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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Belehnung der Normannen
Bruder des Grafen Humfred von Apulien hatte er diesen beerbt, indem
er dessen Sohn beiseiteschob. Die Belehnung durch Heinrich III. (1047)
genügte als Rückhalt nicht; durch den Krieg Leos IX. war ihre Geltung
aufgehoben. Nichts konnte ihnen willkommener sein, als ihr Recht in
den Schutz der Kirche, der höchsten Autorität, gestellt zu sehen. Bei aller
sonstigen Rücksichtslosigkeit hatten sie doch stets gegenüber Kirchen und
Heiligen eine beflissene Ergebenheit zur Schau getragen. Dessen hatte
das Kloster Monte Cassino sich zu erfreuen gehabt, so daß Abt Desiderius,
selbst ein Mitglied des Fürstenhauses von Capua, offen auf ihre Seite
getreten war. Vassallen Sankt Peters zu sein, war für sie Ehre und
Stolz und in den Augen der Jhrigen stärkster Rechtsschutz. Dürfte
man ihrer eigenen Überlieferung glauben, so hätten sie in diesem Sinne
schon Leo IX. sich vergeblich angeboten. Danach wären die Verträge von
Capua und Melfi für sie die Erfüllung eines alten Wunsches gewesen.

Schwerer ist die Handlungsweise des Papstes zu erklären. Welches
Recht besaß er auf die Länder, die er hier als sein Eigentum vergab?
Vom unteritalischen Festland hatte der größere Teil seit dem siebenten
Jahrhundert zum langobardisch-italischen Königreich, der Rest zum
byzantinischen Reich gehört, und Sizilien, zu dessen Eroberung Robert
Guiscard erst die Vorbereitungen traf, gehörte seit zweihundert und
mehr Jahren den Arabern. Worauf konnte Nikolaus sich berufen, als
er über Capua, Apulien, Kalabrien und Sizilien verfügte? Es gibt auf
diese Frage nur eine Antwort: die Konstantinische Schenkung. Bei
Pseudoisidor las man die Urkunde, in der der erste christliche Kaiser dem
Papst Silvester und der römischen Kirche Jtalien und die westlichen
Länder zu Eigentum überwiesen hatte. Nikolaus II. griff also nur auf
sein ursprüngliches Recht zurück, wenn er einen Teil der Halbinsel, die
ihm von Rechts wegen ganz gehörte, wieder in Anspruch nahm und zur
Ausstattung seiner Vassallen benutzte. Eine Fälschung, erfunden vor
300 Jahren, um den Widerwillen der Franken gegen einen Feldzug
zum Nutzen Roms zu überwinden, diente, für echt gehalten, dazu, den
Papst zum Lehnsherrn eines neuen, zukunftsreichen Staates zu machen.

Die Vorteile, die das bot, springen in die Augen. Durch die beson-
deren Verpflichtungen, die die Lehnseide enthielten, gewann das Reform-
papsttum für Gegenwart und Zukunft die Verfügung über die besten
Truppen, die es gab. Es wurde dadurch unabhängig von der schon sehr
ungewissen Hilfe des deutschen Königs, war auch nicht mehr auf Toskana

Belehnung der Normannen
Bruder des Grafen Humfred von Apulien hatte er dieſen beerbt, indem
er deſſen Sohn beiſeiteſchob. Die Belehnung durch Heinrich III. (1047)
genügte als Rückhalt nicht; durch den Krieg Leos IX. war ihre Geltung
aufgehoben. Nichts konnte ihnen willkommener ſein, als ihr Recht in
den Schutz der Kirche, der höchſten Autorität, geſtellt zu ſehen. Bei aller
ſonſtigen Rückſichtsloſigkeit hatten ſie doch ſtets gegenüber Kirchen und
Heiligen eine befliſſene Ergebenheit zur Schau getragen. Deſſen hatte
das Kloſter Monte Caſſino ſich zu erfreuen gehabt, ſo daß Abt Deſiderius,
ſelbſt ein Mitglied des Fürſtenhauſes von Capua, offen auf ihre Seite
getreten war. Vaſſallen Sankt Peters zu ſein, war für ſie Ehre und
Stolz und in den Augen der Jhrigen ſtärkſter Rechtsſchutz. Dürfte
man ihrer eigenen Überlieferung glauben, ſo hätten ſie in dieſem Sinne
ſchon Leo IX. ſich vergeblich angeboten. Danach wären die Verträge von
Capua und Melfi für ſie die Erfüllung eines alten Wunſches geweſen.

Schwerer iſt die Handlungsweiſe des Papſtes zu erklären. Welches
Recht beſaß er auf die Länder, die er hier als ſein Eigentum vergab?
Vom unteritaliſchen Feſtland hatte der größere Teil ſeit dem ſiebenten
Jahrhundert zum langobardiſch-italiſchen Königreich, der Reſt zum
byzantiniſchen Reich gehört, und Sizilien, zu deſſen Eroberung Robert
Guiscard erſt die Vorbereitungen traf, gehörte ſeit zweihundert und
mehr Jahren den Arabern. Worauf konnte Nikolaus ſich berufen, als
er über Capua, Apulien, Kalabrien und Sizilien verfügte? Es gibt auf
dieſe Frage nur eine Antwort: die Konſtantiniſche Schenkung. Bei
Pſeudoiſidor las man die Urkunde, in der der erſte chriſtliche Kaiſer dem
Papſt Silveſter und der römiſchen Kirche Jtalien und die weſtlichen
Länder zu Eigentum überwieſen hatte. Nikolaus II. griff alſo nur auf
ſein urſprüngliches Recht zurück, wenn er einen Teil der Halbinſel, die
ihm von Rechts wegen ganz gehörte, wieder in Anſpruch nahm und zur
Ausſtattung ſeiner Vaſſallen benutzte. Eine Fälſchung, erfunden vor
300 Jahren, um den Widerwillen der Franken gegen einen Feldzug
zum Nutzen Roms zu überwinden, diente, für echt gehalten, dazu, den
Papſt zum Lehnsherrn eines neuen, zukunftsreichen Staates zu machen.

Die Vorteile, die das bot, ſpringen in die Augen. Durch die beſon-
deren Verpflichtungen, die die Lehnseide enthielten, gewann das Reform-
papſttum für Gegenwart und Zukunft die Verfügung über die beſten
Truppen, die es gab. Es wurde dadurch unabhängig von der ſchon ſehr
ungewiſſen Hilfe des deutſchen Königs, war auch nicht mehr auf Toskana

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[312/0321] Belehnung der Normannen Bruder des Grafen Humfred von Apulien hatte er dieſen beerbt, indem er deſſen Sohn beiſeiteſchob. Die Belehnung durch Heinrich III. (1047) genügte als Rückhalt nicht; durch den Krieg Leos IX. war ihre Geltung aufgehoben. Nichts konnte ihnen willkommener ſein, als ihr Recht in den Schutz der Kirche, der höchſten Autorität, geſtellt zu ſehen. Bei aller ſonſtigen Rückſichtsloſigkeit hatten ſie doch ſtets gegenüber Kirchen und Heiligen eine befliſſene Ergebenheit zur Schau getragen. Deſſen hatte das Kloſter Monte Caſſino ſich zu erfreuen gehabt, ſo daß Abt Deſiderius, ſelbſt ein Mitglied des Fürſtenhauſes von Capua, offen auf ihre Seite getreten war. Vaſſallen Sankt Peters zu ſein, war für ſie Ehre und Stolz und in den Augen der Jhrigen ſtärkſter Rechtsſchutz. Dürfte man ihrer eigenen Überlieferung glauben, ſo hätten ſie in dieſem Sinne ſchon Leo IX. ſich vergeblich angeboten. Danach wären die Verträge von Capua und Melfi für ſie die Erfüllung eines alten Wunſches geweſen. Schwerer iſt die Handlungsweiſe des Papſtes zu erklären. Welches Recht beſaß er auf die Länder, die er hier als ſein Eigentum vergab? Vom unteritaliſchen Feſtland hatte der größere Teil ſeit dem ſiebenten Jahrhundert zum langobardiſch-italiſchen Königreich, der Reſt zum byzantiniſchen Reich gehört, und Sizilien, zu deſſen Eroberung Robert Guiscard erſt die Vorbereitungen traf, gehörte ſeit zweihundert und mehr Jahren den Arabern. Worauf konnte Nikolaus ſich berufen, als er über Capua, Apulien, Kalabrien und Sizilien verfügte? Es gibt auf dieſe Frage nur eine Antwort: die Konſtantiniſche Schenkung. Bei Pſeudoiſidor las man die Urkunde, in der der erſte chriſtliche Kaiſer dem Papſt Silveſter und der römiſchen Kirche Jtalien und die weſtlichen Länder zu Eigentum überwieſen hatte. Nikolaus II. griff alſo nur auf ſein urſprüngliches Recht zurück, wenn er einen Teil der Halbinſel, die ihm von Rechts wegen ganz gehörte, wieder in Anſpruch nahm und zur Ausſtattung ſeiner Vaſſallen benutzte. Eine Fälſchung, erfunden vor 300 Jahren, um den Widerwillen der Franken gegen einen Feldzug zum Nutzen Roms zu überwinden, diente, für echt gehalten, dazu, den Papſt zum Lehnsherrn eines neuen, zukunftsreichen Staates zu machen. Die Vorteile, die das bot, ſpringen in die Augen. Durch die beſon- deren Verpflichtungen, die die Lehnseide enthielten, gewann das Reform- papſttum für Gegenwart und Zukunft die Verfügung über die beſten Truppen, die es gab. Es wurde dadurch unabhängig von der ſchon ſehr ungewiſſen Hilfe des deutſchen Königs, war auch nicht mehr auf Toskana

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 312. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/321>, abgerufen am 19.09.2020.