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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Alexander II. und Honorius II.
dem nächsten Jahr der junge König das Alter der Mündigkeit erreichte,
Anno entlassen wurde und die tatsächliche Regierung auf seinen Gegner
Adalbert von Bremen überging, so wagte die lombardische Partei zu
hoffen, daß die Entscheidung von Mantua rückgängig gemacht werde.
Umgekehrt wünschte Alexander II., der König möge in Jtalien er-
scheinen, die Kaiserkrone empfangen und dem Gegenpapsttum ein
Ende machen. Das fand am deutschen Hofe Beifall, für den Mai 1065
wurde der Zug beschlossen und in ganz Jtalien angekündigt. Jn Monte
Cassino traf man schon Vorbereitungen zum Empfang des neuen Kaisers.
Da gelang es Adalbert, dem die Entfernung des Königs aus mancherlei
Gründen unwillkommen war, im letzten Augenblick einen Aufschub bis
zum Herbst durchzusetzen. Damit war der Plan vorläufig aufgegeben,
und das Doppelpapsttum bestand weiter. Erst Adalberts Sturz im
folgenden Jahr bewirkte, daß der Herzog von Baiern als Königsbote
nach Jtalien gesandt wurde. Er scheint den Lombarden klargemacht zu
haben, daß sie für ihren Papst auf den König nicht zählen dürften. Seit-
dem war es mit Honorius II. vorbei. Er hat zwar in seinem Bistum die
Rolle des Papstes noch einige Jahre bis zu seinem Tode (1071/1072)
weitergespielt, aber für die übrige Welt bedeutete er nichts mehr. Gegen
Ende des Jahres (1066) konnte Alexander II. dem Erzbischof von
Reims schreiben, er freue sich der errungenen Sicherheit und Freiheit,
Kadaloh brauche er nicht mehr zu fürchten.

Er freute sich zu früh. Nicht lange dauerte es, so sah er sich von
anderer Seite durch ernste Gefahren unmittelbar bedroht.

Fürst Richard von Capua hatte im dreijährigen Kampf um Rom die
Dienste, die der Papst von ihm kraft seines Lehenseides erwarten durfte,
nicht leisten können. Bald nachdem er die Wahl Alexanders II. bewirkt,
war er abgezogen und hatte sich um die römischen Dinge nicht weiter
gekümmert, festgehalten durch schwierige Kämpfe gegen Nachbarn und
aufständische Große im eigenen Lande, die mit Honorius II. in Ver-
bindung standen. Er war ihrer Herr geworden und hatte dabei noch
Gaeta gewonnen, das er im Sommer 1063 in Besitz nehmen konnte.
Dann aber war er mit einem seiner fähigsten Unterführer, dem eigenen
Schwiegersohn Wilhelm von Montreuil, zerfallen, dem er Gaeta,
Kampanien und benachbarte Grafschaften als noch zu erobernde Lehen
übertragen hatte. Wilhelm trennte sich von seiner Gemahlin wegen an-

Haller, Das Papsttum II1 21

Alexander II. und Honorius II.
dem nächſten Jahr der junge König das Alter der Mündigkeit erreichte,
Anno entlaſſen wurde und die tatſächliche Regierung auf ſeinen Gegner
Adalbert von Bremen überging, ſo wagte die lombardiſche Partei zu
hoffen, daß die Entſcheidung von Mantua rückgängig gemacht werde.
Umgekehrt wünſchte Alexander II., der König möge in Jtalien er-
ſcheinen, die Kaiſerkrone empfangen und dem Gegenpapſttum ein
Ende machen. Das fand am deutſchen Hofe Beifall, für den Mai 1065
wurde der Zug beſchloſſen und in ganz Jtalien angekündigt. Jn Monte
Caſſino traf man ſchon Vorbereitungen zum Empfang des neuen Kaiſers.
Da gelang es Adalbert, dem die Entfernung des Königs aus mancherlei
Gründen unwillkommen war, im letzten Augenblick einen Aufſchub bis
zum Herbſt durchzuſetzen. Damit war der Plan vorläufig aufgegeben,
und das Doppelpapſttum beſtand weiter. Erſt Adalberts Sturz im
folgenden Jahr bewirkte, daß der Herzog von Baiern als Königsbote
nach Jtalien geſandt wurde. Er ſcheint den Lombarden klargemacht zu
haben, daß ſie für ihren Papſt auf den König nicht zählen dürften. Seit-
dem war es mit Honorius II. vorbei. Er hat zwar in ſeinem Bistum die
Rolle des Papſtes noch einige Jahre bis zu ſeinem Tode (1071/1072)
weitergeſpielt, aber für die übrige Welt bedeutete er nichts mehr. Gegen
Ende des Jahres (1066) konnte Alexander II. dem Erzbiſchof von
Reims ſchreiben, er freue ſich der errungenen Sicherheit und Freiheit,
Kadaloh brauche er nicht mehr zu fürchten.

Er freute ſich zu früh. Nicht lange dauerte es, ſo ſah er ſich von
anderer Seite durch ernſte Gefahren unmittelbar bedroht.

Fürſt Richard von Capua hatte im dreijährigen Kampf um Rom die
Dienſte, die der Papſt von ihm kraft ſeines Lehenseides erwarten durfte,
nicht leiſten können. Bald nachdem er die Wahl Alexanders II. bewirkt,
war er abgezogen und hatte ſich um die römiſchen Dinge nicht weiter
gekümmert, feſtgehalten durch ſchwierige Kämpfe gegen Nachbarn und
aufſtändiſche Große im eigenen Lande, die mit Honorius II. in Ver-
bindung ſtanden. Er war ihrer Herr geworden und hatte dabei noch
Gaeta gewonnen, das er im Sommer 1063 in Beſitz nehmen konnte.
Dann aber war er mit einem ſeiner fähigſten Unterführer, dem eigenen
Schwiegerſohn Wilhelm von Montreuil, zerfallen, dem er Gaeta,
Kampanien und benachbarte Grafſchaften als noch zu erobernde Lehen
übertragen hatte. Wilhelm trennte ſich von ſeiner Gemahlin wegen an-

Haller, Das Papſttum II1 21
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[321/0330] Alexander II. und Honorius II. dem nächſten Jahr der junge König das Alter der Mündigkeit erreichte, Anno entlaſſen wurde und die tatſächliche Regierung auf ſeinen Gegner Adalbert von Bremen überging, ſo wagte die lombardiſche Partei zu hoffen, daß die Entſcheidung von Mantua rückgängig gemacht werde. Umgekehrt wünſchte Alexander II., der König möge in Jtalien er- ſcheinen, die Kaiſerkrone empfangen und dem Gegenpapſttum ein Ende machen. Das fand am deutſchen Hofe Beifall, für den Mai 1065 wurde der Zug beſchloſſen und in ganz Jtalien angekündigt. Jn Monte Caſſino traf man ſchon Vorbereitungen zum Empfang des neuen Kaiſers. Da gelang es Adalbert, dem die Entfernung des Königs aus mancherlei Gründen unwillkommen war, im letzten Augenblick einen Aufſchub bis zum Herbſt durchzuſetzen. Damit war der Plan vorläufig aufgegeben, und das Doppelpapſttum beſtand weiter. Erſt Adalberts Sturz im folgenden Jahr bewirkte, daß der Herzog von Baiern als Königsbote nach Jtalien geſandt wurde. Er ſcheint den Lombarden klargemacht zu haben, daß ſie für ihren Papſt auf den König nicht zählen dürften. Seit- dem war es mit Honorius II. vorbei. Er hat zwar in ſeinem Bistum die Rolle des Papſtes noch einige Jahre bis zu ſeinem Tode (1071/1072) weitergeſpielt, aber für die übrige Welt bedeutete er nichts mehr. Gegen Ende des Jahres (1066) konnte Alexander II. dem Erzbiſchof von Reims ſchreiben, er freue ſich der errungenen Sicherheit und Freiheit, Kadaloh brauche er nicht mehr zu fürchten. Er freute ſich zu früh. Nicht lange dauerte es, ſo ſah er ſich von anderer Seite durch ernſte Gefahren unmittelbar bedroht. Fürſt Richard von Capua hatte im dreijährigen Kampf um Rom die Dienſte, die der Papſt von ihm kraft ſeines Lehenseides erwarten durfte, nicht leiſten können. Bald nachdem er die Wahl Alexanders II. bewirkt, war er abgezogen und hatte ſich um die römiſchen Dinge nicht weiter gekümmert, feſtgehalten durch ſchwierige Kämpfe gegen Nachbarn und aufſtändiſche Große im eigenen Lande, die mit Honorius II. in Ver- bindung ſtanden. Er war ihrer Herr geworden und hatte dabei noch Gaeta gewonnen, das er im Sommer 1063 in Beſitz nehmen konnte. Dann aber war er mit einem ſeiner fähigſten Unterführer, dem eigenen Schwiegerſohn Wilhelm von Montreuil, zerfallen, dem er Gaeta, Kampanien und benachbarte Grafſchaften als noch zu erobernde Lehen übertragen hatte. Wilhelm trennte ſich von ſeiner Gemahlin wegen an- Haller, Das Papſttum II1 21

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 321. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/330>, abgerufen am 19.09.2020.