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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Belehnung der Normannen
allein angewiesen, dessen Versagen man soeben spürte und dessen Macht
unbequem werden konnte. Dem Herzog hatte Nikolaus schon ein schwe-
res Opfer bringen müssen: ein Stück des Kirchenstaats, die alte Penta-
polis, hatte er ihm überlassen und, als Ancona sich dagegen wehrte, die
Stadt aus der Kirche ausgeschlossen. Solche Abhängigkeit brauchte nun
nicht mehr ewig zu dauern. Noch höher aber stieg der Wert des Er-
reichten, wenn man über die Bedürfnisse des Augenblicks hinweg die
Dinge in größerem Zusammenhang sah. Wünsche, die seit dreihundert
Jahren, seit den Tagen Stefans II. und Hadrians I., genährt wurden,
die unter Johannes VIII. und Johannes XII., Benedikt VIII. und
Leo IX. lebendig geworden waren, jetzt waren sie erfüllt: Sankt Peter
war Oberherr der größeren Hälfte von Jtalien, zwischen den Mächten
in Nord und Süd, dem italischen König, dem Herzog von Toskana und
den Normannenfürsten das Gleichgewicht haltend. Die Bischöfe Unter-
italiens und Siziliens kehrten zurück unter die Botmäßigkeit Roms,
der alte kirchliche Amtssprengel war wiederhergestellt. Auch der bare
Nutzen fehlte nicht; für den verlorengegangenen Grundbesitz im Süden
und auf Sizilien bot der Lehnszins der Fürsten Ersatz. Die Habenseite
der Rechnung wies stattliche Posten auf.

Freilich fehlte auch die Sollseite nicht. Die Normannen waren
Vassallen des Papstes geworden; aber welche Bürgschaft gab es, daß
die Diener nicht bei weiterer Entwicklung ihrer Macht versuchen wür-
den, die Herren zu spielen? Einstweilen bot die Teilung des Landes in
zwei Fürstentümer die Möglichkeit, eines gegen das andere zu benutzen.
Gegen die Gefahr eines geeinten und dadurch allzu starken Unteritalien
sollte ferner das Versprechen der Unantastbarkeit von Salerno schützen.
Aber würde es auch gehalten werden? Die Normannen waren bekannt
dafür, daß sie sich durch Verträge und Eide nicht binden ließen. Zählte
man zusammen, so ergab sich, daß das neue Verhältnis, so vorteilhaft
es sich im Augenblick ausnahm, für die Zukunft auch Gefahren enthielt.
Nur zu leicht konnte die Politik des Gleichgewichts den Papst in Ab-
hängigkeit von dem einen oder andern Machthaber bringen. Die
Schwierigkeiten, die unter allen Umständen entstehen, wenn ein schwacher
Staat zwischen stärkeren Nachbarn die Wage zu halten hat, konnten
auch dem Herrn des Kirchenstaats nicht erspart bleiben. Die fernere
Geschichte des Papsttums in acht Jahrhunderten legt davon Zeugnis ab.

Doch das waren Zukunftssorgen, und wir wissen nicht einmal, ob sie

Belehnung der Normannen
allein angewieſen, deſſen Verſagen man ſoeben ſpürte und deſſen Macht
unbequem werden konnte. Dem Herzog hatte Nikolaus ſchon ein ſchwe-
res Opfer bringen müſſen: ein Stück des Kirchenſtaats, die alte Penta-
polis, hatte er ihm überlaſſen und, als Ancona ſich dagegen wehrte, die
Stadt aus der Kirche ausgeſchloſſen. Solche Abhängigkeit brauchte nun
nicht mehr ewig zu dauern. Noch höher aber ſtieg der Wert des Er-
reichten, wenn man über die Bedürfniſſe des Augenblicks hinweg die
Dinge in größerem Zuſammenhang ſah. Wünſche, die ſeit dreihundert
Jahren, ſeit den Tagen Stefans II. und Hadrians I., genährt wurden,
die unter Johannes VIII. und Johannes XII., Benedikt VIII. und
Leo IX. lebendig geworden waren, jetzt waren ſie erfüllt: Sankt Peter
war Oberherr der größeren Hälfte von Jtalien, zwiſchen den Mächten
in Nord und Süd, dem italiſchen König, dem Herzog von Toskana und
den Normannenfürſten das Gleichgewicht haltend. Die Biſchöfe Unter-
italiens und Siziliens kehrten zurück unter die Botmäßigkeit Roms,
der alte kirchliche Amtsſprengel war wiederhergeſtellt. Auch der bare
Nutzen fehlte nicht; für den verlorengegangenen Grundbeſitz im Süden
und auf Sizilien bot der Lehnszins der Fürſten Erſatz. Die Habenſeite
der Rechnung wies ſtattliche Poſten auf.

Freilich fehlte auch die Sollſeite nicht. Die Normannen waren
Vaſſallen des Papſtes geworden; aber welche Bürgſchaft gab es, daß
die Diener nicht bei weiterer Entwicklung ihrer Macht verſuchen wür-
den, die Herren zu ſpielen? Einſtweilen bot die Teilung des Landes in
zwei Fürſtentümer die Möglichkeit, eines gegen das andere zu benutzen.
Gegen die Gefahr eines geeinten und dadurch allzu ſtarken Unteritalien
ſollte ferner das Verſprechen der Unantaſtbarkeit von Salerno ſchützen.
Aber würde es auch gehalten werden? Die Normannen waren bekannt
dafür, daß ſie ſich durch Verträge und Eide nicht binden ließen. Zählte
man zuſammen, ſo ergab ſich, daß das neue Verhältnis, ſo vorteilhaft
es ſich im Augenblick ausnahm, für die Zukunft auch Gefahren enthielt.
Nur zu leicht konnte die Politik des Gleichgewichts den Papſt in Ab-
hängigkeit von dem einen oder andern Machthaber bringen. Die
Schwierigkeiten, die unter allen Umſtänden entſtehen, wenn ein ſchwacher
Staat zwiſchen ſtärkeren Nachbarn die Wage zu halten hat, konnten
auch dem Herrn des Kirchenſtaats nicht erſpart bleiben. Die fernere
Geſchichte des Papſttums in acht Jahrhunderten legt davon Zeugnis ab.

Doch das waren Zukunftsſorgen, und wir wiſſen nicht einmal, ob ſie

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[313/0322] Belehnung der Normannen allein angewieſen, deſſen Verſagen man ſoeben ſpürte und deſſen Macht unbequem werden konnte. Dem Herzog hatte Nikolaus ſchon ein ſchwe- res Opfer bringen müſſen: ein Stück des Kirchenſtaats, die alte Penta- polis, hatte er ihm überlaſſen und, als Ancona ſich dagegen wehrte, die Stadt aus der Kirche ausgeſchloſſen. Solche Abhängigkeit brauchte nun nicht mehr ewig zu dauern. Noch höher aber ſtieg der Wert des Er- reichten, wenn man über die Bedürfniſſe des Augenblicks hinweg die Dinge in größerem Zuſammenhang ſah. Wünſche, die ſeit dreihundert Jahren, ſeit den Tagen Stefans II. und Hadrians I., genährt wurden, die unter Johannes VIII. und Johannes XII., Benedikt VIII. und Leo IX. lebendig geworden waren, jetzt waren ſie erfüllt: Sankt Peter war Oberherr der größeren Hälfte von Jtalien, zwiſchen den Mächten in Nord und Süd, dem italiſchen König, dem Herzog von Toskana und den Normannenfürſten das Gleichgewicht haltend. Die Biſchöfe Unter- italiens und Siziliens kehrten zurück unter die Botmäßigkeit Roms, der alte kirchliche Amtsſprengel war wiederhergeſtellt. Auch der bare Nutzen fehlte nicht; für den verlorengegangenen Grundbeſitz im Süden und auf Sizilien bot der Lehnszins der Fürſten Erſatz. Die Habenſeite der Rechnung wies ſtattliche Poſten auf. Freilich fehlte auch die Sollſeite nicht. Die Normannen waren Vaſſallen des Papſtes geworden; aber welche Bürgſchaft gab es, daß die Diener nicht bei weiterer Entwicklung ihrer Macht verſuchen wür- den, die Herren zu ſpielen? Einſtweilen bot die Teilung des Landes in zwei Fürſtentümer die Möglichkeit, eines gegen das andere zu benutzen. Gegen die Gefahr eines geeinten und dadurch allzu ſtarken Unteritalien ſollte ferner das Verſprechen der Unantaſtbarkeit von Salerno ſchützen. Aber würde es auch gehalten werden? Die Normannen waren bekannt dafür, daß ſie ſich durch Verträge und Eide nicht binden ließen. Zählte man zuſammen, ſo ergab ſich, daß das neue Verhältnis, ſo vorteilhaft es ſich im Augenblick ausnahm, für die Zukunft auch Gefahren enthielt. Nur zu leicht konnte die Politik des Gleichgewichts den Papſt in Ab- hängigkeit von dem einen oder andern Machthaber bringen. Die Schwierigkeiten, die unter allen Umſtänden entſtehen, wenn ein ſchwacher Staat zwiſchen ſtärkeren Nachbarn die Wage zu halten hat, konnten auch dem Herrn des Kirchenſtaats nicht erſpart bleiben. Die fernere Geſchichte des Papſttums in acht Jahrhunderten legt davon Zeugnis ab. Doch das waren Zukunftsſorgen, und wir wiſſen nicht einmal, ob ſie

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 313. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/322>, abgerufen am 19.09.2020.