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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Alexander II. und die deutschen Kirchen
hoch, sie entsprachen der Größe der geistlichen Fürstentümer, und wenn
sie vor oder zugleich mit der Jnvestitur entrichtet wurden, entstand der
Eindruck eines Kaufes, und das Gerücht hatte es leicht, von Bergen
Goldes und Silbers zu erzählen, die als Preis für Ring und Stab gezahlt
worden seien. Jn den Chroniken der Mönche dieser Zeit kann man das
mehrfach lesen. Man hatte es eben mit zweierlei Recht zu tun: dem
alten Reichsrecht widersprach die neue kirchliche Forderung, die mit dem
Anspruch auftrat, das höhere, das sittliche Recht zu sein, ohne daß sie
selbst einwandfrei umschrieben gewesen wäre. Denn noch war der Be-
griff der Simonie keineswegs geklärt, und aus Handlungen, die an sich
nichts Verwerfliches hatten, ließ sich jederzeit mühelos ein Strick drehen.

Das hatte mehr als ein deutscher Bischof zu erfahren. Jm Jahre
1070 sah man ihrer drei, darunter die vornehmsten, Siegfried von
Mainz und Anno von Köln, nach Rom ziehen, um sich wegen des Vor-
wurfs der Simonie zu verantworten. Mainz und Köln waren ange-
klagt, die Weihen für Geld erteilt zu haben. Es handelte sich vermut-
lich um die herkömmlichen Gebühren, aber beide mußten schwören,
dergleichen künftig zu unterlassen. Der Bischof von Bamberg sollte seine
Würde gekauft haben, beschwor aber seine Unschuld. Man sagte ihm
nach, er habe falsch geschworen und des Papstes Gunst mit Geschenken
erkauft. Anders der Bischof von Straßburg, der einige Jahre später
unter der gleichen Anklage nach Rom geladen wurde. Er gestand seine
Schuld, tat Buße und durfte begnadigt heimkehren.

Konnte man im letztgenannten Fall schon fragen -- die Erzbischöfe
und das exemte Bamberg unterstanden unmittelbar dem Papst -- mit
welchem Recht ein Suffragan des Mainzers mit Übergehung seines
Metropoliten in Rom zur Rechenschaft gezogen wurde, so ist diese Frage
vollends am Platz, wenn wir sehen, wie der Papst in untergeordneten
Fällen die Urteile deutscher Bischöfe aufhob, milderte oder ihnen vor-
griff. Ein Abt, den der Bischof von Konstanz wegen tödlicher Miß-
handlung abgesetzt hatte, erhielt von Alexander nach nur sechsmonatiger
Buße seine Würde wieder. Einem Geistlichen, der Mönch zu werden
gelobt, dann aber seinen Vorsatz geändert hatte, wurde die inzwischen
einem andern verliehene Pfründe wieder zugesprochen. Ein Mönch,
der aus dem Kloster gelaufen und sich im Gottesdienst über seinen Weihe-
grad hinaus Befugnisse angemaßt hatte, wurde begnadigt und aller
Weihen fähig erklärt.

Alexander II. und die deutſchen Kirchen
hoch, ſie entſprachen der Größe der geiſtlichen Fürſtentümer, und wenn
ſie vor oder zugleich mit der Jnveſtitur entrichtet wurden, entſtand der
Eindruck eines Kaufes, und das Gerücht hatte es leicht, von Bergen
Goldes und Silbers zu erzählen, die als Preis für Ring und Stab gezahlt
worden ſeien. Jn den Chroniken der Mönche dieſer Zeit kann man das
mehrfach leſen. Man hatte es eben mit zweierlei Recht zu tun: dem
alten Reichsrecht widerſprach die neue kirchliche Forderung, die mit dem
Anſpruch auftrat, das höhere, das ſittliche Recht zu ſein, ohne daß ſie
ſelbſt einwandfrei umſchrieben geweſen wäre. Denn noch war der Be-
griff der Simonie keineswegs geklärt, und aus Handlungen, die an ſich
nichts Verwerfliches hatten, ließ ſich jederzeit mühelos ein Strick drehen.

Das hatte mehr als ein deutſcher Biſchof zu erfahren. Jm Jahre
1070 ſah man ihrer drei, darunter die vornehmſten, Siegfried von
Mainz und Anno von Köln, nach Rom ziehen, um ſich wegen des Vor-
wurfs der Simonie zu verantworten. Mainz und Köln waren ange-
klagt, die Weihen für Geld erteilt zu haben. Es handelte ſich vermut-
lich um die herkömmlichen Gebühren, aber beide mußten ſchwören,
dergleichen künftig zu unterlaſſen. Der Biſchof von Bamberg ſollte ſeine
Würde gekauft haben, beſchwor aber ſeine Unſchuld. Man ſagte ihm
nach, er habe falſch geſchworen und des Papſtes Gunſt mit Geſchenken
erkauft. Anders der Biſchof von Straßburg, der einige Jahre ſpäter
unter der gleichen Anklage nach Rom geladen wurde. Er geſtand ſeine
Schuld, tat Buße und durfte begnadigt heimkehren.

Konnte man im letztgenannten Fall ſchon fragen — die Erzbiſchöfe
und das exemte Bamberg unterſtanden unmittelbar dem Papſt — mit
welchem Recht ein Suffragan des Mainzers mit Übergehung ſeines
Metropoliten in Rom zur Rechenſchaft gezogen wurde, ſo iſt dieſe Frage
vollends am Platz, wenn wir ſehen, wie der Papſt in untergeordneten
Fällen die Urteile deutſcher Biſchöfe aufhob, milderte oder ihnen vor-
griff. Ein Abt, den der Biſchof von Konſtanz wegen tödlicher Miß-
handlung abgeſetzt hatte, erhielt von Alexander nach nur ſechsmonatiger
Buße ſeine Würde wieder. Einem Geiſtlichen, der Mönch zu werden
gelobt, dann aber ſeinen Vorſatz geändert hatte, wurde die inzwiſchen
einem andern verliehene Pfründe wieder zugeſprochen. Ein Mönch,
der aus dem Kloſter gelaufen und ſich im Gottesdienſt über ſeinen Weihe-
grad hinaus Befugniſſe angemaßt hatte, wurde begnadigt und aller
Weihen fähig erklärt.

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[324/0333] Alexander II. und die deutſchen Kirchen hoch, ſie entſprachen der Größe der geiſtlichen Fürſtentümer, und wenn ſie vor oder zugleich mit der Jnveſtitur entrichtet wurden, entſtand der Eindruck eines Kaufes, und das Gerücht hatte es leicht, von Bergen Goldes und Silbers zu erzählen, die als Preis für Ring und Stab gezahlt worden ſeien. Jn den Chroniken der Mönche dieſer Zeit kann man das mehrfach leſen. Man hatte es eben mit zweierlei Recht zu tun: dem alten Reichsrecht widerſprach die neue kirchliche Forderung, die mit dem Anſpruch auftrat, das höhere, das ſittliche Recht zu ſein, ohne daß ſie ſelbſt einwandfrei umſchrieben geweſen wäre. Denn noch war der Be- griff der Simonie keineswegs geklärt, und aus Handlungen, die an ſich nichts Verwerfliches hatten, ließ ſich jederzeit mühelos ein Strick drehen. Das hatte mehr als ein deutſcher Biſchof zu erfahren. Jm Jahre 1070 ſah man ihrer drei, darunter die vornehmſten, Siegfried von Mainz und Anno von Köln, nach Rom ziehen, um ſich wegen des Vor- wurfs der Simonie zu verantworten. Mainz und Köln waren ange- klagt, die Weihen für Geld erteilt zu haben. Es handelte ſich vermut- lich um die herkömmlichen Gebühren, aber beide mußten ſchwören, dergleichen künftig zu unterlaſſen. Der Biſchof von Bamberg ſollte ſeine Würde gekauft haben, beſchwor aber ſeine Unſchuld. Man ſagte ihm nach, er habe falſch geſchworen und des Papſtes Gunſt mit Geſchenken erkauft. Anders der Biſchof von Straßburg, der einige Jahre ſpäter unter der gleichen Anklage nach Rom geladen wurde. Er geſtand ſeine Schuld, tat Buße und durfte begnadigt heimkehren. Konnte man im letztgenannten Fall ſchon fragen — die Erzbiſchöfe und das exemte Bamberg unterſtanden unmittelbar dem Papſt — mit welchem Recht ein Suffragan des Mainzers mit Übergehung ſeines Metropoliten in Rom zur Rechenſchaft gezogen wurde, ſo iſt dieſe Frage vollends am Platz, wenn wir ſehen, wie der Papſt in untergeordneten Fällen die Urteile deutſcher Biſchöfe aufhob, milderte oder ihnen vor- griff. Ein Abt, den der Biſchof von Konſtanz wegen tödlicher Miß- handlung abgeſetzt hatte, erhielt von Alexander nach nur ſechsmonatiger Buße ſeine Würde wieder. Einem Geiſtlichen, der Mönch zu werden gelobt, dann aber ſeinen Vorſatz geändert hatte, wurde die inzwiſchen einem andern verliehene Pfründe wieder zugeſprochen. Ein Mönch, der aus dem Kloſter gelaufen und ſich im Gottesdienſt über ſeinen Weihe- grad hinaus Befugniſſe angemaßt hatte, wurde begnadigt und aller Weihen fähig erklärt.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 324. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/333>, abgerufen am 19.09.2020.