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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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führung und unwürdiger Umgebung, die über ihn umliefen, übertrieben
waren. Zum Überfluß gab er sich persönlich die schwerste Blöße, indem
er die Scheidung von seiner Gemahlin erstrebte, aber vor dem Verbot
des Papstes zurückwich, das ihm der ehrwürdige Petrus Damiani als
apostolischer Legat überbrachte (1069). So glitt denn unmerklich und
wie nach dem Naturgesetz von Anziehung und Schwere die Regierung
der deutschen Kirche nach Rom hinüber.

Es fügte sich, daß zu gleicher Zeit in Frankreich ähnliche Zustände
herrschten. Auch hier hatte es Alexander II. zuerst mit einer vormund-
schaftlichen Regierung, dann mit einem jungen, unerfahrenen Herrscher
zu tun; seine Eingriffe in die Kirchenverwaltung fanden keinen Wider-
stand. Er besaß außerdem ein williges Werkzeug am vornehmsten der
Prälaten. Erzbischof Gervasius von Reims brauchte in eigenen Nöten
die Hilfe des römischen Stuhles und stand diesem schon darum jeder-
zeit zu Diensten, durch Vorwürfe wegen Säumigkeit wiederholt
angestachelt. Der Papst hatte wohl Grund, Erzbischof und Hof zu
danken, in großen Dingen geschah, was er wollte. Jn Soissons und
Chartres mußten die investierten Bischöfe weichen, dem von Orleans
half es nichts, daß er sich vor dem Legaten freigeschworen hatte, in
Le Mans wurde sogar der Graf von Anjou selbst in den Sturz seines
Schützlings verwickelt, den Regierung und Papst gemeinsam bekämpften.
Nicht anders war es im Süden, wohin die Macht des Königs nicht
reichte. Die Bischöfe von Gap und Saintes wurden wegen Simonie
abgesetzt, der von Nimes dagegen, den ein Legat entfernt hatte, wieder
eingesetzt.

Auch in Frankreich begnügte sich Alexander nicht mit den causae
maiores
der Bistümer, seine Eingriffe galten ebenso der Absetzung von
Äbten, dem Schutz einer Äbtissin, dem Rechtsstreit von zwei Reimser
Geistlichen und der Rückgabe einer entführten Reliquie. Nichts war zu
klein und nichts zu groß, um Gegenstand seiner Verfügungen zu sein,
die, wie er den König belehrte, den heiligen Kanones gleichzuachten
seien. Dabei kehrte er sich nirgends an die amtliche Rangordnung; die
Rechte der Metropoliten gegenüber ihren Suffraganen wurden so-
wenig beachtet wie die Befugnisse der Bischöfe innerhalb ihrer Diözesen,
als gäbe es überall nur einen Bischof, den Papst zu Rom.

Die Eingriffe wurden seltener, seit Philipp I. selbständig zu regieren
begonnen hatte. Der König wagte sogar, auf dem Erzstuhl von Tours

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führung und unwürdiger Umgebung, die über ihn umliefen, übertrieben
waren. Zum Überfluß gab er ſich perſönlich die ſchwerſte Blöße, indem
er die Scheidung von ſeiner Gemahlin erſtrebte, aber vor dem Verbot
des Papſtes zurückwich, das ihm der ehrwürdige Petrus Damiani als
apoſtoliſcher Legat überbrachte (1069). So glitt denn unmerklich und
wie nach dem Naturgeſetz von Anziehung und Schwere die Regierung
der deutſchen Kirche nach Rom hinüber.

Es fügte ſich, daß zu gleicher Zeit in Frankreich ähnliche Zuſtände
herrſchten. Auch hier hatte es Alexander II. zuerſt mit einer vormund-
ſchaftlichen Regierung, dann mit einem jungen, unerfahrenen Herrſcher
zu tun; ſeine Eingriffe in die Kirchenverwaltung fanden keinen Wider-
ſtand. Er beſaß außerdem ein williges Werkzeug am vornehmſten der
Prälaten. Erzbiſchof Gervaſius von Reims brauchte in eigenen Nöten
die Hilfe des römiſchen Stuhles und ſtand dieſem ſchon darum jeder-
zeit zu Dienſten, durch Vorwürfe wegen Säumigkeit wiederholt
angeſtachelt. Der Papſt hatte wohl Grund, Erzbiſchof und Hof zu
danken, in großen Dingen geſchah, was er wollte. Jn Soiſſons und
Chartres mußten die inveſtierten Biſchöfe weichen, dem von Orleans
half es nichts, daß er ſich vor dem Legaten freigeſchworen hatte, in
Le Mans wurde ſogar der Graf von Anjou ſelbſt in den Sturz ſeines
Schützlings verwickelt, den Regierung und Papſt gemeinſam bekämpften.
Nicht anders war es im Süden, wohin die Macht des Königs nicht
reichte. Die Biſchöfe von Gap und Saintes wurden wegen Simonie
abgeſetzt, der von Nimes dagegen, den ein Legat entfernt hatte, wieder
eingeſetzt.

Auch in Frankreich begnügte ſich Alexander nicht mit den causae
maiores
der Bistümer, ſeine Eingriffe galten ebenſo der Abſetzung von
Äbten, dem Schutz einer Äbtiſſin, dem Rechtsſtreit von zwei Reimſer
Geiſtlichen und der Rückgabe einer entführten Reliquie. Nichts war zu
klein und nichts zu groß, um Gegenſtand ſeiner Verfügungen zu ſein,
die, wie er den König belehrte, den heiligen Kanones gleichzuachten
ſeien. Dabei kehrte er ſich nirgends an die amtliche Rangordnung; die
Rechte der Metropoliten gegenüber ihren Suffraganen wurden ſo-
wenig beachtet wie die Befugniſſe der Biſchöfe innerhalb ihrer Diözeſen,
als gäbe es überall nur einen Biſchof, den Papſt zu Rom.

Die Eingriffe wurden ſeltener, ſeit Philipp I. ſelbſtändig zu regieren
begonnen hatte. Der König wagte ſogar, auf dem Erzſtuhl von Tours

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[326/0335] Frankreich führung und unwürdiger Umgebung, die über ihn umliefen, übertrieben waren. Zum Überfluß gab er ſich perſönlich die ſchwerſte Blöße, indem er die Scheidung von ſeiner Gemahlin erſtrebte, aber vor dem Verbot des Papſtes zurückwich, das ihm der ehrwürdige Petrus Damiani als apoſtoliſcher Legat überbrachte (1069). So glitt denn unmerklich und wie nach dem Naturgeſetz von Anziehung und Schwere die Regierung der deutſchen Kirche nach Rom hinüber. Es fügte ſich, daß zu gleicher Zeit in Frankreich ähnliche Zuſtände herrſchten. Auch hier hatte es Alexander II. zuerſt mit einer vormund- ſchaftlichen Regierung, dann mit einem jungen, unerfahrenen Herrſcher zu tun; ſeine Eingriffe in die Kirchenverwaltung fanden keinen Wider- ſtand. Er beſaß außerdem ein williges Werkzeug am vornehmſten der Prälaten. Erzbiſchof Gervaſius von Reims brauchte in eigenen Nöten die Hilfe des römiſchen Stuhles und ſtand dieſem ſchon darum jeder- zeit zu Dienſten, durch Vorwürfe wegen Säumigkeit wiederholt angeſtachelt. Der Papſt hatte wohl Grund, Erzbiſchof und Hof zu danken, in großen Dingen geſchah, was er wollte. Jn Soiſſons und Chartres mußten die inveſtierten Biſchöfe weichen, dem von Orleans half es nichts, daß er ſich vor dem Legaten freigeſchworen hatte, in Le Mans wurde ſogar der Graf von Anjou ſelbſt in den Sturz ſeines Schützlings verwickelt, den Regierung und Papſt gemeinſam bekämpften. Nicht anders war es im Süden, wohin die Macht des Königs nicht reichte. Die Biſchöfe von Gap und Saintes wurden wegen Simonie abgeſetzt, der von Nimes dagegen, den ein Legat entfernt hatte, wieder eingeſetzt. Auch in Frankreich begnügte ſich Alexander nicht mit den causae maiores der Bistümer, ſeine Eingriffe galten ebenſo der Abſetzung von Äbten, dem Schutz einer Äbtiſſin, dem Rechtsſtreit von zwei Reimſer Geiſtlichen und der Rückgabe einer entführten Reliquie. Nichts war zu klein und nichts zu groß, um Gegenſtand ſeiner Verfügungen zu ſein, die, wie er den König belehrte, den heiligen Kanones gleichzuachten ſeien. Dabei kehrte er ſich nirgends an die amtliche Rangordnung; die Rechte der Metropoliten gegenüber ihren Suffraganen wurden ſo- wenig beachtet wie die Befugniſſe der Biſchöfe innerhalb ihrer Diözeſen, als gäbe es überall nur einen Biſchof, den Papſt zu Rom. Die Eingriffe wurden ſeltener, ſeit Philipp I. ſelbſtändig zu regieren begonnen hatte. Der König wagte ſogar, auf dem Erzſtuhl von Tours

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 326. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/335>, abgerufen am 19.09.2020.