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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Bruch mit Deutschland
geführt hat, sagt kein Bericht, doch kann es nicht zweifelhaft sein. Das
Gesetz über die Papstwahl mag Befremden erregt haben, ist aber augen-
scheinlich ohne Widerspruch hingenommen worden. Man hat sich wohl
mit dem ausdrücklichen Vorbehalt zugunsten des Königs getröstet. Über
die Verträge mit den Normannen dagegen konnte sich niemand täuschen.
Sie bedeuteten den Anschluß an die Feinde und einen Eingriff in die
Rechte des Reiches. Durch die Belehnung Richards und Roberts hatte
der Papst sich das Eigentum an Gebieten angemaßt, die seit alters zum
Reich gehörten, über die noch Heinrich III. vor zwölf Jahren verfügt
hatte. Jn Deutschland kann die Tatsache nicht sogleich bekannt geworden
sein, sie war vielleicht mit Absicht geheimgehalten worden und sickerte
erst allmählich durch. Aber als man am Hof davon erfuhr, war die
Wirkung entsprechend. Kardinal Stefan, der mit geheimen Eröffnungen
erschien, um zu beschwichtigen, fand verschlossene Türen. Daß gleich-
zeitig dem neuen Erzbischof von Mainz das Pallium verweigert wurde,
wenn er es sich nicht persönlich hole, goß Öl ins Feuer. Ohne empfangen
zu sein, mußte der Kardinal abreisen. Die deutschen Bischöfe aber
traten am Hof zusammen und sagten dem Papst die Gemeinschaft auf.
Seine Maßregeln sollten ungültig sein, sein Name bei der Messe
nicht mehr genannt werden. Eine Spaltung, wie man sie noch nicht
erlebt hatte, war ausgebrochen.

Nikolaus II. befand sich in Rom auch nach Beseitigung des Gegen-
papstes in keiner angenehmen Lage. Nach wie vor wurde die Nachbar-
schaft von Gegnern unsicher gemacht, die Pilgerfahrten waren gestört.
Jm Frühjahr 1061 geschah es sogar, daß eine Gesandtschaft des Königs
von England auf der Rückreise vom Grafen von Galeria überfallen und
ausgeplündert wurde. Jhr Haupt, Graf Tostig, soll daraufhin anzüg-
liche Reden geführt haben über einen Papst, den man in der Ferne nicht
zu fürchten brauche, wenn er nicht einmal in nächster Nähe Herr sei.
Nikolaus konnte nichts weiter tun als auf der Ostersynode über den
Räuber den Fluch aussprechen lassen. Dann verließ er die Hauptstadt
und zog sich nach Florenz zurück, dessen Bistum er -- wie übrigens auch
Clemens II., Viktor II. und zu Anfang sogar Leo IX. -- als Papst bei-
behalten hatte. Hier ist er schon am 20. Juli 1061 gestorben.

Bei der Wahl des Nachfolgers mußte es sich zeigen, ob das refor-
mierte Papsttum imstande sein würde, sich im Gegensatz zum deutschen

Bruch mit Deutſchland
geführt hat, ſagt kein Bericht, doch kann es nicht zweifelhaft ſein. Das
Geſetz über die Papſtwahl mag Befremden erregt haben, iſt aber augen-
ſcheinlich ohne Widerſpruch hingenommen worden. Man hat ſich wohl
mit dem ausdrücklichen Vorbehalt zugunſten des Königs getröſtet. Über
die Verträge mit den Normannen dagegen konnte ſich niemand täuſchen.
Sie bedeuteten den Anſchluß an die Feinde und einen Eingriff in die
Rechte des Reiches. Durch die Belehnung Richards und Roberts hatte
der Papſt ſich das Eigentum an Gebieten angemaßt, die ſeit alters zum
Reich gehörten, über die noch Heinrich III. vor zwölf Jahren verfügt
hatte. Jn Deutſchland kann die Tatſache nicht ſogleich bekannt geworden
ſein, ſie war vielleicht mit Abſicht geheimgehalten worden und ſickerte
erſt allmählich durch. Aber als man am Hof davon erfuhr, war die
Wirkung entſprechend. Kardinal Stefan, der mit geheimen Eröffnungen
erſchien, um zu beſchwichtigen, fand verſchloſſene Türen. Daß gleich-
zeitig dem neuen Erzbiſchof von Mainz das Pallium verweigert wurde,
wenn er es ſich nicht perſönlich hole, goß Öl ins Feuer. Ohne empfangen
zu ſein, mußte der Kardinal abreiſen. Die deutſchen Biſchöfe aber
traten am Hof zuſammen und ſagten dem Papſt die Gemeinſchaft auf.
Seine Maßregeln ſollten ungültig ſein, ſein Name bei der Meſſe
nicht mehr genannt werden. Eine Spaltung, wie man ſie noch nicht
erlebt hatte, war ausgebrochen.

Nikolaus II. befand ſich in Rom auch nach Beſeitigung des Gegen-
papſtes in keiner angenehmen Lage. Nach wie vor wurde die Nachbar-
ſchaft von Gegnern unſicher gemacht, die Pilgerfahrten waren geſtört.
Jm Frühjahr 1061 geſchah es ſogar, daß eine Geſandtſchaft des Königs
von England auf der Rückreiſe vom Grafen von Galeria überfallen und
ausgeplündert wurde. Jhr Haupt, Graf Toſtig, ſoll daraufhin anzüg-
liche Reden geführt haben über einen Papſt, den man in der Ferne nicht
zu fürchten brauche, wenn er nicht einmal in nächſter Nähe Herr ſei.
Nikolaus konnte nichts weiter tun als auf der Oſterſynode über den
Räuber den Fluch ausſprechen laſſen. Dann verließ er die Hauptſtadt
und zog ſich nach Florenz zurück, deſſen Bistum er — wie übrigens auch
Clemens II., Viktor II. und zu Anfang ſogar Leo IX. — als Papſt bei-
behalten hatte. Hier iſt er ſchon am 20. Juli 1061 geſtorben.

Bei der Wahl des Nachfolgers mußte es ſich zeigen, ob das refor-
mierte Papſttum imſtande ſein würde, ſich im Gegenſatz zum deutſchen

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[316/0325] Bruch mit Deutſchland geführt hat, ſagt kein Bericht, doch kann es nicht zweifelhaft ſein. Das Geſetz über die Papſtwahl mag Befremden erregt haben, iſt aber augen- ſcheinlich ohne Widerſpruch hingenommen worden. Man hat ſich wohl mit dem ausdrücklichen Vorbehalt zugunſten des Königs getröſtet. Über die Verträge mit den Normannen dagegen konnte ſich niemand täuſchen. Sie bedeuteten den Anſchluß an die Feinde und einen Eingriff in die Rechte des Reiches. Durch die Belehnung Richards und Roberts hatte der Papſt ſich das Eigentum an Gebieten angemaßt, die ſeit alters zum Reich gehörten, über die noch Heinrich III. vor zwölf Jahren verfügt hatte. Jn Deutſchland kann die Tatſache nicht ſogleich bekannt geworden ſein, ſie war vielleicht mit Abſicht geheimgehalten worden und ſickerte erſt allmählich durch. Aber als man am Hof davon erfuhr, war die Wirkung entſprechend. Kardinal Stefan, der mit geheimen Eröffnungen erſchien, um zu beſchwichtigen, fand verſchloſſene Türen. Daß gleich- zeitig dem neuen Erzbiſchof von Mainz das Pallium verweigert wurde, wenn er es ſich nicht perſönlich hole, goß Öl ins Feuer. Ohne empfangen zu ſein, mußte der Kardinal abreiſen. Die deutſchen Biſchöfe aber traten am Hof zuſammen und ſagten dem Papſt die Gemeinſchaft auf. Seine Maßregeln ſollten ungültig ſein, ſein Name bei der Meſſe nicht mehr genannt werden. Eine Spaltung, wie man ſie noch nicht erlebt hatte, war ausgebrochen. Nikolaus II. befand ſich in Rom auch nach Beſeitigung des Gegen- papſtes in keiner angenehmen Lage. Nach wie vor wurde die Nachbar- ſchaft von Gegnern unſicher gemacht, die Pilgerfahrten waren geſtört. Jm Frühjahr 1061 geſchah es ſogar, daß eine Geſandtſchaft des Königs von England auf der Rückreiſe vom Grafen von Galeria überfallen und ausgeplündert wurde. Jhr Haupt, Graf Toſtig, ſoll daraufhin anzüg- liche Reden geführt haben über einen Papſt, den man in der Ferne nicht zu fürchten brauche, wenn er nicht einmal in nächſter Nähe Herr ſei. Nikolaus konnte nichts weiter tun als auf der Oſterſynode über den Räuber den Fluch ausſprechen laſſen. Dann verließ er die Hauptſtadt und zog ſich nach Florenz zurück, deſſen Bistum er — wie übrigens auch Clemens II., Viktor II. und zu Anfang ſogar Leo IX. — als Papſt bei- behalten hatte. Hier iſt er ſchon am 20. Juli 1061 geſtorben. Bei der Wahl des Nachfolgers mußte es ſich zeigen, ob das refor- mierte Papſttum imſtande ſein würde, ſich im Gegenſatz zum deutſchen

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 316. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/325>, abgerufen am 19.09.2020.