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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Alexander II. und Honorius II.
bardei für sich hatte. Dazu kam, daß er keine starke Persönlichkeit und
Hildebrand ergeben war, der ihn völlig beherrschte.

Derweilen war die römische Gesandtschaft in Deutschland angelangt.
Jn der Lombardei hatten sich ihr der Kanzler Wibert und einige Bi-
schöfe des Landes angeschlossen. Jn Basel empfing sie die Kaiserin und
gab ihrem Verlangen statt. Am 28. Oktober wurde der selbst anwesende
Bischof Kadaloh von Parma zum Papst bestimmt und Honorius II.
genannt. Es geschah unter dem Einfluß des italischen Kanzlers, im
Gegensatz zur Ansicht der deutschen geistlichen Fürsten, den lombardischen
Bischöfen zuliebe. Sie stellten auch die Truppen und Geldmittel, mit
denen man Rom zu erobern gedachte. Trotz anfänglichen Widerstands
der Markgräfin Beatrix -- Gotfried weilte in Lothringen -- wurde
der Marsch durch Toskana erzwungen, und Ende März stand das
lombardische Heer vor Rom.

Hier hatte Hildebrand nach dem Abzug Richards von Capua seinen
Anhang bewaffnet, erlitt aber mit dieser Truppe auf den Wiesen
Neros -- dem heutigen Marsfeld zwischen Engelsburg und Vatikan --
eine vernichtende Niederlage. Honorius konnte Leostadt und Peters-
kirche einnehmen. Aber seiner Einsegnung mußte gemäß dem Zeremo-
niell die Thronbesteigung im Lateran vorausgehen, und obgleich es seinen
Truppen in den nächsten Tagen gelang, in die eigentliche Stadt auf dem
rechten Flußufer einzudringen und sich in der Burg des Cencius einen
Brückenkopf zu sichern, so vermochten sie trotz heftiger Straßenkämpfe
den Lateran nicht zu erreichen. So wurde die Eroberung aufgegeben und
statt dessen die Belagerung unternommen. Nachdem der Adel der Land-
schaft für Honorius gewonnen war, darunter auch die Grafen von
Tuskulum, legte sich das lombardische Heer im Süden vor die Stadt,
wo es den zu erwartenden Normannen die Straßen sperrte. Aber ehe es
hier zum Kampfe kam, wandte sich das Blatt. Jn Deutschland war die
Kaiserin gestürzt, der junge König seiner Mutter geraubt und eine
Regentschaft gebildet worden, in der Erzbischof Anno von Köln die
Hauptperson war. Anno beeilte sich, die Verfügung der Kaiserin in der
römischen Frage rückgängig zu machen, und sandte Herzog Gotfried, der
ihm nahestand, nach Jtalien, um für eine neue Regelung die Bahn zu
bereiten. Etwa im Mai erschien der Herzog vor Rom und nötigte die
streitenden Parteien, einen Waffenstillstand anzunehmen, während dessen
im Namen des Königs die Entscheidung gefällt werden sollte. Beide

Alexander II. und Honorius II.
bardei für ſich hatte. Dazu kam, daß er keine ſtarke Perſönlichkeit und
Hildebrand ergeben war, der ihn völlig beherrſchte.

Derweilen war die römiſche Geſandtſchaft in Deutſchland angelangt.
Jn der Lombardei hatten ſich ihr der Kanzler Wibert und einige Bi-
ſchöfe des Landes angeſchloſſen. Jn Baſel empfing ſie die Kaiſerin und
gab ihrem Verlangen ſtatt. Am 28. Oktober wurde der ſelbſt anweſende
Biſchof Kadaloh von Parma zum Papſt beſtimmt und Honorius II.
genannt. Es geſchah unter dem Einfluß des italiſchen Kanzlers, im
Gegenſatz zur Anſicht der deutſchen geiſtlichen Fürſten, den lombardiſchen
Biſchöfen zuliebe. Sie ſtellten auch die Truppen und Geldmittel, mit
denen man Rom zu erobern gedachte. Trotz anfänglichen Widerſtands
der Markgräfin Beatrix — Gotfried weilte in Lothringen — wurde
der Marſch durch Toskana erzwungen, und Ende März ſtand das
lombardiſche Heer vor Rom.

Hier hatte Hildebrand nach dem Abzug Richards von Capua ſeinen
Anhang bewaffnet, erlitt aber mit dieſer Truppe auf den Wieſen
Neros — dem heutigen Marsfeld zwiſchen Engelsburg und Vatikan —
eine vernichtende Niederlage. Honorius konnte Leoſtadt und Peters-
kirche einnehmen. Aber ſeiner Einſegnung mußte gemäß dem Zeremo-
niell die Thronbeſteigung im Lateran vorausgehen, und obgleich es ſeinen
Truppen in den nächſten Tagen gelang, in die eigentliche Stadt auf dem
rechten Flußufer einzudringen und ſich in der Burg des Cencius einen
Brückenkopf zu ſichern, ſo vermochten ſie trotz heftiger Straßenkämpfe
den Lateran nicht zu erreichen. So wurde die Eroberung aufgegeben und
ſtatt deſſen die Belagerung unternommen. Nachdem der Adel der Land-
ſchaft für Honorius gewonnen war, darunter auch die Grafen von
Tuskulum, legte ſich das lombardiſche Heer im Süden vor die Stadt,
wo es den zu erwartenden Normannen die Straßen ſperrte. Aber ehe es
hier zum Kampfe kam, wandte ſich das Blatt. Jn Deutſchland war die
Kaiſerin geſtürzt, der junge König ſeiner Mutter geraubt und eine
Regentſchaft gebildet worden, in der Erzbiſchof Anno von Köln die
Hauptperſon war. Anno beeilte ſich, die Verfügung der Kaiſerin in der
römiſchen Frage rückgängig zu machen, und ſandte Herzog Gotfried, der
ihm naheſtand, nach Jtalien, um für eine neue Regelung die Bahn zu
bereiten. Etwa im Mai erſchien der Herzog vor Rom und nötigte die
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[318/0327] Alexander II. und Honorius II. bardei für ſich hatte. Dazu kam, daß er keine ſtarke Perſönlichkeit und Hildebrand ergeben war, der ihn völlig beherrſchte. Derweilen war die römiſche Geſandtſchaft in Deutſchland angelangt. Jn der Lombardei hatten ſich ihr der Kanzler Wibert und einige Bi- ſchöfe des Landes angeſchloſſen. Jn Baſel empfing ſie die Kaiſerin und gab ihrem Verlangen ſtatt. Am 28. Oktober wurde der ſelbſt anweſende Biſchof Kadaloh von Parma zum Papſt beſtimmt und Honorius II. genannt. Es geſchah unter dem Einfluß des italiſchen Kanzlers, im Gegenſatz zur Anſicht der deutſchen geiſtlichen Fürſten, den lombardiſchen Biſchöfen zuliebe. Sie ſtellten auch die Truppen und Geldmittel, mit denen man Rom zu erobern gedachte. Trotz anfänglichen Widerſtands der Markgräfin Beatrix — Gotfried weilte in Lothringen — wurde der Marſch durch Toskana erzwungen, und Ende März ſtand das lombardiſche Heer vor Rom. Hier hatte Hildebrand nach dem Abzug Richards von Capua ſeinen Anhang bewaffnet, erlitt aber mit dieſer Truppe auf den Wieſen Neros — dem heutigen Marsfeld zwiſchen Engelsburg und Vatikan — eine vernichtende Niederlage. Honorius konnte Leoſtadt und Peters- kirche einnehmen. Aber ſeiner Einſegnung mußte gemäß dem Zeremo- niell die Thronbeſteigung im Lateran vorausgehen, und obgleich es ſeinen Truppen in den nächſten Tagen gelang, in die eigentliche Stadt auf dem rechten Flußufer einzudringen und ſich in der Burg des Cencius einen Brückenkopf zu ſichern, ſo vermochten ſie trotz heftiger Straßenkämpfe den Lateran nicht zu erreichen. So wurde die Eroberung aufgegeben und ſtatt deſſen die Belagerung unternommen. Nachdem der Adel der Land- ſchaft für Honorius gewonnen war, darunter auch die Grafen von Tuskulum, legte ſich das lombardiſche Heer im Süden vor die Stadt, wo es den zu erwartenden Normannen die Straßen ſperrte. Aber ehe es hier zum Kampfe kam, wandte ſich das Blatt. Jn Deutſchland war die Kaiſerin geſtürzt, der junge König ſeiner Mutter geraubt und eine Regentſchaft gebildet worden, in der Erzbiſchof Anno von Köln die Hauptperſon war. Anno beeilte ſich, die Verfügung der Kaiſerin in der römiſchen Frage rückgängig zu machen, und ſandte Herzog Gotfried, der ihm naheſtand, nach Jtalien, um für eine neue Regelung die Bahn zu bereiten. Etwa im Mai erſchien der Herzog vor Rom und nötigte die ſtreitenden Parteien, einen Waffenſtillſtand anzunehmen, während deſſen im Namen des Königs die Entſcheidung gefällt werden ſollte. Beide

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 318. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/327>, abgerufen am 20.09.2020.