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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Alexander II. und Honorius II.
Kaisertum zu behaupten, nachdem es schon begonnen hatte, sich von
ihm loszusagen. Zeigen mußte sich ebenso, ob Deutschland den Willen
und die Kraft besaß, die Rechte seines Königs in Stadt und Kirche von
Rom gegen den Widerstand des Papstes und der ihm dienstbaren
Mächte festzuhalten. Gemeinsam hatten Papsttum und Kaisertum
die neue Zeit eingeleitet, dann hatten sie sich voneinander entfernt
und waren zuletzt Gegner geworden. Jetzt standen sie vor dem Ent-
scheidungskampf.

Nahezu drei Jahre hat er gedauert. Jm Adel und Volk von Rom
überwog das Verlangen, dem Fremdenregiment der Franzosen, das man
seit dem Schwinden des deutschen Einflusses kennengelernt hatte, ein
Ende zu machen. Die Kardinäle, unter denen der Archidiakon Hilde-
brand unbestritten die Führung hatte, seit der einzige, der sie ihm hätte
streitig machen können, Humbert, seinem Herrn um einige Wochen
(5. Mai) im Tode vorausgegangen war, sahen sich außerstande, eine
Wahl nach ihrem Sinn vorzunehmen. Jn der Bevölkerung siegte der
Entschluß, den König sein Recht als Patritius ausüben zu lassen, wie es
ihm im Jahre 1046 verliehen war. Eine Gesandtschaft, geleitet vom
Grafen von Galeria und vom Abt des Klosters Sankt Gregor, begab
sich nach Deutschland, um sich von ihm, wie unter Heinrich III., den
Papst benennen zu lassen, den man wählen solle. Für Hildebrand und
Genossen war dies das Zeichen, die letzte Rücksicht beiseitezusetzen und
ihre Absichten mit Gewalt durchzuführen. Auf ihren Ruf erschien der
Fürst von Capua, seinem Vassalleneid getreu, mit Truppen in der
Stadt. Aber auch er fand hartnäckigen Widerstand, erst nach blutigem
Kampf führte ein Handstreich zum Ziele. Jn der Nacht vom 30. Sep-
tember zum 1. Oktober bemächtigten sich die Normannen der Kirche
Sankt Peters (ad Vincula) auf dem Kapitol, ließen hier in tumultuari-
scher Weise die Wahl vornehmen und führten den Gewählten in der
Frühe zur Thronbesteigung in den Lateran und zur Einsegnung nach
Sankt Peter. Es war der uns schon bekannte Bischof Anselm von Lucca.
Mit seiner Person wollte man wohl nach mehreren Seiten entgegen-
kommen. Als Bischof der toskanischen Hauptstadt -- das war damals
Lucca, nicht Florenz -- war er Herzog Gotfried genehm, als ehemaliger
kaiserlicher Kaplan, der von Heinrich III. sein Bistum erhalten hatte,
konnte er sich dem deutschen Hof empfehlen, während er als Mailänder
und als geistiger Miturheber der Pataria die Volksmassen der Lom-

Alexander II. und Honorius II.
Kaiſertum zu behaupten, nachdem es ſchon begonnen hatte, ſich von
ihm loszuſagen. Zeigen mußte ſich ebenſo, ob Deutſchland den Willen
und die Kraft beſaß, die Rechte ſeines Königs in Stadt und Kirche von
Rom gegen den Widerſtand des Papſtes und der ihm dienſtbaren
Mächte feſtzuhalten. Gemeinſam hatten Papſttum und Kaiſertum
die neue Zeit eingeleitet, dann hatten ſie ſich voneinander entfernt
und waren zuletzt Gegner geworden. Jetzt ſtanden ſie vor dem Ent-
ſcheidungskampf.

Nahezu drei Jahre hat er gedauert. Jm Adel und Volk von Rom
überwog das Verlangen, dem Fremdenregiment der Franzoſen, das man
ſeit dem Schwinden des deutſchen Einfluſſes kennengelernt hatte, ein
Ende zu machen. Die Kardinäle, unter denen der Archidiakon Hilde-
brand unbeſtritten die Führung hatte, ſeit der einzige, der ſie ihm hätte
ſtreitig machen können, Humbert, ſeinem Herrn um einige Wochen
(5. Mai) im Tode vorausgegangen war, ſahen ſich außerſtande, eine
Wahl nach ihrem Sinn vorzunehmen. Jn der Bevölkerung ſiegte der
Entſchluß, den König ſein Recht als Patritius ausüben zu laſſen, wie es
ihm im Jahre 1046 verliehen war. Eine Geſandtſchaft, geleitet vom
Grafen von Galeria und vom Abt des Kloſters Sankt Gregor, begab
ſich nach Deutſchland, um ſich von ihm, wie unter Heinrich III., den
Papſt benennen zu laſſen, den man wählen ſolle. Für Hildebrand und
Genoſſen war dies das Zeichen, die letzte Rückſicht beiſeitezuſetzen und
ihre Abſichten mit Gewalt durchzuführen. Auf ihren Ruf erſchien der
Fürſt von Capua, ſeinem Vaſſalleneid getreu, mit Truppen in der
Stadt. Aber auch er fand hartnäckigen Widerſtand, erſt nach blutigem
Kampf führte ein Handſtreich zum Ziele. Jn der Nacht vom 30. Sep-
tember zum 1. Oktober bemächtigten ſich die Normannen der Kirche
Sankt Peters (ad Vincula) auf dem Kapitol, ließen hier in tumultuari-
ſcher Weiſe die Wahl vornehmen und führten den Gewählten in der
Frühe zur Thronbeſteigung in den Lateran und zur Einſegnung nach
Sankt Peter. Es war der uns ſchon bekannte Biſchof Anſelm von Lucca.
Mit ſeiner Perſon wollte man wohl nach mehreren Seiten entgegen-
kommen. Als Biſchof der toskaniſchen Hauptſtadt — das war damals
Lucca, nicht Florenz — war er Herzog Gotfried genehm, als ehemaliger
kaiſerlicher Kaplan, der von Heinrich III. ſein Bistum erhalten hatte,
konnte er ſich dem deutſchen Hof empfehlen, während er als Mailänder
und als geiſtiger Miturheber der Pataria die Volksmaſſen der Lom-

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[317/0326] Alexander II. und Honorius II. Kaiſertum zu behaupten, nachdem es ſchon begonnen hatte, ſich von ihm loszuſagen. Zeigen mußte ſich ebenſo, ob Deutſchland den Willen und die Kraft beſaß, die Rechte ſeines Königs in Stadt und Kirche von Rom gegen den Widerſtand des Papſtes und der ihm dienſtbaren Mächte feſtzuhalten. Gemeinſam hatten Papſttum und Kaiſertum die neue Zeit eingeleitet, dann hatten ſie ſich voneinander entfernt und waren zuletzt Gegner geworden. Jetzt ſtanden ſie vor dem Ent- ſcheidungskampf. Nahezu drei Jahre hat er gedauert. Jm Adel und Volk von Rom überwog das Verlangen, dem Fremdenregiment der Franzoſen, das man ſeit dem Schwinden des deutſchen Einfluſſes kennengelernt hatte, ein Ende zu machen. Die Kardinäle, unter denen der Archidiakon Hilde- brand unbeſtritten die Führung hatte, ſeit der einzige, der ſie ihm hätte ſtreitig machen können, Humbert, ſeinem Herrn um einige Wochen (5. Mai) im Tode vorausgegangen war, ſahen ſich außerſtande, eine Wahl nach ihrem Sinn vorzunehmen. Jn der Bevölkerung ſiegte der Entſchluß, den König ſein Recht als Patritius ausüben zu laſſen, wie es ihm im Jahre 1046 verliehen war. Eine Geſandtſchaft, geleitet vom Grafen von Galeria und vom Abt des Kloſters Sankt Gregor, begab ſich nach Deutſchland, um ſich von ihm, wie unter Heinrich III., den Papſt benennen zu laſſen, den man wählen ſolle. Für Hildebrand und Genoſſen war dies das Zeichen, die letzte Rückſicht beiſeitezuſetzen und ihre Abſichten mit Gewalt durchzuführen. Auf ihren Ruf erſchien der Fürſt von Capua, ſeinem Vaſſalleneid getreu, mit Truppen in der Stadt. Aber auch er fand hartnäckigen Widerſtand, erſt nach blutigem Kampf führte ein Handſtreich zum Ziele. Jn der Nacht vom 30. Sep- tember zum 1. Oktober bemächtigten ſich die Normannen der Kirche Sankt Peters (ad Vincula) auf dem Kapitol, ließen hier in tumultuari- ſcher Weiſe die Wahl vornehmen und führten den Gewählten in der Frühe zur Thronbeſteigung in den Lateran und zur Einſegnung nach Sankt Peter. Es war der uns ſchon bekannte Biſchof Anſelm von Lucca. Mit ſeiner Perſon wollte man wohl nach mehreren Seiten entgegen- kommen. Als Biſchof der toskaniſchen Hauptſtadt — das war damals Lucca, nicht Florenz — war er Herzog Gotfried genehm, als ehemaliger kaiſerlicher Kaplan, der von Heinrich III. ſein Bistum erhalten hatte, konnte er ſich dem deutſchen Hof empfehlen, während er als Mailänder und als geiſtiger Miturheber der Pataria die Volksmaſſen der Lom-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 317. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/326>, abgerufen am 19.09.2020.