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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Verhältnis zu Frankreich
den Schöpfern der Verträge von Capua und Melfi die Freude an ihrem
Werk gestört haben. Sie durften die unmittelbaren Vorteile genießen:
Truppen, die Richard von Capua sandte, säuberten die Umgebung Roms
vom Anhang des Gegenpapstes. Dieser selbst ergab sich noch im Herbst
gegen das Versprechen, unbehelligt in Rom als Privatmann leben zu
dürfen. Dem Schicksal, auf der nächsten Ostersynode zu öffentlichem
Schuldbekenntnis gezwungen und in schimpflichen Formen seiner Würde
entkleidet zu werden, entging er darum doch nicht. Den Rest seiner Tage
durfte er erst als Laie, dann als Subdiakon und Diakon bei einer römi-
schen Kirche verbringen. Als Priester zu amtieren wurde ihm nicht ge-
stattet, weil seiner Anhänger in der Stadt noch zu viele waren.

Das Verfahren, das Viktor II. zuerst aufgebracht hatte, die Reform
der Kirche außerhalb Jtaliens durch Vertreter betreiben zu lassen, hat
Nikolaus II. in Frankreich und Burgund, den Ländern, die ihm nach
seiner Herkunft am nächsten standen, angewendet. Jn der Provence und
Languedoc hat in seinem Auftrag Abt Hugo von Cluny gewirkt und
zwei Bischöfe abgesetzt, die der Simonie geständig waren. Jn Vienne
und Tours hielt der Kardinalpriester Stefan, auch ein geborener Bur-
gunder, Synoden ab und ließ entsprechend den Gesetzen von 1059 Be-
schlüsse fassen. Wie das geschah, ist lehrreich. Unerbittlich wurde die
Pflicht der Ehelosigkeit eingeschärft: wer künftig dagegen verstoße, sollte
seine Stelle ohne Aussicht auf Gnade verlieren. Jn diesem Punkt also
muß der französische Klerus zugänglich gewesen sein. Jn anderen war
er es offenbar weniger. Auch gegen den Stellenkauf faßten beide Syn-
oden scharfe Beschlüsse, ermächtigten sogar die Geistlichen, gegen den
eigenen Bischof bei den Bischöfen der Nachbarschaft oder in Rom
Klage zu erheben. Aber von einem Verbot der Annahme von Kirchen
aus Laienhand war keine Rede. Wir wissen, daß der Papst selbst in der
Kundgabe der Beschlüsse von 1059 an die französischen Bischöfe diesen
Punkt unterdrückt hatte. Sein Legat mußte noch vorsichtiger sein. Jn
Vienne wie in Tours wurde nur verfügt, daß niemand eine Kirche von
einem Laien ohne Wissen des Ortsbischofs annehme. Damit war das
römische Gesetz tatsächlich aufgehoben. Es wird die Rücksicht auf den
Adel des Landes gewesen sein, die dazu nötigte. So weit war man damals
noch davon entfernt, die revolutionären Grundsätze, die Humbert vertrat,
praktisch zur Geltung zu bringen.

Verhältnis zu Frankreich
den Schöpfern der Verträge von Capua und Melfi die Freude an ihrem
Werk geſtört haben. Sie durften die unmittelbaren Vorteile genießen:
Truppen, die Richard von Capua ſandte, ſäuberten die Umgebung Roms
vom Anhang des Gegenpapſtes. Dieſer ſelbſt ergab ſich noch im Herbſt
gegen das Verſprechen, unbehelligt in Rom als Privatmann leben zu
dürfen. Dem Schickſal, auf der nächſten Oſterſynode zu öffentlichem
Schuldbekenntnis gezwungen und in ſchimpflichen Formen ſeiner Würde
entkleidet zu werden, entging er darum doch nicht. Den Reſt ſeiner Tage
durfte er erſt als Laie, dann als Subdiakon und Diakon bei einer römi-
ſchen Kirche verbringen. Als Prieſter zu amtieren wurde ihm nicht ge-
ſtattet, weil ſeiner Anhänger in der Stadt noch zu viele waren.

Das Verfahren, das Viktor II. zuerſt aufgebracht hatte, die Reform
der Kirche außerhalb Jtaliens durch Vertreter betreiben zu laſſen, hat
Nikolaus II. in Frankreich und Burgund, den Ländern, die ihm nach
ſeiner Herkunft am nächſten ſtanden, angewendet. Jn der Provence und
Languedoc hat in ſeinem Auftrag Abt Hugo von Cluny gewirkt und
zwei Biſchöfe abgeſetzt, die der Simonie geſtändig waren. Jn Vienne
und Tours hielt der Kardinalprieſter Stefan, auch ein geborener Bur-
gunder, Synoden ab und ließ entſprechend den Geſetzen von 1059 Be-
ſchlüſſe faſſen. Wie das geſchah, iſt lehrreich. Unerbittlich wurde die
Pflicht der Eheloſigkeit eingeſchärft: wer künftig dagegen verſtoße, ſollte
ſeine Stelle ohne Ausſicht auf Gnade verlieren. Jn dieſem Punkt alſo
muß der franzöſiſche Klerus zugänglich geweſen ſein. Jn anderen war
er es offenbar weniger. Auch gegen den Stellenkauf faßten beide Syn-
oden ſcharfe Beſchlüſſe, ermächtigten ſogar die Geiſtlichen, gegen den
eigenen Biſchof bei den Biſchöfen der Nachbarſchaft oder in Rom
Klage zu erheben. Aber von einem Verbot der Annahme von Kirchen
aus Laienhand war keine Rede. Wir wiſſen, daß der Papſt ſelbſt in der
Kundgabe der Beſchlüſſe von 1059 an die franzöſiſchen Biſchöfe dieſen
Punkt unterdrückt hatte. Sein Legat mußte noch vorſichtiger ſein. Jn
Vienne wie in Tours wurde nur verfügt, daß niemand eine Kirche von
einem Laien ohne Wiſſen des Ortsbiſchofs annehme. Damit war das
römiſche Geſetz tatſächlich aufgehoben. Es wird die Rückſicht auf den
Adel des Landes geweſen ſein, die dazu nötigte. So weit war man damals
noch davon entfernt, die revolutionären Grundſätze, die Humbert vertrat,
praktiſch zur Geltung zu bringen.

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[314/0323] Verhältnis zu Frankreich den Schöpfern der Verträge von Capua und Melfi die Freude an ihrem Werk geſtört haben. Sie durften die unmittelbaren Vorteile genießen: Truppen, die Richard von Capua ſandte, ſäuberten die Umgebung Roms vom Anhang des Gegenpapſtes. Dieſer ſelbſt ergab ſich noch im Herbſt gegen das Verſprechen, unbehelligt in Rom als Privatmann leben zu dürfen. Dem Schickſal, auf der nächſten Oſterſynode zu öffentlichem Schuldbekenntnis gezwungen und in ſchimpflichen Formen ſeiner Würde entkleidet zu werden, entging er darum doch nicht. Den Reſt ſeiner Tage durfte er erſt als Laie, dann als Subdiakon und Diakon bei einer römi- ſchen Kirche verbringen. Als Prieſter zu amtieren wurde ihm nicht ge- ſtattet, weil ſeiner Anhänger in der Stadt noch zu viele waren. Das Verfahren, das Viktor II. zuerſt aufgebracht hatte, die Reform der Kirche außerhalb Jtaliens durch Vertreter betreiben zu laſſen, hat Nikolaus II. in Frankreich und Burgund, den Ländern, die ihm nach ſeiner Herkunft am nächſten ſtanden, angewendet. Jn der Provence und Languedoc hat in ſeinem Auftrag Abt Hugo von Cluny gewirkt und zwei Biſchöfe abgeſetzt, die der Simonie geſtändig waren. Jn Vienne und Tours hielt der Kardinalprieſter Stefan, auch ein geborener Bur- gunder, Synoden ab und ließ entſprechend den Geſetzen von 1059 Be- ſchlüſſe faſſen. Wie das geſchah, iſt lehrreich. Unerbittlich wurde die Pflicht der Eheloſigkeit eingeſchärft: wer künftig dagegen verſtoße, ſollte ſeine Stelle ohne Ausſicht auf Gnade verlieren. Jn dieſem Punkt alſo muß der franzöſiſche Klerus zugänglich geweſen ſein. Jn anderen war er es offenbar weniger. Auch gegen den Stellenkauf faßten beide Syn- oden ſcharfe Beſchlüſſe, ermächtigten ſogar die Geiſtlichen, gegen den eigenen Biſchof bei den Biſchöfen der Nachbarſchaft oder in Rom Klage zu erheben. Aber von einem Verbot der Annahme von Kirchen aus Laienhand war keine Rede. Wir wiſſen, daß der Papſt ſelbſt in der Kundgabe der Beſchlüſſe von 1059 an die franzöſiſchen Biſchöfe dieſen Punkt unterdrückt hatte. Sein Legat mußte noch vorſichtiger ſein. Jn Vienne wie in Tours wurde nur verfügt, daß niemand eine Kirche von einem Laien ohne Wiſſen des Ortsbiſchofs annehme. Damit war das römiſche Geſetz tatſächlich aufgehoben. Es wird die Rückſicht auf den Adel des Landes geweſen ſein, die dazu nötigte. So weit war man damals noch davon entfernt, die revolutionären Grundſätze, die Humbert vertrat, praktiſch zur Geltung zu bringen.

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 314. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/323>, abgerufen am 19.09.2020.