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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verhältnis zu Frankreich

Es ist nicht zu verkennen, Frankreich erfreute sich besonderer Scho-
nung, obgleich dort Anlaß zu strengem Vorgehen reichlich vorhanden
war. Wir kennen das harte Urteil Humberts über König Heinrich I.,
den Verderber der Kirche. Soeben erst hatte er erneuten Anstoß gegeben,
in Macon einen unmöglichen Bischof zwangsweise eingesetzt, Beauvais
gegen Zahlung vergeben und den Simonisten über den Kopf des Erz-
bischofs von Reims hinweg weihen lassen. Dieser war selbst keineswegs
einwandfrei. Aber Nikolaus drückte ein Auge zu. Anstatt zu schelten
und zu drohen, schrieb er dem Erzbischof in verbindlichster Art, das Ver-
gangene solle vergessen sein in Hoffnung auf künftige Dienste. Er er-
suchte ihn, auf den König einzuwirken, daß er sich den heiligen Kanones
und dem heiligen Petrus unterwerfe, und überließ es ihm, gegen den Ein-
dringling in Beauvais im Namen des Papstes einzuschreiten. Die
Gunst war nicht verschwendet: bereitwilligst ergriff der Erzbischof die
dargereichte Hand, und zwischen Rom und Reims entwickelte sich ein
Briefwechsel in der Tonart gegenseitigen Vertrauens. Nicht so leicht
war der König zu gewinnen. Zwei Legaten, die bei der Krönung des
Kronprinzen in Reims erschienen, wurden nur "aus Rücksicht und Ver-
ehrung für den Papst" mit der ausdrücklichen Verwahrung zugelassen,
daß ihre Teilnahme nicht erforderlich sei. Eine Mahnung an die
Königin, ihren Gemahl im Sinne der Kirche zu beeinflussen, hatte kaum
Zeit zu wirken, Heinrich starb schon am 4. August 1060, und der Graf
von Flandern, einst Bundesgenosse Gotfrieds des Bärtigen gegen
Heinrich III., ergriff für den unmündigen Philipp I. die Regierung. Für
einige Jahre war nun die romfreundliche Richtung am Ruder.

Diese weitgehende Rücksicht auf einen Herrscher, der sie durch sein
bisheriges Verhalten am wenigsten verdiente, entsprang politischer Be-
rechnung. Zwischen Frankreich und dem deutschen Reich bestanden seit
der Zeit Heinrichs III. gespannte Beziehungen. Es paßte also zu der
neuen Linie, die seit 1059 in Rom verfolgt wurde, wenn der Papst bei
Frankreich Anlehnung suchte, während er sich von Deutschland ent-
fernte. Die Regentschaft der Kaiserin Agnes scheint die Wendung, die
in Rom eingetreten war, nur langsam in ihrer Tragweite erkannt zu
haben. Noch zu Anfang 1060 hat ein Gesandter des Papstes an einem
Hoftag des Königs und an der Einsetzung des Erzbischofs Siegfried von
Mainz teilgenommen, ohne daß ein Mißklang zu hören wäre. Aber ehe
das Jahr sich wandte, war der offene Bruch da. Was ihn herbei-

Verhältnis zu Frankreich

Es iſt nicht zu verkennen, Frankreich erfreute ſich beſonderer Scho-
nung, obgleich dort Anlaß zu ſtrengem Vorgehen reichlich vorhanden
war. Wir kennen das harte Urteil Humberts über König Heinrich I.,
den Verderber der Kirche. Soeben erſt hatte er erneuten Anſtoß gegeben,
in Mâcon einen unmöglichen Biſchof zwangsweiſe eingeſetzt, Beauvais
gegen Zahlung vergeben und den Simoniſten über den Kopf des Erz-
biſchofs von Reims hinweg weihen laſſen. Dieſer war ſelbſt keineswegs
einwandfrei. Aber Nikolaus drückte ein Auge zu. Anſtatt zu ſchelten
und zu drohen, ſchrieb er dem Erzbiſchof in verbindlichſter Art, das Ver-
gangene ſolle vergeſſen ſein in Hoffnung auf künftige Dienſte. Er er-
ſuchte ihn, auf den König einzuwirken, daß er ſich den heiligen Kanones
und dem heiligen Petrus unterwerfe, und überließ es ihm, gegen den Ein-
dringling in Beauvais im Namen des Papſtes einzuſchreiten. Die
Gunſt war nicht verſchwendet: bereitwilligſt ergriff der Erzbiſchof die
dargereichte Hand, und zwiſchen Rom und Reims entwickelte ſich ein
Briefwechſel in der Tonart gegenſeitigen Vertrauens. Nicht ſo leicht
war der König zu gewinnen. Zwei Legaten, die bei der Krönung des
Kronprinzen in Reims erſchienen, wurden nur „aus Rückſicht und Ver-
ehrung für den Papſt“ mit der ausdrücklichen Verwahrung zugelaſſen,
daß ihre Teilnahme nicht erforderlich ſei. Eine Mahnung an die
Königin, ihren Gemahl im Sinne der Kirche zu beeinfluſſen, hatte kaum
Zeit zu wirken, Heinrich ſtarb ſchon am 4. Auguſt 1060, und der Graf
von Flandern, einſt Bundesgenoſſe Gotfrieds des Bärtigen gegen
Heinrich III., ergriff für den unmündigen Philipp I. die Regierung. Für
einige Jahre war nun die romfreundliche Richtung am Ruder.

Dieſe weitgehende Rückſicht auf einen Herrſcher, der ſie durch ſein
bisheriges Verhalten am wenigſten verdiente, entſprang politiſcher Be-
rechnung. Zwiſchen Frankreich und dem deutſchen Reich beſtanden ſeit
der Zeit Heinrichs III. geſpannte Beziehungen. Es paßte alſo zu der
neuen Linie, die ſeit 1059 in Rom verfolgt wurde, wenn der Papſt bei
Frankreich Anlehnung ſuchte, während er ſich von Deutſchland ent-
fernte. Die Regentſchaft der Kaiſerin Agnes ſcheint die Wendung, die
in Rom eingetreten war, nur langſam in ihrer Tragweite erkannt zu
haben. Noch zu Anfang 1060 hat ein Geſandter des Papſtes an einem
Hoftag des Königs und an der Einſetzung des Erzbiſchofs Siegfried von
Mainz teilgenommen, ohne daß ein Mißklang zu hören wäre. Aber ehe
das Jahr ſich wandte, war der offene Bruch da. Was ihn herbei-

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[315/0324] Verhältnis zu Frankreich Es iſt nicht zu verkennen, Frankreich erfreute ſich beſonderer Scho- nung, obgleich dort Anlaß zu ſtrengem Vorgehen reichlich vorhanden war. Wir kennen das harte Urteil Humberts über König Heinrich I., den Verderber der Kirche. Soeben erſt hatte er erneuten Anſtoß gegeben, in Mâcon einen unmöglichen Biſchof zwangsweiſe eingeſetzt, Beauvais gegen Zahlung vergeben und den Simoniſten über den Kopf des Erz- biſchofs von Reims hinweg weihen laſſen. Dieſer war ſelbſt keineswegs einwandfrei. Aber Nikolaus drückte ein Auge zu. Anſtatt zu ſchelten und zu drohen, ſchrieb er dem Erzbiſchof in verbindlichſter Art, das Ver- gangene ſolle vergeſſen ſein in Hoffnung auf künftige Dienſte. Er er- ſuchte ihn, auf den König einzuwirken, daß er ſich den heiligen Kanones und dem heiligen Petrus unterwerfe, und überließ es ihm, gegen den Ein- dringling in Beauvais im Namen des Papſtes einzuſchreiten. Die Gunſt war nicht verſchwendet: bereitwilligſt ergriff der Erzbiſchof die dargereichte Hand, und zwiſchen Rom und Reims entwickelte ſich ein Briefwechſel in der Tonart gegenſeitigen Vertrauens. Nicht ſo leicht war der König zu gewinnen. Zwei Legaten, die bei der Krönung des Kronprinzen in Reims erſchienen, wurden nur „aus Rückſicht und Ver- ehrung für den Papſt“ mit der ausdrücklichen Verwahrung zugelaſſen, daß ihre Teilnahme nicht erforderlich ſei. Eine Mahnung an die Königin, ihren Gemahl im Sinne der Kirche zu beeinfluſſen, hatte kaum Zeit zu wirken, Heinrich ſtarb ſchon am 4. Auguſt 1060, und der Graf von Flandern, einſt Bundesgenoſſe Gotfrieds des Bärtigen gegen Heinrich III., ergriff für den unmündigen Philipp I. die Regierung. Für einige Jahre war nun die romfreundliche Richtung am Ruder. Dieſe weitgehende Rückſicht auf einen Herrſcher, der ſie durch ſein bisheriges Verhalten am wenigſten verdiente, entſprang politiſcher Be- rechnung. Zwiſchen Frankreich und dem deutſchen Reich beſtanden ſeit der Zeit Heinrichs III. geſpannte Beziehungen. Es paßte alſo zu der neuen Linie, die ſeit 1059 in Rom verfolgt wurde, wenn der Papſt bei Frankreich Anlehnung ſuchte, während er ſich von Deutſchland ent- fernte. Die Regentſchaft der Kaiſerin Agnes ſcheint die Wendung, die in Rom eingetreten war, nur langſam in ihrer Tragweite erkannt zu haben. Noch zu Anfang 1060 hat ein Geſandter des Papſtes an einem Hoftag des Königs und an der Einſetzung des Erzbiſchofs Siegfried von Mainz teilgenommen, ohne daß ein Mißklang zu hören wäre. Aber ehe das Jahr ſich wandte, war der offene Bruch da. Was ihn herbei-

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 315. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/324>, abgerufen am 19.09.2020.