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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Alexander II. und Honorius II.
stolzen Anspruch erhob, von niemand in der Welt gerichtet zu werden,
war das mehr als ein Zugeständnis, es war ein demütigender Verzicht,
der die gefährliche Spannung der Lage verrät. Es wurde ausgemacht,
daß ein deutsch-italisches Reichskonzil über den Anspruch beider Päpste
befinden sollte. Jn der Aussicht hierauf verlor Honorius die Unter-
stützung, die ihm bis dahin den Krieg fortzusetzen erlaubt hatte. Seine
Lombarden zogen ab, das Geld ging ihm aus, er wurde von seinen römi-
schen Anhängern abhängig und mußte sich schließlich mit einer hohen
Summe bei ihnen loskaufen. Zu Anfang 1064 verließ er die Engelsburg,
auf der er bis dahin sich noch gehalten hatte, und zog als Pilger uner-
kannt heimwärts nach Parma. Was diesen Ausgang herbeigeführt
hatte, war neben der Treulosigkeit der Deutschen die überlegene Geld-
macht Hildebrands gewesen, dem die reichen Mittel Leos des Neu-
christen, des Sohnes Benedikt-Baruchs, zu Gebote standen.

Jm Mai 1064 trat das Konzil zusammen, das unter den zu Ende
gegangenen Abschnitt den Schlußschnörkel setzen sollte. Wie es ent-
scheiden würde, konnte man im voraus wissen, denn es tagte in Mantua,
mitten in der Herrschaft der Markgräfin Beatrix und ihres Gemahls,
Gotfrieds von Lothringen. Es war eine Komödie, bei der jeder seine Rolle
kannte. Die Versammlung war stattlich, deutsche Bischöfe und Fürsten
unter Führung Annos waren vereinigt mit italischen. Alexander gewann
es über sich, zu erscheinen und sich vom Vorwurf der Simonie durch Eid
zu reinigen. Wegen seiner Verbindung mit den Normannen wollte er
sich in Rom vor dem König selbst verantworten. Das ließ man gelten
und erklärte ihn für den rechtmäßigen Papst. Honorius war ausge-
blieben, wartete in der Nähe den Ausgang ab und ließ durch seine Leute
einen Überfall ausführen, der die Versammlung um ein Haar gesprengt
hätte. Nur die Geistesgegenwart eines deutschen Abtes und das recht-
zeitige Erscheinen der Markgräfin Beatrix retteten die Lage. Mit dem
herkömmlichen Fluch über Kadaloh-Honorius konnte das Konzil seinen
Abschluß finden, und als Sieger durfte Alexander nach Rom zurück-
kehren, das Hildebrand inzwischen für ihn behütet hatte.

Die Spaltung des Papsttums war damit noch nicht aus der Welt
geschafft. Wohl mußte Honorius sich in sein Bistum Parma zurück-
ziehen, aber den päpstlichen Titel legte er nicht ab und behielt in der
Lombardei und anderswo in Jtalien Anhang. Auch in Deutschland wer-
den nicht alle mit Annos Taten einverstanden gewesen sein, und da mit

Alexander II. und Honorius II.
ſtolzen Anſpruch erhob, von niemand in der Welt gerichtet zu werden,
war das mehr als ein Zugeſtändnis, es war ein demütigender Verzicht,
der die gefährliche Spannung der Lage verrät. Es wurde ausgemacht,
daß ein deutſch-italiſches Reichskonzil über den Anſpruch beider Päpſte
befinden ſollte. Jn der Ausſicht hierauf verlor Honorius die Unter-
ſtützung, die ihm bis dahin den Krieg fortzuſetzen erlaubt hatte. Seine
Lombarden zogen ab, das Geld ging ihm aus, er wurde von ſeinen römi-
ſchen Anhängern abhängig und mußte ſich ſchließlich mit einer hohen
Summe bei ihnen loskaufen. Zu Anfang 1064 verließ er die Engelsburg,
auf der er bis dahin ſich noch gehalten hatte, und zog als Pilger uner-
kannt heimwärts nach Parma. Was dieſen Ausgang herbeigeführt
hatte, war neben der Treuloſigkeit der Deutſchen die überlegene Geld-
macht Hildebrands geweſen, dem die reichen Mittel Leos des Neu-
chriſten, des Sohnes Benedikt-Baruchs, zu Gebote ſtanden.

Jm Mai 1064 trat das Konzil zuſammen, das unter den zu Ende
gegangenen Abſchnitt den Schlußſchnörkel ſetzen ſollte. Wie es ent-
ſcheiden würde, konnte man im voraus wiſſen, denn es tagte in Mantua,
mitten in der Herrſchaft der Markgräfin Beatrix und ihres Gemahls,
Gotfrieds von Lothringen. Es war eine Komödie, bei der jeder ſeine Rolle
kannte. Die Verſammlung war ſtattlich, deutſche Biſchöfe und Fürſten
unter Führung Annos waren vereinigt mit italiſchen. Alexander gewann
es über ſich, zu erſcheinen und ſich vom Vorwurf der Simonie durch Eid
zu reinigen. Wegen ſeiner Verbindung mit den Normannen wollte er
ſich in Rom vor dem König ſelbſt verantworten. Das ließ man gelten
und erklärte ihn für den rechtmäßigen Papſt. Honorius war ausge-
blieben, wartete in der Nähe den Ausgang ab und ließ durch ſeine Leute
einen Überfall ausführen, der die Verſammlung um ein Haar geſprengt
hätte. Nur die Geiſtesgegenwart eines deutſchen Abtes und das recht-
zeitige Erſcheinen der Markgräfin Beatrix retteten die Lage. Mit dem
herkömmlichen Fluch über Kadaloh-Honorius konnte das Konzil ſeinen
Abſchluß finden, und als Sieger durfte Alexander nach Rom zurück-
kehren, das Hildebrand inzwiſchen für ihn behütet hatte.

Die Spaltung des Papſttums war damit noch nicht aus der Welt
geſchafft. Wohl mußte Honorius ſich in ſein Bistum Parma zurück-
ziehen, aber den päpſtlichen Titel legte er nicht ab und behielt in der
Lombardei und anderswo in Jtalien Anhang. Auch in Deutſchland wer-
den nicht alle mit Annos Taten einverſtanden geweſen ſein, und da mit

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[320/0329] Alexander II. und Honorius II. ſtolzen Anſpruch erhob, von niemand in der Welt gerichtet zu werden, war das mehr als ein Zugeſtändnis, es war ein demütigender Verzicht, der die gefährliche Spannung der Lage verrät. Es wurde ausgemacht, daß ein deutſch-italiſches Reichskonzil über den Anſpruch beider Päpſte befinden ſollte. Jn der Ausſicht hierauf verlor Honorius die Unter- ſtützung, die ihm bis dahin den Krieg fortzuſetzen erlaubt hatte. Seine Lombarden zogen ab, das Geld ging ihm aus, er wurde von ſeinen römi- ſchen Anhängern abhängig und mußte ſich ſchließlich mit einer hohen Summe bei ihnen loskaufen. Zu Anfang 1064 verließ er die Engelsburg, auf der er bis dahin ſich noch gehalten hatte, und zog als Pilger uner- kannt heimwärts nach Parma. Was dieſen Ausgang herbeigeführt hatte, war neben der Treuloſigkeit der Deutſchen die überlegene Geld- macht Hildebrands geweſen, dem die reichen Mittel Leos des Neu- chriſten, des Sohnes Benedikt-Baruchs, zu Gebote ſtanden. Jm Mai 1064 trat das Konzil zuſammen, das unter den zu Ende gegangenen Abſchnitt den Schlußſchnörkel ſetzen ſollte. Wie es ent- ſcheiden würde, konnte man im voraus wiſſen, denn es tagte in Mantua, mitten in der Herrſchaft der Markgräfin Beatrix und ihres Gemahls, Gotfrieds von Lothringen. Es war eine Komödie, bei der jeder ſeine Rolle kannte. Die Verſammlung war ſtattlich, deutſche Biſchöfe und Fürſten unter Führung Annos waren vereinigt mit italiſchen. Alexander gewann es über ſich, zu erſcheinen und ſich vom Vorwurf der Simonie durch Eid zu reinigen. Wegen ſeiner Verbindung mit den Normannen wollte er ſich in Rom vor dem König ſelbſt verantworten. Das ließ man gelten und erklärte ihn für den rechtmäßigen Papſt. Honorius war ausge- blieben, wartete in der Nähe den Ausgang ab und ließ durch ſeine Leute einen Überfall ausführen, der die Verſammlung um ein Haar geſprengt hätte. Nur die Geiſtesgegenwart eines deutſchen Abtes und das recht- zeitige Erſcheinen der Markgräfin Beatrix retteten die Lage. Mit dem herkömmlichen Fluch über Kadaloh-Honorius konnte das Konzil ſeinen Abſchluß finden, und als Sieger durfte Alexander nach Rom zurück- kehren, das Hildebrand inzwiſchen für ihn behütet hatte. Die Spaltung des Papſttums war damit noch nicht aus der Welt geſchafft. Wohl mußte Honorius ſich in ſein Bistum Parma zurück- ziehen, aber den päpſtlichen Titel legte er nicht ab und behielt in der Lombardei und anderswo in Jtalien Anhang. Auch in Deutſchland wer- den nicht alle mit Annos Taten einverſtanden geweſen ſein, und da mit

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 320. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/329>, abgerufen am 19.09.2020.