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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Alexander II. und Honorius II.
Teile fügten sich und zogen sich in ihre früheren Bistümer zurück,
Honorius in der Meinung, daß man den Papst des Königs nicht fallen
lassen werde, Alexander und die Seinen im Vertrauen auf ihre Be-
ziehungen zu dem neuen Regenten, die Herzog Gotfried vermittelte. Sie
täuschten sich nicht. Ein Reichstag zu Augsburg im Oktober 1062 kam
nach erregtem Wortstreit, denn die Meinungen waren geteilt, unter
Annos beherrschendem Einfluß zu dem Beschluß, das endgültige Urteil
zu vertagen, bis das Ergebnis einer Untersuchung vorläge. Jnzwischen
sollte Alexander seinen Sitz wieder einnehmen dürfen. Zur Unter-
suchung an Ort und Stelle wurde Annos Neffe, Bischof Burchard von
Halberstadt, ausgesandt. Dieser überschritt seinen Auftrag, sprach noch
vor Ablauf des Jahres die Anerkennung Alexanders im Namen des
Königs aus und sorgte für seine Aufnahme in Rom. Seinen Lohn erhielt
er in Gestalt des Palliums. Die Hauptperson, Anno von Köln, empfing
die Ernennung zum Erzkanzler der römischen Kirche. Kein Zweifel, die
deutschen Bischöfe hatten das Recht ihres Königs selbstsüchtig verkauft.
Der Preis wäre einem Linsengericht gleichzuachten, wenn man nicht an-
nehmen müßte, daß er nebenher auch in klingender Münze gezahlt wor-
den ist. So konnte Alexander II. Ende März 1063 seinen Sitz in Rom
einnehmen, einen Monat später die übliche Ostersynode halten und über
seinen Gegner den Fluch aussprechen.

Entschieden war damit freilich der Streit noch nicht, Honorius behielt
Anhang in und um Rom und in der Lombardei, in Deutschland hatte
Anno Gegner, die sein Verfahren mißbilligten, und aus Konstantinopel
kamen durch Vermittlung von Amalfi, der Griechenstadt, Anerbie-
tungen zu gemeinsamem Vorgehen gegen die Normannen und ihren
Papst. Denn als deren Geschöpf wurde Alexander von seinen Gegnern
angesehen. Jn Erwartung der Hilfe, die ihm aus dem Osten und aus
Deutschland kommen sollte, unternahm Honorius einen zweiten Ver-
such zur Eroberung Roms, konnte auch die Engelsburg und nach langen
blutigen Kämpfen die Peterskirche nehmen; im Lateran aber behauptete
sich Alexander unter dem Schutz normännischer Truppen. Die Kräfte
hielten sich die Wage. Das von Honorius erhoffte deutsch-griechische
Eingreifen blieb freilich aus -- es war wohl von jeher ein Jrrlicht ge-
wesen -- aber in der Umgebung Alexanders hielt man die Lage doch für
so bedenklich, daß man sich widerstrebend zu einer erneuten Prüfung und
Entscheidung des Streites bereit finden ließ. Für den Papst, der den

Alexander II. und Honorius II.
Teile fügten ſich und zogen ſich in ihre früheren Bistümer zurück,
Honorius in der Meinung, daß man den Papſt des Königs nicht fallen
laſſen werde, Alexander und die Seinen im Vertrauen auf ihre Be-
ziehungen zu dem neuen Regenten, die Herzog Gotfried vermittelte. Sie
täuſchten ſich nicht. Ein Reichstag zu Augsburg im Oktober 1062 kam
nach erregtem Wortſtreit, denn die Meinungen waren geteilt, unter
Annos beherrſchendem Einfluß zu dem Beſchluß, das endgültige Urteil
zu vertagen, bis das Ergebnis einer Unterſuchung vorläge. Jnzwiſchen
ſollte Alexander ſeinen Sitz wieder einnehmen dürfen. Zur Unter-
ſuchung an Ort und Stelle wurde Annos Neffe, Biſchof Burchard von
Halberſtadt, ausgeſandt. Dieſer überſchritt ſeinen Auftrag, ſprach noch
vor Ablauf des Jahres die Anerkennung Alexanders im Namen des
Königs aus und ſorgte für ſeine Aufnahme in Rom. Seinen Lohn erhielt
er in Geſtalt des Palliums. Die Hauptperſon, Anno von Köln, empfing
die Ernennung zum Erzkanzler der römiſchen Kirche. Kein Zweifel, die
deutſchen Biſchöfe hatten das Recht ihres Königs ſelbſtſüchtig verkauft.
Der Preis wäre einem Linſengericht gleichzuachten, wenn man nicht an-
nehmen müßte, daß er nebenher auch in klingender Münze gezahlt wor-
den iſt. So konnte Alexander II. Ende März 1063 ſeinen Sitz in Rom
einnehmen, einen Monat ſpäter die übliche Oſterſynode halten und über
ſeinen Gegner den Fluch ausſprechen.

Entſchieden war damit freilich der Streit noch nicht, Honorius behielt
Anhang in und um Rom und in der Lombardei, in Deutſchland hatte
Anno Gegner, die ſein Verfahren mißbilligten, und aus Konſtantinopel
kamen durch Vermittlung von Amalfi, der Griechenſtadt, Anerbie-
tungen zu gemeinſamem Vorgehen gegen die Normannen und ihren
Papſt. Denn als deren Geſchöpf wurde Alexander von ſeinen Gegnern
angeſehen. Jn Erwartung der Hilfe, die ihm aus dem Oſten und aus
Deutſchland kommen ſollte, unternahm Honorius einen zweiten Ver-
ſuch zur Eroberung Roms, konnte auch die Engelsburg und nach langen
blutigen Kämpfen die Peterskirche nehmen; im Lateran aber behauptete
ſich Alexander unter dem Schutz normänniſcher Truppen. Die Kräfte
hielten ſich die Wage. Das von Honorius erhoffte deutſch-griechiſche
Eingreifen blieb freilich aus — es war wohl von jeher ein Jrrlicht ge-
weſen — aber in der Umgebung Alexanders hielt man die Lage doch für
ſo bedenklich, daß man ſich widerſtrebend zu einer erneuten Prüfung und
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[319/0328] Alexander II. und Honorius II. Teile fügten ſich und zogen ſich in ihre früheren Bistümer zurück, Honorius in der Meinung, daß man den Papſt des Königs nicht fallen laſſen werde, Alexander und die Seinen im Vertrauen auf ihre Be- ziehungen zu dem neuen Regenten, die Herzog Gotfried vermittelte. Sie täuſchten ſich nicht. Ein Reichstag zu Augsburg im Oktober 1062 kam nach erregtem Wortſtreit, denn die Meinungen waren geteilt, unter Annos beherrſchendem Einfluß zu dem Beſchluß, das endgültige Urteil zu vertagen, bis das Ergebnis einer Unterſuchung vorläge. Jnzwiſchen ſollte Alexander ſeinen Sitz wieder einnehmen dürfen. Zur Unter- ſuchung an Ort und Stelle wurde Annos Neffe, Biſchof Burchard von Halberſtadt, ausgeſandt. Dieſer überſchritt ſeinen Auftrag, ſprach noch vor Ablauf des Jahres die Anerkennung Alexanders im Namen des Königs aus und ſorgte für ſeine Aufnahme in Rom. Seinen Lohn erhielt er in Geſtalt des Palliums. Die Hauptperſon, Anno von Köln, empfing die Ernennung zum Erzkanzler der römiſchen Kirche. Kein Zweifel, die deutſchen Biſchöfe hatten das Recht ihres Königs ſelbſtſüchtig verkauft. Der Preis wäre einem Linſengericht gleichzuachten, wenn man nicht an- nehmen müßte, daß er nebenher auch in klingender Münze gezahlt wor- den iſt. So konnte Alexander II. Ende März 1063 ſeinen Sitz in Rom einnehmen, einen Monat ſpäter die übliche Oſterſynode halten und über ſeinen Gegner den Fluch ausſprechen. Entſchieden war damit freilich der Streit noch nicht, Honorius behielt Anhang in und um Rom und in der Lombardei, in Deutſchland hatte Anno Gegner, die ſein Verfahren mißbilligten, und aus Konſtantinopel kamen durch Vermittlung von Amalfi, der Griechenſtadt, Anerbie- tungen zu gemeinſamem Vorgehen gegen die Normannen und ihren Papſt. Denn als deren Geſchöpf wurde Alexander von ſeinen Gegnern angeſehen. Jn Erwartung der Hilfe, die ihm aus dem Oſten und aus Deutſchland kommen ſollte, unternahm Honorius einen zweiten Ver- ſuch zur Eroberung Roms, konnte auch die Engelsburg und nach langen blutigen Kämpfen die Peterskirche nehmen; im Lateran aber behauptete ſich Alexander unter dem Schutz normänniſcher Truppen. Die Kräfte hielten ſich die Wage. Das von Honorius erhoffte deutſch-griechiſche Eingreifen blieb freilich aus — es war wohl von jeher ein Jrrlicht ge- weſen — aber in der Umgebung Alexanders hielt man die Lage doch für ſo bedenklich, daß man ſich widerſtrebend zu einer erneuten Prüfung und Entſcheidung des Streites bereit finden ließ. Für den Papſt, der den

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 319. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/328>, abgerufen am 19.09.2020.