1049), das der
König zu verhindern ſuchte, mit fünfen ſeiner Biſchöfe und öffnete einem
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[327/0336] Normandie ſeinen Kandidaten gegen römiſchen Einſpruch zu halten, und die Rund- reiſe eines Legaten, des Biſchofs Gerald von Oſtia (1072), hat deutliche Spuren nur im Süden hinterlaſſen, wo der Erzbiſchof von Auch und der Biſchof von Tarbes abgeſetzt wurden. Ob darin der Anfang einer ver- änderten Haltung der Krone gegenüber römiſchen Anſprüchen zu er- blicken ſei, mußte die Zukunft lehren. Leicht konnte das Einlenken in andere Bahnen nicht ſein, nachdem die Jahre der Vormundſchaft die hohe Geiſtlichkeit Frankreichs mit dem Gedanken vertraut gemacht hatten, daß ſie im Papſt nicht nur ihr Haupt, ſondern auch ihren Herrn zu ſehen habe. Eine beſondere Stellung behauptete unter den franzöſiſchen Land- ſchaften das Herzogtum der Normandie. Entſtanden im Jahre 911 durch Anſiedlung der Dänen und Belehnung ihres Führers Rolf, war es nach Umfang und innerer Kraft von allen Fürſtentümern das bedeu- tendſte und der Krone gegenüber das unabhängigſte. Auch kirchlich zeigte es ein eigenes Bild, inſofern hier ſeit dem Beginn des Jahrhunderts gründlicher als irgendwo ſonſt das reformierte Mönchtum der loth- ringiſch-burgundiſchen Richtung zur Herrſchaft gelangt war. Es füllte und leitete die Klöſter des Landes, erzog den Nachwuchs der Geiſtlichkeit und beſetzte bald auch mehrere Bistümer mit ſeinen Angehörigen und Schülern. So kam es, daß ſchon im Jahre 1042 der Gottesfrieden für die ganze Provinz verkündigt und um dieſelbe Zeit, früher als ſonſt irgendwo, ein Verbot der Simonie erlaſſen wurde. Ohne die Gunſt der Herzöge wäre das nicht möglich geweſen. Sie haben bald erkannt, welches Mittel zur Beherrſchung der Kirche die Reform der Geiſtlich- keit darbot, wenn ſie im Einvernehmen mit dem Landesherrn betrieben wurde, und haben darum den ſtrengen Mönchen jeden Vorſchub geleiſtet. Als ſeit 1049 die Loſung der Reform durch das Papſttum für das ge- ſamte Abendland ausgegeben wurde, fiel ſie nirgends auf fruchtbareren Boden als in der Normandie. Herzog Wilhelm, genannt der Baſtard, ſtreng kirchlich geſinnt in der Weiſe ſeiner Zeit, dem reformierten Mönchtum innerlich zugetan, in der Erfüllung gottesdienſtlicher Pflich- ten von vorbildlicher Gewiſſenhaftigkeit, ging ſofort auf die Abſichten Leos IX. ein, beſchickte das Konzil des Papſtes in Reims (1049), das der König zu verhindern ſuchte, mit fünfen ſeiner Biſchöfe und öffnete einem päpſtlichen Legaten ſein Land zur Verkündigung des ſchwerſten aller

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 327. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/336>, abgerufen am 19.09.2020.